Jambo Bwana Siegen is a Shithole

20. Juni 2014

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Meine Freunde lachen immer, wenn sie hören, dass ich am Ende in Siegen gelandet bin.

Aufgewachsen ist Frau M., die studierte Önologin, bei Kapstadt, zwischen Weingütern. Der Mann Deutscher zwar, aber französisch erzogen, das Kind eines EU-Beamten, eine Jugend zwischen den Großstädten der Welt.

Ich könnte umschulen auf Bier, sagt sie, weil das zumindest gibt es hier. Krombacher ist ja schon ein Name.

Geht das, von Wein auf Bier?

Das ist schwer.

Irgendwie ist alles schwer in Siegen.

Vor allem der Verkehr: Um Großstadt zu werden, hat man mehrere Dutzend kleiner Dörfer zusammengefasst. Hat aber nicht funktioniert, zum Großstadtstatus fehlen immer noch ein paar hundert Menschen, weshalb dies genau genommen eine riesige, monströs überformte Kleinstadt ist. Die Mitte ein öder Ort, giftige Grundstücke, die Überreste der Stahlverhüttung. Drumherum die Wohnhäuser. Detroit in Westfalen.

1945 hat in Siegen nur noch jedes siebte Haus gestanden. Die Bomben der Engländer in die engen Täler hinein. Dennoch hat der Krieg die Stadt nicht zerstören können. Es war die Globalisierung, die ihr den Rest gegeben hat. Stahl wird heute in China gekocht, und die Trostgelder fließen vor allem ins Ruhrgebiet, weil da die Probleme noch größer sind.

Die Kinder können nicht mit dem Fahrrad fahren, sagt Frau M., wegen der Berge. Die Busse kommen zu selten und sind immer überfüllt. Mein armer Kleiner, mit der schweren Schultasche und der Bratsche in der Hand in den Bus. Im Vergleich zu Siegen ist Essen ein Traumland: Dort wird Musikunterricht für die Kinder bezuschusst, fast umsonst ist er, der öffentliche Verkehr verfügbar und billig. Dort gibt es zwar auch keine Arbeit. Aber man tut etwas, damit die Leute bleiben. Essen wäre ein Schritt nach vorne.

Frau M.s Mann hat sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag gehangelt, Ingenieur, internationale Projekte, bis die Verträge immer kürzer wurden, so kann man nicht leben, wir wollten eine Familie gründen. Dann das Haus mit dem schönen Wintergarten, der Wald zum Greifen nah. Wir haben nicht lange gezögert.

An den Wänden die Dinge aus Afrika, Stoffe, Masken, Musikinstrumente, Handschmeichler, Kuscheltiere, Trinkgefäße.

Wir sprechen fünf Sprachen, jeden Tag, Englisch, Deutsch, Französisch, Afrikaans und Portugiesisch. Afrikaans ist wie Holländisch. Nur älter.

Wenn ich nach Holland fahre, kann ich mich nach 30 Minuten unterhalten.

Aber Holland ist weit. Weiter noch als Essen.

Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr

24. Februar 2014

Larissas neuer Roman ist erschienen.

Schönhauser Allee

3. Juli 2013

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Auf der Höhe der Cantian, wo die Schönhauser so laut donnert wie sie kann, habe ich vor Jahren mal das tragische Ende eines Überfalls beobachtet. Es muss in den frühen Neunzigern gewesen sein. Zwei Bankräuber flohen aus Richtung der Danziger kommend, die damals noch nach Dimitroff hieß, mit einer weißen Plastiktüte, die der eine mit der Faust zusammenkrallte, wie man einen Sack frisch geborener Katzenbabies hält, wenn man sie ersticken will, zwei dünne junge Männer in billigen Jeansanzügen, in ihrem Blick eher Trauer als Angst. Auf dem Dreieck, das entsteht, weil die Cantianstraße in spitzem Winkel auf die Schönhauser stößt, versteckten sie sich unter niedrigen Bodendeckern, Eiben vielleicht oder Kiefern. Ein einziger Polizist verfolgte sie, leicht dicklich, er hielt mit der einen Hand die Dienstmütze fest, mit der anderen seine Pistole an der Hüfte. Er hatte es nicht sonderlich eilig. Gleich mehrere Passanten zeigten ihm, wo sich die Räuber versteckt hatten. Er schaute unter die Büsche und zog nicht einmal jetzt den Revolver. Nach ein paar Minuten hatte er die Diebe gefasst, er führte sie wie zwei dumme Schuljungen ab, ohne Handschellen, widerstandslos. Die beiden haben mir sehr leid getan. Ich habe mich gefragt, wie viele Jahren sie wohl ins Gefängnis mussten für so einen schrecklich schlecht geplanten, wahrscheinlich nach spontanem Entschluss katastrophal unprofessionell durchgeführten Überfall.
Es muss zur gleichen Zeit gewesen sein, als vor dem Supermarkt ein paar Häuser weiter eine junge Frau mit ihrem Kind saß, einfach so, ohne zu betteln, in weiten Kleidern, vielleicht eine Roma, vielleicht auch nicht, und die Kunden empört den Marktleiter auf die Straße holten und von ihm verlangten, die Polizei zu rufen. Der Marktleiter sträubte sich, kratzte sich am Hinterkopf und sah sich die Sache genauer an. Was liegt gegen die Frau denn vor, fragte er die Umstehenden. Nichts, sagte einer er Kunden, das ist es ja gerade.
Heute wird auf dem Dreieck eines der Millionärshäuser gebaut, mit Blick auf den Sportplatz, komplett verkauft vor dem ersten Spatenstich. An dieser Ecke hat sich zumindest optisch noch das grobe Weichbild der neunziger Jahre erhalten, das Stadion, die gelbe Tram, die Hochbahn, die Unaufgeregtheit.
Als ich hier anhalte, um meinen Fahrradreifen aufzupumpen an einer der Luftstationen der Radgeschäfte, höre ich einen Mann sprechen, er ruft in sein Telefon, ich kann ihn nicht sehen, weil er noch zu weit weg ist, aber seine Stimme ist so eindrücklich, sie hat meine ganze Kindheit begleitet, da schimpft einer ins Telefon, der feine Herr Landsberg, ruft er, dann soll der feine Herr Landsberg eben mal seine Post lesen, der feine Herr Landsberg, ist mir doch egal, wenn er nichts mitbekommt – da steht Ilja Richter und telefoniert.
Mit der gleichen Stimme, Licht aus, Spot an, Disko 77, Disko 78, der jugendliche Liebhaber aus den Aufklärungsklamotten, Ilja Richter, und telefoniert mit seinem Anwalt. Mit seinem Bart sieht er in etwa so alt aus, wie er inzwischen sein muss. Als er näher kommt, sieht er, dass ich ihm zuhöre, er hält die Hand vor die Muschel. Ich reagiere so, wie ich immer reagiere, wenn mir im Prenzlauer Berg Prominente begegnen. Ich tue so, als kennte ich sie nicht.

Eine Reise in den Iran

3. Juni 2013

Blade Runner

12. Mai 2013

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Bei einem der vielen Umzüge, von einer Wohnung, die plötzlich zu klein geworden war, nachdem sie zwischenzeitlich viel zu groß gewesen ist, in eine andere, die nur kurz geräumig genug schien, um dann wieder weit unter ein erträgliches Maß zu schrumpfen, heute aber wieder viel zu groß ist,  fiel mir das Buch wieder in die Hand, das ich Mitte der neunziger Jahre an einem Stand vor der mexikanischen Universität UNAM gekauft hatte – ein Essayband amerikanischer und europäischer Autoren, die sich alle nur mit einem Thema beschäftigen: Dem Film Blade Runner, der ein gutes Jahrzehnt zuvor, nach einem Krieg um die endgültige Fassung, in die Kinos gekommen war, und seitdem rund um die Welt das Denken beeinflusste. Blade Runner hatte, vielleicht ohne es zu wollen, ein  Erdbeben ausgelöst, und die Erschütterung war immer noch gut zu spüren, als ich das Buch fand. Es war, als wäre eine ganze Generation schwer atmend aufgewacht aus einem dieser rätselhaft realistischen Träume am frühen Morgen, um festzustellen, dass der  Mensch, der sich selbst dabei zusieht, wie er nachdenkt über sich,  schon immer man selbst gewesen ist.

Blade Runner ist ein Film über uns und unsere Apparate. Irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts haben wir verstanden, dass, wenn wir sterben, all die kleinen mechanischen und elektronischen Helfer, die wir uns geschaffen oder angeschafft haben, einfach weiter leben werden – ein mehr als deprimierender Gedanke. Unsere Rechner werden weiter klaglos arbeiten, unser Fernseher wird weiter Elektronen emittieren und schlechte Spiele-Shows, es wird das Internet geben, Datenbrillen und Single Speed Räder, Massagesessel und den Mikrowellengrill. Das Objekt überdauert den Menschen, und  macht ihn damit zum Gespött. Dies umso mehr, wenn Künstler, Wissenschaftler, Architekten und Sterneköche versuchen, das eigene Ich durch Bilder, Formeln, Lampen oder Saucenrezepte ins Unendliche zu verlängern. Nach seinem Tod verhöhnt das Werk seinen Schöpfer, es gleicht einem aufgezogenen trommelnden Affen, der weiter zuckt und weiter trommelt, während der Autor zu Staub zerfällt.

Es klingt beängstigend logisch, dass sich der Schaffende der Zukunft von dieser Paradoxie befreit haben wird und der Krone seiner Schöpfung, dem mechanischen Menschen, ein Verfallsdatum eingebaut hat, nach dem Osram-Prinzip, demzufolge Glühlampen nicht länger brennen dürfen als 1000 Stunden: Nach vier Jahren ist auch die Replik des Menschen am Ende – ob sie will oder nicht, und wie wir schon vor diesem Film geahnt haben, will sie nicht.

Game over, Reklamationen sind zwecklos, ein Update gibt es nicht, damit kann der kreative Mensch niemals zufrieden sein, denn wenn ihm der Automat gelungen ist, ist er ihm ans Herz gewachsen, mal wie ein trauriges Kind, dem man im Restaurant ein Almosen gegeben hat, mal wie ein viel zu junger Lover, von dem wir wissen, dass er nicht zu uns passt, und von dem wir doch nicht lassen können. Die Maschine, die Rick Deckert liebt (ungeachtet der Frage, ob er selbst eine ist), hat kein Ablaufdatum, jedenfalls keines, das bekannt wäre. Sie herzustellen, war illegal, sie zu lieben, ist unverzeihlich, beide müssen fliehen, in ein Land irgendwo da draußen, außerhalb von jeder Ordnung, was bleibt, ist nur das Dilemma: Stirbt sie nicht, ist sie kein Mensch. Stirbt sie doch, bin ich allein. Nie geboren zu sein, wäre daher vielleicht die höchste Gnade. Aber wer will das schon.

Nur wenige wissen, dass es einen Mann gab, der das Problem auf Ebene der Raumbeleuchtung lösen konnte. Dieter Binninger hieß er, ein Uhrmacher, wie der Automatentüftler J.F. Sebastian in Ridley Scotts Film. Er ersann in den siebziger Jahren eine Ewigkeitsglühbirne, mit einer Lebenszeit von 150.000 Stunden, das sind 17 Jahre. Exakt die Hälfte dieser Zeit, also achteinhalb Jahre, nachdem Blade Runner in die Kinos kam, starb Binninger 52jährig,  am 25. März 1991, beim Absturz eines Privatflugzeuges nördlich von Helmstedt. Die Unfallursache wurde nie gefunden. Nur sieben Tage später fand das Leben eines seiner einflussreichen Förderers ein jähes Ende. Detlev Rohwedder, der Chef der Treuhand, wurde am 1. April 1991 von Unbekannten erschossen. Sein Plan, die Ewigkeitsglühbirne auf dem Gebiet der ehemaligen DDR produzieren zu lassen, blieb unverwirklicht.

Ich habe Dinge gesehen, sagt der Replikant Roy Batty, die ihr Menschen nie glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen im Regen: Zeit – zu sterben.

Amtrak

16. Februar 2013

I have to go to Paris

Das Speisewagenpersonal macht keine Ausnahmen: Sie werden platziert, ganz wie früher, wer frühstücken will, muss an einen Tisch. Draußen zieht mit majestätischer Langsamkeit die Prärie vorbei, ein erkalteter Vulkan, Fichten, von denen der nasse Schnee tropft, rote Erde, halbgefroren eingeschneite Berge, gelbes Gras, kein Mensch scheint hier seine Spuren hinterlassen zu haben, eine Landschaft wie ein Versprechen: Es ist genug für alle da. Der Kellner bringt Eier und Orangensaft, und Brot und eingelegten Obstsalat und Kaffee soviel man will, nicht schlecht für sieben Dollar, sagt Rick, der mir schräg gegenüber sitzt. Tätowiert bis unter den Kehlkopf, Ketten aus Leder mit Perlen aus Halbedelstein, mein Volk heißt Mexican Comanche, sagt er, weil es aus New Mexico kommt, ursprünglich. Er fährt nach Norden, um seinem Onkel zu helfen, medizinisches Marihuana anzubauen, jetzt, wo das legal ist, aber sie gucken drauf, jede Pflanze wird registriert, nicht mehr als 12 bis 15 weibliche, nicht mehr als drei männliche pro Saat. Drei Gewächshäuser pro Lizenz, mehr nicht. Alle paar Wochen kommt einer vom Amt und zählt, am Ende wird gewogen. Und wenn du deine versteckten Plantagen in den Bergen nicht aufgibst, und sie kommen drauf, bist du raus, ohne lange Diskussion. Im Salonwagen kann, wer will, unter dem verglasten Zugdach sitzen, die Fahrt von San Diego über Los Angeles, San Francisco und Portland nach Seattle dauert dreieinhalb Tage, es fährt mit, wer muss, weil ihm die 35 Dollar, die er  spart, weil er nicht fliegt, wichtig sind, Touristen, denen es nur um die Ausblicke geht, oder wer die Zeit hat. Rentner legen Patiencen, Alkohol wird erst ab neun verkauft. Die meisten nennen mich Dr. Rock, erzählt Rick jetzt, weil ich auf 100 Meilen der Fachmann bin für Steine. Ich kaufe sie und sammle sie, ich weiß, wer sie arbeiten kann, und ich schätze sie. Wenn einer einen Halbedelstein findet, kommt er zu mir, und ich sage ihm, was er wert ist. Im letzten Winter habe ich mir ein Buch über Meteoriten gekauft und im Herbst, als ich gerade im Reservat bei meinen Kindern bin, und ich gehe, weil es September ist, nachschauen, ob schon Perlhühner da sind, für die Jagd, da leuchtet über mir ein Meteorit, mit einem Schweif, und es knallt, wie ein Jet. Wenn das nicht das Gesetz der Attraktion ist: Erst lese ich über Sternschnuppen, dann platzt eine über mir. Zwei von den Alten sind nachher zu mir gekommen mit Metallbrocken und wollten wissen, was sie wert sind. Ein Meteor kann gut und gerne 2000 Dollar bringen, hab ich ihnen gesagt, aber sie haben mir nicht geglaubt. Manche Menschen wollen nicht dazulernen.

Rick will wissen, ob die Stücke aus der Berliner Mauer, die im Internet angeboten werden, alle echt sind, und ob man in Deutschland immer noch Strafe zahlen muss, wenn man am Sonntag die Wäsche raushängt, er war fünf Jahre lang GI in Würzburg und kann immer noch „Ich liebe dich von ganzem Herzen“ sagen. Rick ist gerade fünfzig geworden und hat sieben Enkel, die er heute alle sehen darf, früher war das nicht so, bevor ich nüchtern geworden bin, haben sie mich nicht zu ihnen gelassen. Heute kann die Kleinen zu mir nehmen, wann ich will. Die Bilder seiner Enkel hat er im Telefon eingespeichert und er zeigt sie im Wagon herum, guckt doch mal, wie weiß die sind. Ich bin fast schwarz, und die sind weiß. Dauert nicht mehr lange, dann sind wir alle weiß! Der Kellner schaut sich die Bilder an und ist sich nicht sicher, ob er mitlachen darf. Well, sagt Rick, als er fertig ist, that’s my story.

Wir kennen das nicht, fange  ich dann wieder an, Landschaft so weit du gucken kannst und kein Mensch hat das Land je angefasst. Naja, kein Mensch, sagt Rick. Nicht ganz. Und bestellt die Rechnung. Und lächelt dabei.

Herbst in Peking

3. Dezember 2012

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Vor dem Anflug geht es stundenlang über schneebedeckte, eisige, zerkratzte Landschaften, völlig menschenleer, und nur ganz selten zeigt eine schnurgerade, durch den Schnee gezogene Spur, dass dieses Land bewohnt sein muss. Ganz plötzlich dann, dreißig Minuten vor der Landung, wird die Erde grün, über die spitzen Bergrücken windet sich ein fadendünner Wurm, die Große Mauer. Schon vor Jahrtausenden gab es hier ein Reich zu verlieren. Das Flugzeug sinkt. Hingeworfen wie Spielfiguren die Millionenstädte, manche keine zehn Jahre alt, mit Namen, die wir uns nicht merken werden. In der Mitte das Kraftwerk, rundherum Hochhäuser, an der Autobahn wird noch gebaut.

Am Airport fährt ein Zug ohne Fahrer ein, das eigentliche Flughafengebäude ist Kilometer entfernt. Der Weg in die Stadt dann ist praktisch unpassierbar: Peking boomt, und der Verkehr steht. Die Autofahrer nuckeln nervös an ihren teegefüllten Plastikflaschen. In den leeren Bäumen am Straßenrand die gleichen grauen Krähennester wie zu Haus vor meinem Fenster. Zwei Stunden dauert die Fahrt in die Innenstadt. Vor der Botschaft salutiert ein chinesischer Elitesoldat, jede Geste ist einstudiert, der wache Blick von rechts nach links, der gemessene Schritt zur Schranke, die Armbewegung, die uns sagt, dass wir passieren dürfen. Im Lichthof des Gebäudes wird ein Weihnachtsbaum geschmückt, die Fichte stammt aus den Ebenen der Mandschurei. Der Botschafter eröffnet zur Stunde eine Kunstausstellung in der Innenstadt. Peking hat heute so viele Künstler wie New York in den Siebzigern, wussten Sie das? Auf dem Tisch steht Kaffee und Orangensaft.

Willkommen in China, sagt der Attaché mit sanfter Stimme. Niemand wird Ihnen hier Steine in den Weg legen. Aber bitte überfordern Sie Ihre Gesprächspartner nicht.

Carlos Fuentes ist tot

9. Juni 2012

Meine erste Begegnung mit ihm und seiner Prosa  gibt meinen Alpträumen bis heute Personal und Handlung, denen, die im Dunklen und bei halboffenen Augen geträumt werden: Aura – eine Novelle.

In einem alten Haus in Mexiko Stadt, in dem fast immer Nacht herrscht, weil es von allen Seiten mit  Hochhäusern zugebaut worden ist, lebt eine alte Frau mit ihrer jungen Nichte. Ein Hauslehrer wird angestellt, um die Memoiren des 60 Jahre zuvor verstorbenen Ehemanns der Alten zu ordnen und neu zu schreiben – ein ehemaliger General der französischen Interventionstruppen in Mexiko. Im Hof des Hauses werden fremdartige Nachtschattengewächse gezüchtet, der Tisch wird stets für vier Personen eingedeckt, obwohl nur drei zu sehen sind, und schnell wird der Hauslehrer der jungen Nichte – Aura – hörig und besessen von der Vorstellung, sie aus den Fängen der Alten zu befreien.  Zu spät bemerkt er, dass die junge nur eine Marionette der  alten Aura ist, und am Ende, als es für eine Flucht längst zu spät ist, entdeckt er,  dass  auch er  ein Teil des Zaubers ist oder immer war, als er in den Unterlagen des toten Generals 80 Jahre alte Fotos findet – von sich selbst.

Aura erzählt davon, dass wir nur in unserem Tagesbewusstsein zeitliche Wesen,  in Wirklichkeit aber alles  gleichzeitig sind: Alt und jung, hier und dort, schön und hässlich, krank und gesund, einsam oder mit anderen.

Carlos Fuentes ist tot.

Stopp alle  Uhren. Kapp das Telefon
Gib dem Hund seine  Knochen, damit  er nicht bellt
Die Klaviere schweigen und die Trommel schlägt ihren dumpfen Ton
Jetzt – bring den  Sarg heraus.

Lass Flieger hoch am Himmel jammernd kreisen
Und weiß auf blau die Nachricht schreiben: Er ist tot!
Die Tauben haben  weißen  Krepp um ihre Kragen,
Und lass die Straßenpolizisten schwarze Handschuh tragen:
Er ist tot.

(Nach W.H. Auden: Funeral Blues)

Eshkol Nevo – dann lieber die Sehnsucht

27. März 2012

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo hat sich gleich zwei Abende frei genommen, um der israelischen Auswanderergemeinde in Berlin Rede und Antwort zu stehen. Anlass ist die Aufführung eines Theaterstücks, das auf einem seiner Bücher basiert, den „Vier Häusern und einer Sehnsucht“, im Original Arba Batim vegagua – Homesick heißt das Stück, nach dem englischen Titel, der den Geist des Romans am besten benennt. In einer Siedlung zwischen Tel Aviv und Jerusalem leben Familien, Liebespaare, Kinder, ein Junge hat seinen großen Bruder im Krieg verloren und verliert nun noch die Aufmerksamkeit der Eltern, die in einem Meer von Trauer versinken, ein Student verliert das Interesse an seiner Freundin und verliebt sich in die Frau seines Vermieters, die genauso alt ist wie er, Mitte 20, aber schon mehrere Kinder hat, ein arabischer Landarbeiter dringt in eines der Häuser ein, nicht um es zurück zu verlangen, sondern um den Familienschatz aus einem Versteck zu holen.

Wir wissen nicht einmal, wo unsere Grenzen sind, sagt Eshkol Nevo während der Diskussion nach dem Theaterstück, und das Publikum folgt jeder seiner Bewegungen mit den Augen. Die meisten die hier sind, haben Israel verlassen, aus den bekannten Gründen: Ein normales Leben zu führen, als wäre das zuviel verlangt, wird ihnen versagt. Und Eshkol Nevo pflichtet bei: Überleben ist nicht genug. Wir wollen mehr. Dass das schlichte, unangefochtene Normalsein, ohne behelligt zu werden von Krieg, Existenzangst und Gruppendruck, heute für Israelis in Berlin leichter ist als in Tel Aviv und in Jerusalem, ist ein Paradoxon. Trotz der ganzen Sehnsucht.

Eshkol Nevo ist der Enkel von Levi Eshkol, dem Ministerpräsidenten während des Sechstagekrieges, in seiner Regierungszeit wurden zum ersten Mal diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufgenommen. Eshkol Nevo spricht davon, dass Wir es sind, die dieses Land verändern müssen – Israel, mit und ohne Zelte. Wir haben dieses Land wiedergefunden. Wir haben eine alte Sprache, die tot war, wieder zu Leben erweckt. Dieses Wir wird wie ein leuchtendes Zeichen über ihm, stünde er jetzt auf und würde losgehen, die meisten würden ihm und diesem Wir folgen – nach Hause.

Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer

2. März 2012

Die Idee für den Film allein wäre schon einen Preis Wert gewesen.

Nach drei Jahren Wehrdienst bekommen diejenigen israelische Soldaten, die in den Kampftruppen gedient haben, die Möglichkeit, bei der Armee und auf deren Kosten das Abitur nachzuholen, die Reifeprüfung, sofern sie die noch nicht haben, um nicht völlig unvorbereitet ins Leben zurückgeworfen zu werden.

Zu dieser Reifeprüfung gehört –  ebenso wie auf den zivilen Schulen – das Fach Staatsbürgerkunde. Ein Unterricht, in dem über Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gesprochen werden soll, und über den Spagat, in einem jüdischen und demokratischen Staat zu leben, der zudem keine Verfassung hat. Die Soldaten bei diesem Unterricht gefilmt zu haben, das ist Silvina Landsmanns große Leistung – das Material ist unbeschreiblich, nahegehend, persönlich, politisch, verführerisch, lässt den Betrachter sich solidarisieren oder abwenden, mitgehen oder fremdschämen.

Leider fällt die Montage des Films dagegen ziemlich ab. Man wird den Verdacht nicht los, dass Silvina Landsmann das Material im Schnittraum eilig zusammengeschustert hat, um die Premiere auf der Berlinale noch zu schaffen, obwohl der Film nicht fertig abgedreht war. Die Aufnahmen liegen sechs Jahre zurück, mussten abgebrochen werden, weil die Regisseurin ihr drittes Kind bekam (Applaus im Publikum) und ein paar Probleme dazu (schweigen). Dass dann auch noch das Geld alle war, muss nicht eigens gesagt werden. Auf der Bühne, nach dem screening, ist ihr die Sache sichtlich peinlich. Sie will nur kleinlaut auf die ausführlichen und manchmal schon suggestiv die Antwort in sich tragenden Fragen reagieren, dann bald wirkt ihre Zurückhaltung trotzig oder schlecht gelaunt. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint sie permanent zu wiederholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Soldaten, die gerade im Libanon gekämpft haben, über Demokratie und Menschenrechte diskutierend abzufilmen? – Mir hat das Paradox darin gefallen. Punkt.

Als (im Film) der Lehrer den Klassenraum betritt und seine Lektion beginnt mit der Frage: Was ist für Euch Toleranz, antwortet einer der jungen Soldaten: Warum stellst du die Frage nicht gleich auf arabisch?

Warum hast du den Araber acht Stunden lang am Checkpoint warten lassen, fragt der Lehrer später. – Ich hätte ihn ja früher rübergelassen, und seine weinenden Kinder haben mir auch leidgetan, aber dann hörte ich plötzlich die Expolision im Ort, und ich wusste, warum ich ihn nicht rüberließ. – Und wenn der Araber gar nichts mit der Explosion zu tun hatte? – Er hat geflucht und mich beschimpft, das habe ich verstanden. Er hat mich gehasst. – Und wenn er dich hasst, weil Du ihn acht Stunden hast warten lassen? – Ich war 19! Wie soll ich denn sowas entscheiden?

Der Rest ist Kopfkino.


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