Ben Gurion Security Upgrade

24. Februar 2012

Wer als Ausländer, als Journalist, als Mitarbeiter einer humanitären Organisation oder auch nur als Israeli einer Minderheitenkonfession regelmäßig über den internationalen Flughafen Ben Gurion ein- und ausreist, kennt die ausführlichen Befragungen des dortigen Sicherheitspersonals besser, als ihm lieb ist. Schon in der langen Schlange vor dem Einchecken treffen junge, studentisch wirkende Angestellte mit gutem Englisch eine Art Vorauswahl der Reisenden. Es gibt eine Schlange für die Unauffälligen und Loyalen – in der Regel jüdische Israelis, sogar mit nichtjüdischem Anhang, sofern dieser nicht durch andere Eigenschaften als verdächtig gelten muss. Wer auf  israelische Begleitung zurückgreifen kann, sollte sie zum Flughafen mitnehmen und in der Schlange für sich bürgen lassen, bis das Gepäck durchleuchtet, durchsucht und eingecheckt ist, denn die Anwesenheit eines Landsmannes oder einer Landsfrau wirkt ungemein beruhigend auf das Personal.

Wer allerdings auch nur potentiell gefährlich sein könnte, der wird in die schlechte Schlange geschickt. Dort finden sich Reisende aus aller Herren Länder, plus diejenigen Israelis, die durch ihre Begleitung das Recht auf die gute Schlange verwirkt haben. Es folgt ein erstes Interview, wer es ohne Beanstandungen absolviert, wird weiter eingeteilt, muss unter Umständen das Gepäck öffnen und inspizieren lassen, oder kann gleich zum Einchecken an den Schalter. Die Befragenden machen recht bald klar, dass die Befragten keinesfalls persönlich schuldig oder verdächtig sein müssen – denn möglich ist auch, dass sie, ohne es zu wissen, von Dritten benutzt werden. Es könnte sein, sagen sie, dass Ihnen jemand einen Gegenstand mitgegeben hat, der harmlos aussieht, der aber eine Bombe ist.

Die Gespräche in der Schlange verlaufen immer nach dem gleichen Muster. Schon auf die Einstiegsfrage: What is the purpose of your visit? – sollte man eine kongruente Antwort parat haben. Wobei die Antwort keineswegs gefällig sein sollte, sondern stimmig. Wer kam, um ein Waisenhaus in Ramallah zu unterstützen, sollte das sagen. Von Lügen ist ohnehin abzuraten; die zu erkennen, gehört offenbar zur Ausbildung. Wer also seinem Waisenhaus in Ramallah ein paar Euros und alte Computer gebracht hat und bei der Gelegenheit mit ein paar PLO-Granden Tee getrunken hat, sollte nicht behaupten, er sei Pilger und nur wegen der Heiligen Stätten gekommen.

Darüber hinaus gilt: Eine Geschichte reicht. Wer zwei Gründe hat zu kommen oder mehr, hat ein Problem.

Ich hatte mindestens drei und habe den Fehler gemacht, einen verheimlichen zu wollen. Grund eins war meine Frau. Grund zwei ein Theaterstück. Grund drei ein Interview mit Arik Ascherman, einem der rührenden Rabbiner, die sich für Menschenrechte auch für Palästinenser einsetzt und an jedem Wochenende versucht, mit der Thora in der Hand eine Katastrophe zu verhindern. Die ersten beiden Gründe gab ich zu, den dritten wollte ich verschweigen, um die Debatte abzukürzen, und das war ein Fehler. Darüber hinaus hatte ich noch eine kaum verheilte Schnittwunde im Gesicht, knapp über dem rechten Auge, die von einem Nagel herrührte, der in der von uns angemieteten Wohnung nahe des Gordon-Strandes in einem Regal stak, auf dem Kerzen standen und das mir nach einer heftigen Bewegung auf den Kopf gefallen war. Die Verletzung sah aber schlimmer aus, als sie war, man musste quasi Gewalt als Ursache vermuten.

Hinzu kommt, dass ich es bereits gewohnt bin, immer wieder meine Afghanistanreise von 2004 nachzuerzählen, von der ein ganzseitiger Stempel zeugt, und detailliert zu erklären, warum ich in Dubai ein Hotel genommen habe, und welches, wie das Wetter war (wie wohl, in Dubai), was ich den Tag über getan habe (was schon, in Dubai) und mit wem. Ebenso geläufig ist mir der immer wieder vergebliche Versuch, den Befragern klar zu machen, dass Afghanistan zwar ein islamisches, aber kein arabisches Land ist (dieser Unterschied kommt im israelischen Schulsystem eindeutig zu kurz), und im Übrigen im Jahr 2004 keinesfalls unser Feind war. Sondern eher ein befreundetes Land. Aber zu dieser historisch-geographischen Unterrichtseinheit kam es zuächst gar nicht, denn die Tatsache, dass diese Stempel in meinem Pass waren, ich aber nicht als Journalist im Land war, sondern einen privaten Grund angab, nämlich meine Frau, und dann da noch ein Theaterstück gewesen sein soll, punpte kleine Schweißperlen auf die Stirn meiner Vorbefragerin.  Hektisch lief sie hin und her und ließ mich in der Schlange warten. Ein bisschen erfüllte mich das mit Befriedigung. Denn bei meinen letzten Ein- und Ausreisen war ich ausgesprochen leicht durchgekommen, was mich nicht wenig  in meiner Eitelkeit gekränkt hätte. Immerhin hätte ich auch ein gefährlicher Terrorist sein können. Oder traut man mir das etwa nicht mehr zu?

Also: zwei Geschichten gleichzeitig und eine, die ich versuchte zu verheimlichen, was meine Körpersprache aber offenbar verriet, bescherten mir endlich einen Ben Gurion Security Upgrade. Ich bekam einen Termin beim Supervisor. Der kam natürlich nicht sofort, sondern erst nach 30 Minuten. Denn Spezialisten wie er sind selbstverständlich sehr beschäftigt.

Als er kam  – ein Mann kaum älter als dreißig, dessen Erscheinung ein eindruckvolles Zeugnis von der Überlegenheit der israelischen Küche ablegte –  nahm er mich beiseite und ließ mich erst mein Gepäck öffnen. Ganz ruhig, wir haben Zeit, sagte er, wobei er hätte wissen müssen, dass dies für mich nur eingeschränkt galt. Ein großer Teil der Pufferzeit, die jeder Reisende am Ben Gurion einplanen muss, war bereits durch Warten draufgegangen, und mindestens zwei weitere Checks, ein Grenzübertritt und mehrere Schlangen warteten noch.

Im nun folgenden Gespräch entblätterte der Mann seine Fragetechnik, die im Vergleich zu den Vorsortierern deutlich verfeinert war. Als ich auf die Frage, welches der Grund meines Besuches sei, wahrheitsgemäß antwortete, formulierte er spitz: Nein, ich möchte nicht wissen, warum Ihre Frau gekommen ist. Warum sind SIE gekommen?
– Um das Theaterstück meiner Frau zu sehen.
– Für ein einziges Theaterstück fliegen Sie nach Israel?
– Es ist eben nicht irgendein Theaterstück. Meine Frau hat es geschrieben.
– Wie hieß denn das Festival, auf dem es aufgeführt wurde?
– Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.
– Dann haben Sie doch sicher eine Eintrittskarte.
– Wie gesagt, meine Frau hat das Stück geschrieben. Ich stand auf der Gästeliste.
– Wer stand denn noch auf der Gästeliste?
– Woher soll ich das wissen.
– Kennen Sie die Person, die Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Naja, meine Frau.
– Waren Sie dabei, als Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Natürlich nicht! Ich habe anderes zu tun.
– Woher wissen Sie dann, dass Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat? Usw. Usf.

Dann musste ich jeden einzelnen Tag meiner Reise dokumentieren. Das war meine Achillesferse. Als ich zugeben musste, dass ich in Jerusalem gewesen war – was keine privaten Gründe haben konnte, weil die Familie meiner Frau aus Tel Aviv stammt und deshalb niemals freiwillig nach Jerusalem fährt – wurde er stutzig. Was genau haben Sie sich denn in Jerusalem angesehen, fragte er.

Darauf hin bricht meine Abwehr zusammen. Ich gestehe ihm  mein Interview mit Rabbi Arik Ascherman.

Also haben Sie doch gearbeitet, ruft  er triumphierend, aber nicht böse, eher befriedigt über den Erfolg seiner Interviewmethode.  Seine Laune wird  nun, da er einen Hebel gefunden hat, immer besser. Da haben Sie doch sicher eine  Aufnahme.  Natürlich habe ich die, sage ich.  Können Sie mir die vorspielen? Es ist schön, erwidere ich mit bitterer Miene und immer mit einem Auge auf der  Uhr an der Wand, so viel Aufmerksamkeit für meine Arbeit zu bekommen. Ich krame meinen MP3-Player heraus und suche die Datei mit dem Rabbiner. Das dauert. Ich schwitze. Ich fluche.  Nur die Ruhe, sagt er. Dann habe ich die Datei gefunden und spiele sie ihm vor. Nach wenigen Sekunden sagt er: Ok. Genug. – Aber das Interview hat doch noch gar nicht angefangen! Rabbi Ascherman referiert am Anfang über etwas völlig anderes. Das ist dem Mann egal. Ich muss den Rekorder abstellen und wieder einpacken.

Nun macht er sich über meinen Reisepass her. Mit der Genauigkeit eines Pathologen seziert er jeden Stempel einzeln, dabei bewegen sich seine Lippen stumm, er hält den Ausweis gegen das Licht, nimmt sich viel Zeit, ganz so, als könnten diese Stempel eine Auskunft geben über das ganze Rätsel meiner Existenz. Als er fertig ist, fragt er: Warum haben Sie, aus allen Ländern, ausgerechnet Afghanistan ausgewählt, um dort Journalisten auszubilden? Nun lag es mir auf der Zunge zu antworten: Weil sie mich in der Schweiz nicht brauchen! – aber ich sagte, wahrheitsgemäß: Ich wollte was erleben. Es war eine einmalige Gelegenheit, dorthin zu fahren. -Und in welchen anderen arabischen Ländern waren Sie? – Afghanistan ist kein arabisches Land! Ganz im Gegenteil!! – Ich weiß, sagte er, also: in welchem anderen arabischen Land waren Sie?

Erst 45 Minuten später, und nachdem er den Vater meiner Frau angerufen hatte, aber von einem dienstlichen, vermutlich abhörsicheren und nicht manipulierbaren Mobiltelefon, lässt er von mir ab. Die Stimme und der Tonfall eines der Seinen, die ihm sagen, jaja, ich kenne ihn, die Geschichte mit meiner Tochter stimmt, ich weiß auch nicht, warum der in diese ganzen Länder fahren muss, usw, beschwichtigen ihn.  Ich erreiche mein Flugzeug im Laufschritt.  Über dem Mittelmeer schließe ich die Augen.

Carlo Strenger und die orthopädische Mission des Zionismus

15. Februar 2012

Carlo Strenger ist ein geduldiger Mann. Seit Jahren wiederholt er seinen Vortrag vom Ende der israelischen Gesellschaft wie ein Mantra, mal vor Zuhörern in Israel oder Abroad, mal als Autor der englischsprachigen Haaretz, wo er, wie er es selbst sagt, an der tagtäglichen Polemik teilnimmt. Eigentlich ist Carlo Strenger Psychologe. Das erklärt vielleicht seine Geduld, und seine Bereitschaft, auch kleinste therapeutische Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen – und Rückfälle ins Pathologische nicht allzu tragisch zu nehmen. Seit vielen Jahren ist Israel Carlo Strengers Patient.
Am Anfang, sagt er, hat der Zionismus vor allem eine orthopädische Mission gehabt. Es ging darum, den von tausenden Jahren der Diaspora gebeugten Juden wieder gerade hinzustellen. Nur über die Methode gab es mehrere Ansichten, etwa die von Staatsgründer Ben Gurion, der glaubte, durch die ehrliche Arbeit des Bauern und des Gärtners werde sich die Wirbelsäule erholen und von allein wieder aufrichten, während Wladimir Jabotinsky, der schon im Ersten Weltkrieg die Jüdische Legion mitgründete, darauf vertraute, dass das Geraderecken vor allem durch das Gewehr, das dem Neuen Juden über der Schulter hängt, besorgt würde. An Israeli, that’s a Jew with a gun sagt deshalb auch ein weit verbreitetes Graffito in Tel Aviv.
Folgt man dort dem Verlauf des nach Jabotinsky benannten Boulevards kaum sieben Kilometer, gelangt man nach Bnei Berak, ins Viertel der Ultraorthodoxen, in dem alles so ist, als hätte es den Zionismus mit all seinen emanzipatorischen Aspekten nie gegeben. Die Kleidung seiner Bewohner gleicht dem des polnischen Adels im 18. Jahrhundert, Frauen dürfen bis auf Hände und Gesicht keine Haut zeigen, wenn sie verheiratet sind, auch keine Kopfhaare, was  in der Regel spätestens mit 20 Jahren der Fall ist. Eine nach üblicher Mode gekleidete Frau aus Tel Aviv gelangt heute gar nicht mehr ins Zentrum von Bnei Berak, wenn sie sich dem Dresscode nicht unterwirft, schon gar nicht im Sommer. Der Staat Israel wird abgelehnt, zwar schicken die aschkenasischen Ultraorthodoxen immer wieder Vertreter in die Regierung des Landes, dies aber nur unter Protest und niemals mit dem offiziellen Titel eines Ministers. Die Diaspora ist nach ultraorthodoxer Ansicht die Strafe Gottes für die Sünden der Söhne und Töchter Israels. Das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zu ändern, wie es die Zionisten vorschlagen, ist daher Gotteslästerung. Zur Staatsgründung gab es wenige hundert Charedim, Gottesfürchtige, die das Privileg erhielten, keinen Militärdienst leisten zu müssen und auf Kosten des Staates die Schriften zu studieren. Heute sind es mindestens 700.000, das sind 10 Prozent der Bevölkerung Israels.
Carlo Strenger erzählt all dies ruhig und will sicher sein, dass ihn alle im Raum verstehen. Er will wissen, was er erklären muss, und was nicht. Eine Weile lang, sagt er, haben die Säkularen geglaubt, dass all dies nur ein Umweg ist auf dem Weg zu einem Staat, in dem eine homogene Bevölkerung von Aufrechten lebt, der irgendwann Wirklichkeit werden muss, Soldaten, Bauern, Wissenschaftler.  Bei diesem Satz klingt seine tiefe Stimme, gefärbt von einem unbestimmten, vielleicht Wienerischen Einschlag, zum ersten Mal sehr traurig.

Adi

29. August 2011


Zu den Menschen, die bis heute eine offene Rechnung mit Rumäniens Ausnahmediktator Nicolae Ceaușescu haben, gehört Adi Blumberg. Als er Mitte der achtziger Jahren das Land mit seinen Eltern verlassen durfte, versuchte er das, was ihm, das Allerwichtigste war, mitzunehmen: Seine Briefmarkensammlung.
Eigentlich wäre das verboten gewesen. Und Adi wusste das, denn der Vater hatte es ihm, obwohl er erst neun Jahre alt war, mehr als einmal eingebläut: Eine der vielen Bedingungen, die Rumänen, die die eigene Staatsangehörigkeit gegen eine neue tauschen wollten, erfüllen mussten, war es, nichts Wertvolles aus dem Besitz des rumänischen Volk herauszulösen und mitzunehmen. Erlaubt war nur, persönliche Habe bis zu einer Summe von 2000 Lei auszuführen. Umgerechnet waren das kaum mehr als 200 US-Dollar, aber wer in den achtziger Jahre den Wert seines Besitzes in rumänischen Lei angeben musste, für den machte das Umrechnen keinen Sinn. 2000 Lei waren zwar ein kleines Vermögen, allerdings überstieg schon der Wert des Autos der Familie Blumberg diese Summe, wenn auch nicht unbedingt in Dollar, so aber doch in Lei, weshalb sie am Ende nur das mitnehmen durften, was sie am Leibe trugen. Adi, der nicht einsah, dass sein Briefmarkenalbum nun plötzlich das Eigentum von Nicolae Ceaușescu und dessen Nationalbank werden sollte, versteckte es unter seinem blauen Wollpullover. Der Vater hatte zunächst nichts bemerkt, und es wäre ihm vermutlich gelungen, den Schatz vor dem Diktator und seinen Schergen ins sichere Ausland zu retten, wenn Adis Schwester ihn nicht verraten hätte, da standen sie schon in der Schlange der Ausreisenden. Der Vater, auf den Schmuggler auf der Hinterbank aufmerksam gemacht, befahl ihm, das Album sofort hervorzuholen, kurz darauf übergab er es dem Grenzbeamten mit einer Suada an Entschuldigungen. Der Vater wollte auf keinen Fall im letzten Moment die lang ersehnte Ausreise der Familie gefährden. Der Uniformierte blickte in den Wagen, sah die Tränen der Wut Jungen auf der Rückbank, nahm das Album, und sagte, so tröstlich ihm dies als Amtsperson möglich war: Wenn Du zurückkommst, kannst Du es wieder mitnehmen. Wir behalten es nur hier, in der Grenzstation. Es passiert dem Album nichts, ich verspreche es Dir.
Adi nahm also nichts mit aus Rumänien, außer seiner besten Hose, die sich aber kurz nach der Ankunft in Israel als komplett untragbar erwies, seinem blauen Pullover, der als Versteck für seine Briefmarkensammlung nicht getaugt hatte, und ebenfalls nicht zu den Moden des neuen Landes passte, nicht einmal im Entferntesten, seinen Schuhen, und dem Versprechen, dass die Sammlung wieder ihm gehören dürfe, wenn er eines Tages zurück käme nach Rumänien.
Als im Dezember 1989 die rumänische Revolution in einen Bürgerkrieg ausartete, war Adi der einzige in seiner Familie, der den Nachrichten nichts Gutes abgewinnen konnte: Zu den ersten Fernsehbildern, die aus dem Land des Ausnahmediktators nach Israel gelangten, noch vor den Aufnahmen des Schauprozesses und der Exekution des Ehepaares Ceaușescu, zählten die einer lichterloh brennenden Grenzstation. Wütende Demonstranten hatten, mangels Alternative, die Gebäude neben dem Schlagbaum zwischen Rumänien und Bulgarien, keine 50 Kilometer südlich von Bukarest, angezündet, um der Staatsmacht möglichst großen Schaden zuzufügen. Wieder saß Adi mit verheultem Gesicht vor dem Fernseher. Dort ging sein Briefmarkenalbum direkt vor seinen Augen in Flammen auf, und er war hilflos, machtlos, und konnte nichts dagegen tun, dass es zu Asche verbrannte, und für immer von dieser Welt verschwand.

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Das Glück der Zikaden

24. August 2011


Manchmal ist es nur ein einziger Satz, mit dem ein Autor seinen Leser gefangen nimmt, manchmal nur eine einzige Wendung, oder ein Dialog, mit dem er ihn, der nur ein Gast in seinem Roman ist, dazu bringt, zu bleiben, ihn an die Geschichte bindet, weil er nun glaubt, er sei ein Teil von ihr. Kafka macht das in seinem Prozess mit dem ersten: Jemand musste Josef K. verleumdet haben, heißt es da, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Bei James Joyce ist es ohne Zweifel der dritte Satz: – Introibo ad altare Dei. Manche sagen, bei Musils Mann ohne Eigenschaften ist es jeder Satz, andere sagen, keiner aller seiner Sätze, und bei Brecht genügt schon das – Hoppla – seiner Seeräuber-Jenny, um das meiste von dem zu sagen, was er und vielleicht Marx, auf jeden Fall aber Brecht, Marx und Castorf zusammen überhaupt zu sagen hatten.
In Larissa Boehnings letztem Buch erledigt diesen Job ein allein stehender Absatz, auf Seite 51, und diese Zahl kann kein Zufall sein:
Die Außenminister schlossen den Nichtangriffspakt, lässt die Autorin die Erzählerin sagen, und Nadja stellte ein daumennagelgroßes Stalin-Bild so zwischen das gute Geschirr von Tante Ingje, daß nur sie es sehen konnte. Jeden Morgen, wenn sie die Küche betrat, grüßte sie ihren gutmütigen Herrn mit den treuen Augen und dem sympathischen Walroßbart, gegen den Tante Ingjes Hitler eine Karikatur von einem Führer war, blaß, häßlich und mit einem so kleinen Schnauzer, daß es wirkte, als wüchse ihm ein haariger Bremsklotz unter den Nasenlöchern.

Mach eine Grube, und wirf sie hinein, so steht es beim apokryphen Propheten Henoch. Bedecke sie mit Finsternis, und gemeint damit sind die Dämonen, die so aus der Welt geschubst werden sollen, Larissa Boehning aber hat verstanden – und es in diesen kleinen Absatz wie kondensiert hineingepackt, dass diese Dämonen nicht verschwinden, wenn wir sie tief im Dunklen vergraben, sondern dass wir sie ganz im Gegenteil ans Licht holen müssen, damit sie ihren Schrecken verlieren. Das Verborgene bergen, das Ungesagte aussprechen, Salz auf die Wunde, dann schließt sie sich, das ungelebte Leben leben. Davon handelt dieses Buch.
Beim Propheten Jesaja lautet der eine Satz, der sein ganzes Buch umfasst, und der, nebenbei bemerkt, auch der Grund dafür ist, dass er nicht apokryph geblieben ist: Über denen, die da wohnen im Lande der Finsternis, scheint es hell.

Menschen wie Wasser: Micha und Hagit

19. August 2011

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

Micha und Hagit leben seit vier Jahren in Deutschland, die meiste Zeit davon in Saarbrücken, erst seit wenigen Monaten sind auch sie in Berlin angekommen. Eigentlich gab es an Saarbrücken nur wenig auszusetzen. Schön war es dort, und im Rückblick wird es immer schöner, die Menschen sind freundlich, die Dörfer malerisch, der Wein, das Essen, Frankreich ist nah – und wenn die vielen Freunde nicht ständig gebohrt hätten: Warum wohnt ihr nicht in Berlin? – dann wären die beiden vielleicht immer noch dort. Aber in Berlin will eben jeder sein, und in Saarbrücken keiner, und dafür muss es doch einen Grund geben. Hagit ist Opernsängerin, sie lebt von Auftritten und kurzen Engagements in ganz Deutschland, Chemnitz ist dabei und Cottbus, Osnabrück, oft München, manchmal Essen, immer wieder Hamburg. Micha führt Touristengruppen. Eigentlich ist es egal, wo sie wohnen. Also Umzug: Eine Kiste im Gepäckwagen, die halb sedierte Katze auf dem Schoß, sieben Stunden im Zug nach Berlin. Dort finden sie eine Wohnung da, wo viele Neuberliner gar nicht erst suchen würden: In Schöneberg, nicht weit vom Rathaus. Micha liebt den Volkspark, und Hagit mag es, wie der Straßenname klingt: Prinzregentenstraße. Eine Adresse wie aus dem Textbuch einer Oper. Und wieder sagen die Freunde: Warum nicht Mitte, nicht Prenzlauer Berg, warum denn Schöneberg, wo ist das überhaupt?
Micha ist 39 Jahre alt, Hagit 30, die beiden zwar sind verheiratet, aber ohne Kinder, und schon allein dieser Umstand bedarf in Israel einer Erklärung – Familienverweigerer kommen nicht gut an – wer keinen medizinischen Grund angeben kann, gilt manchem schon als Deserteur. Micha und Hagit hatten es satt, immer neue Rechtfertigungen finden zu müssen für das, was doch so einfach zu begreifen wäre, wenn man es denn begreifen wollte:

Wir sind, was wir sind.

Und sie hatten genug davon, von allen anderen – von der Familie, aber nicht nur von der – permanent dazu gezwungen zu werden, sich selbst zu definieren: Seid ihr ein Paar oder seid ihr nur gute Freunde? Seid ihr bald eine Familie oder nur ein Paar? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn gar nicht, warum nicht? Ja, in Gottes Namen, warum denn nur? Das ganze Leben, ein Verhör. Letztendlich, sagt Micha, steckt hinter all diesen Fragen nur die eine: Seid ihr für uns, oder seid ihr gegen uns?

Hagit hat es am Anfang sehr gewundert, dass all das in Deutschland niemanden interessiert. Ob Du zehn Kinder hast oder keins, gleich gut, beides ok. Ob mit einem, zwei, drei Partnern, gleich oder gegen, was weiß ich. Ich bin ok, du bist ok. Mir doch egal. Soll doch jeder nach seiner Fassong. Zieh doch an, was du willst, Musik hören, warum nicht, ist doch nur Musik. Essen, schlafen, lieben: wurscht. Hauptsache gesund.

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Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten

7. August 2011


Die französische Revolution ist ausgebrochen, nachdem es die Händler in Paris gewagt hatten, die Weinpreise zu erhöhen – und die Obrigkeit dies geschehen ließ, weil es ihr gleichgültig war – wohl auch, weil sie die Nachricht gar nicht erreichte. Marie Antoinette soll, als man sie darüber informierte, dass die Massen auf den Straßen nach Brot riefen, gefragt haben, warum sie denn dann keinen Kuchen äßen – und die Interpretation, dass die Spott oder Sarkasmus war, ist nur eine von mehreren möglichen. Es könnte auch einfach nur Einfalt gewesen sein. Die Erhöhung der Brot- und Ölpreise hatte der Dritte Stand übrigens noch murrend hingenommen, aber beim Wein hört eben alle Gemütlichkeit auf. So ist es auch in Israel: Der Tag an dem der Preis für Kotidsch, nicht mehr als ein simpler Hüttenkäse, für viele aber Grundlage einer ausgewogenen Ernährung – um nicht zu sagen: Fleischersatz – angehoben wurde, etwa um die Hälfte, war der Tag, an dem die Zeltrevolution ausbrach, bei der es nicht um Demokratie geht, wohl aber um Menschenrechte. An diesem Samstag waren 300 Tausend Menschen im ganzen Land auf den Straßen, und was sie wollen, klingt gering: ein bezahlbares Leben. In den Großstädten, in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sind die Wohnungen, die junge Paare kaufen müssen, um eine Familie zu gründen – und mieten ist in der Regel keine Option – längst so teuer, dass sie in einem ganzen Leben nicht zurückgezahlt werden können – selbst wenn beide verdienen. Die Preise steigen, die Löhne nicht. Es gibt in Israel schon längst keine Sozialpolitik mehr, dass der Krieg der Grund dafür sein soll, glauben die Demonstranten nicht – in den Siedlungen auf der besetzten Westbank übrigens, auf Land, das umstrittten ist, sind die Wohnungen nach wie vor bezahlbar – dort gibt es die Subventionen, die im Kernland fehlen. Großsiedlungen wie Ariel bestehen deshalb überwiegend aus Wirtschaftsflüchtlingen – schon deshalb darf der Krieg nicht enden, und die besetzten Gebiete dürfen nicht zurückgegeben werden – denn dann wäre jede Regierung gezwungen, sich mit den sozialen Problemen zu befassen, die sie bislang ausblenden konnte – bis zur Zeltrevolution.
In Berlin ist auch schon ein Zelt gesehen worden: Vor der israelischen Botschaft in Grunewald. Fünfzig Minuten lang soll es gestanden haben, bis die Polizei die – aus neun Personen bestehende – Demonstration auflöste, weil sie nicht angemeldet war. Die Revolutionäre haben also schlicht vergessen, ihre Bahnsteigkarte zu lösen.

Die geistigen Brandstifter

29. Juli 2011


Von Ernst Jünger wird behauptet, dass er sich in seinen späten Fünfzigern und frühen Sechzigern nahezu jeden Morgen „gesellschaftsfein gekleidet“ für mehrere Stunden in einen Stuhl setzte und teilnahmslos vor sich hin starrte. Er störte nicht, verlangte nichts und bat auch nicht um Ruhe, war aber einfach nicht da. Erst nach dieser täglich wiederkehrenden eigenartigen Existenz-Pause erhob er sich, aß, sprach, begann zu telefonieren, zu schreiben, zu korrespondieren, kurz: war er wieder Ernst Jünger. Er selbst hat sich zu dieser Angewohnheit nur später und recht distanziert geäußert, sprach von einem „recorso“ eines alten Leidens. Seine Biographen vermuten eine Depression, und nur vereinzelt wagen Exegeten die Interpretation, die meiner Ansicht nach am nächsten liegt: Er versuchte, sich über seine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg klar zu werden. Nun kann man Jünger auch beim schlechtesten Willen nicht vorwerfen, mit dem Nationalsozialismus gemeinsame Sache gemacht zu haben. Seit seinem „Arbeiter“, einer theoretischen Arbeit von 1932, hatten auch diejenigen Nazis ihn als ihren Feind erkannt, die vorher wegen seiner den Krieg verherrlichenden Prosa mit ihm sympathisiert hatten. Während des Dritten Reiches veröffentlichte Jünger die „Marmorklippen“, die ohne weiteres als Aufruf zum Widerstand gegen Hitler gelesen werden konnten und auch wurden, die SS griff ihn mehr als einmal verbal an, dass er sein Leben retten konnte, verdankt er wohl dem Umstand, dass er ab 1939 in der Wehrmacht war, wo einflussreiche Helfer die Hand über ihn hielten. Jünger hat im Krieg seinen ersten Sohn verloren, er starb bei einem Himmelfahrtskommando in den Marmorbrüchen von Carrara – ein Umstand, den er lange nicht verwandt, zu offen trat hier die Absicht zutage, Rache zu üben an ihm, und wenn schon nichtan ihm, dann stellvertretend an seinem Kind, was, wie hier kaum erklärt werden muss, viel schlimmer ist. Wenn wir uns also Ernst Jünger im Anzug vorstellen, jeden Morgen im Wohnzimmer sitzend, schweigend und auf Ansprache nicht reagierend, glauben wir, dass er ausschließlich über die Frage grübelte, welchen Anteil er bloß an der Katastrophe hatte – denn wenn er auch kein Nazi war – und übrigens auch kein Judenfeind – so hat er doch in seinen Schriften mit dazu beigetragen, dass der Wert des Einzelnen nicht länger geachtet wurde, sein Schwadronieren vom großen Malstrom der Geschichte, sein Brambasieren von der veredelnden Auslese des Krieges trugen dazu bei, die Grenzen des Humanismus weit ins Unmenschliche hinein zu verschieben. Der Mensch war für ihn ein Rad, eine Ameise, ein Staubkorn, und wenn er diese Analyse auch meist mit Gesellschaftskritik verband, war das Entwertende das, was blieb. Jünger war kein Feigling, und am Ende seines Lebens stand er zu seinen frühen Brandstiftungen. 50 Millionen Tote und ein gefallener Sohn – Reue ist deshalb ein viel zu kleines Wort für das, was ihn für Jahre täglich erstarren ließ.
Seit dem vorigen Wochenende fragen wir uns, wer heute Anlass hätte, den Laptop ausnahmsweise einmal auszulassen und sich, ordentlich angezogen, in den Lehnstuhl zu setzen und nicht wieder aufzustehen, nicht zu sprechen, auch nicht zu telefonieren, und vor allem nicht zu veröffentlichen, bis klar ist, welchen Beitrag die vielen Reden von der Überfremdung, von der Islamisierung Europas, von der Talibanisierung der Gesellschaft und weiß der Kuckuck was noch alles geleistet haben könnten, um einen Einzelnen glauben zu lassen, er habe das Recht, mit einer Bluttat die Geschichte zu verändern.

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Menschen wie Wasser – Ronnen und Dorit

18. Juli 2011


Ronnen und Dorit, zwei Israelis in ihren Fünfzigern, sind in diesem Jahr nach Berlin gezogen. Sie haben eine kleine Mietwohnung auf zwei Etagen im Scheunenviertel gefunden und sie innerhalb von wenigen Tagen eingerichtet, zwei bis drei Besuche bei Ikea haben dazu genügt. Ronnen arbeitet seit Jahren international, er kauft und verkauft Maschinen, hauptsächlich in Osteuropa, aber nicht nur dort. Dorit handelt mit Modeschmuck, im oberen Zimmer mit Blick auf die Mulackstraße stehen ihre Pappkartons mit den vielen Büchern, die, ebenso wie das Klarvier, seit Jahrzehnten mit den beiden von Land zu Land reisen. Ronnens Spezialgebiet sind die Länder des ehemaligen Jugoslawien, hier kennt er sich besser aus als zu Hause, in Haifa, oder genauer gesagt: besser aus als in dem Haifa, das einmal sein zu Hause war. Bevor sie nach Berlin kamen, haben Ronnen und Dorit länger als ein Jahrzehnt in Ljubiljana gelebt, der Hauptstadt Sloweniens, in Belgrad, Sarajewo, Mostar, Dubrovnik, Zagreb, Zadar, Pristina, Split und Banja Luka kennt Ronnen jeden Stein. Er hat die unsichtbaren Linien, die diese Städte durchqueren, überschritten, wie Handlungsreisende dies tun, er kennt alle Seiten, und nicht nur von der Anschauung her, sondern weil er sie erkennt. Er weiß, dass die Menschen in Pale niemals nach Sarajewo fahren würden, obwohl das nur zehn Autominuten entfernt ist. Wenn sie in die Stadt müssen, fahren sie nach Belgrad. Von den Menschen in Jugoslawien sagt Ronnen, dass sie alle Kriterien von Traumatisierten erfüllen, und zwar allesamt, oder sagen wir: 80 Prozent all derjenigen, die wir kennen gelernt haben. Selbst wenn sie lachen, sind sie traurig. Ich erzähle dann die Geschichte von Derwitsch, den ich mal in Sarajewo kennen gelernt habe, mein Jahrgang, als Soldat konnte er mit der Tram zur Front fahren und nach dem Dienst im Schützengraben mit der Tram wieder zurück nach Hause. Heute wohnt und arbeitet er immer noch in der gleichen Umgebung, die er einmal verteidigt hat. Und die Belagerer leben oben am Hang, in Sichtweite.
Genau, sagt Ronnen, das meine ich.
Ronnen und Dorit wundern sich darüber, wie schwer es ist, in Berlin eine Mietwohnung zu bekommen, selbst wenn man sie gefunden hat und der Vermieter Einverständnis signalisiert, gilt es Papiere beizubringen wie 1) eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung und 2) die Schufa-Auskunft. Den Vermieter zu überzeugen, auf diese beiden Papiere zu verzichten, war die größte Hürde. Wer wie Ronnen und Dorit zwischen den Ländern zu Hause ist, würde auch als Millionär in Deutschland keinen Mietvertrag für eine Wohnung bekommen. Es wäre einfacher, sie zu kaufen.
In 20 Jahren, sagt Ronnen, wird es nur noch zwei Arten von Menschen auf der Welt geben. Solche, die globalisiert sind, und solche, die nicht globalisiert sind. Du hast heute die Wahl zu entscheiden, zu welcher Gruppe zu gehören willst.
Zu Hause, sagt Dorit, bin ich dort, wo meine Bücher sind.

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

 

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Am Strand

30. Juni 2011


Am Frishman beach, Samstags gegen 15 Uhr, es ist 33 Grad heiß, auf den vielleicht 100 m aufgeschüttetem Sand zwischen der Promenade und dem Wasser liegen die Handtücher dicht nebeneinander. Hier darf man schwimmen, und man kann es auch – denn diese Stelle ist weit genug entfernt von den Abwasserrohren, die südlich des Hilton beaches ins Meer führen, und die Wellenbrecher vor der Küste erlauben den Gang ins Wasser, anders als an den anderen Ufern der Levante, schon in Jaffa können die Wellen gewaltig sein. Die Kellner der Strandcafés balancieren Tabletts überladen mit Tellern und Flaschen; Hummus und Fleischspieße, große Schalen mit bunten Fruchtsalaten, dazu scharfe Getränke und jede Menge Bier zwischen den Liegestühlen hin und her, die Rettungsschwimmer in blauen T-Shirts gehen prüfend durch die Reihen, einige am Strand schlafen, andere tanzen den letzten Tanz der längst vorübergegangenen Nacht oder vielleicht der davor? Eine Lautsprecherstimme warnt in regelmäßigen Abständen, vor allem, was gefährlich ist: Es ist verboten, bei roter Beflaggung ins Wasser zu gehen. Es ist unbedingt davon abzuraten, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen. In ganz Israel ist es per Gesetz strengstens verboten, am Strand Alkohol zu trinken. Der Wagen mit der Nummer soundso wird gleich abgeschleppt. Den Anweisungen der Rettungsschwimmer ist unbedingt Folge zu leisten. Dieser Strand ist keine Müllhalde.
Plötzlich aber dann laufen an einer Stelle, nicht weit vom Wasser, die Menschen zusammen. Ein Körper liegt am Boden, reglos, ein großer und auch dicker älterer Mann offenbar, die Rettungsschwimmer pressen rhythmisch auf seien Brustkorb. Die Menschentraube wird immer dichter, nur zwischen den nackten Beinen hindurch ist zu sehen, wie versucht wird, ein Leben zu retten, immer wieder, zu zweit, mit vollem Gewicht wirft sich einer auf das Brustbein des Leblosen, der Körper federt wie eine Puppe. Irgendwann kommen die Sanitäter von der Promenade her, und laden ihn auf ihre Trage und schleppen ihn, vier Mann mit vereinten Kräften, zum Krankenwagen.
Hu met, sagen alle plötzlich, er ist tot.
Und dann geschieht das Unfassbare: ein einzelner Strandbesucher in Badehose wirft sich mit voller Wucht auf einen der anderen, zerrt ihn zu Boden, versucht, seinen Kopf zu traktieren, als er von den Umstehenden zurückgehalten wird, reißt er einen der Sonnenschirme aus den Boden, und benutzt ihn wie einen Speer, er rennt irregeworden auf den einen, und immer nur den zu, und will ihn mit dieser komischen Lanze erstechen, als er dann wieder von der Menge entwaffnet und zurückgeworfen wird, greift er, was er kann, Plastikstühle, Tische, leere Flaschen, volle Flaschen, sogar ein Fahrrad, das dort im Sand liegt, und wirft alles das auf diese eine Person, die er in diesem Moment ermorden will.
Erst Monate später, als ich Adi von der Geschichte erzähle, erfahre ich, was der Grund war: Ein Streit zwischen Familien, es stand in der Zeitung, der alte Mann erschlagen, der junge, das war sein Neffe, als er von der Nachricht hörte, mit allem, was er greifen konnte, auf den Täter und seine Verwandten. Um seinen Onkel irgendwie, verzweifelt, zu rächen.
Lieber tot sein als ohne Ehre.
Mein Freund W., ein Filmemacher, Drehbuchautor und Hochschullehrer sagt: Du solltest lieber eine Geschichte erzählen, die unterhalb der Schwelle des Mordes bleibt.
Ja, will ich ja auch

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Israelis in Berlin – HaBait live

24. Juni 2011


Dass mittlerweile viele Tausend Israelis in Berlin leben, ist ja schon Spiegelgeschichten wert gewesen, bislang aber ist es der relativ neuen Community noch nicht gelungen, zu einem authentischen eigenen künstlerischen und äthetischen Ausdruck zu finden. Es gibt zwar die regelmäßig stattfindenden Meschugge-Parties, die aber sind sehr von den jungen schwulen Israelis in Berlin geprägt, und das ist eine ganz andere Story. Die Israelis, die seit ein paar Jahren kommen, sind hier, weil Berlin sein Gesicht verändert hat, und sie nur hier – wie sie glauben – sich so entfalten können, wie wie wollen, und dabei noch ihre Miete zu zahlen in der Lage sind; in London, wie man hört, bilden Israelis schon eine neue Schicht von Händlern auf den angesagten Hippiemärkten im größeren Umkreis von Camden-Town, die meisten spezialisiert auf die drei P: Pullover, Pilze und Falafel (sofern berücksichtigt wird, dass Falafel auf Hebräisch mit P geschrieben wird) – in Berlin verschwinden die Israelis noch feiner in den Ritzen der verschiedenen Milieus, weil sie auf den Spuren ihrer seinerzeit vertriebenen Groß- oder Urgroßeltern sind und folglich deutsche Pässe haben, oder die anderer EU-Länder, sie bilden also nicht wirklich eine Gruppe. Bevor ich schildere, wie HaBait das zu ändern versucht, schiebe ich gern die Ansicht von Wladimir Kaminer ein, der, auf die israelische Einwanderungs- oder Rückkehrwelle angesprochen sagt, das sei überhaupt nicht neu. Er habe in den vergangenen Jahren ständig mit ein-, durch- und ausreisenden Israelis zu tun gehabt, heute würden die Menschen ohnehin wie Wasser werden, sie umflössen die Kontinente, unuterscheidbar voneinander und doch jeder einzigartig; insbesondere habe seine Gattin, die ansonsten das Licht der Öffentlichkeit eher scheut, sich im Jahre 1990 nachdrücklich engagiert, als es darum ging, Israelis im Exil in Deutschland zu helfen, auf dem Rückzug vor dem damals dort wütenden 2. Golfkrieg, denn einige von ihnen galten als Deserteure, und die brauchten rechtlichen, aber auch menschlichen Beistand.
Sicher ist, dass Israelis bisher immer einen guten Grund brauchten, besser: Eine Rechtfertigung, um nach Deutschland zu ziehen. Musste man doch den Familienangehörigen und Nachbarn zu Hause erklären, die jahrzehntelang zwar alle anderen europäischen Länder fleißig und interessiert bereisten, um Deutschland aber einen weiten Bogen machten, das Umsteigen in Frankfurt galt manchem schon als erster Schritt zum Verrat, warum gerade hier, im Land der Täter. Früher mussten handfeste Entschuldigungen her, wie: Ich bin Deserteur und bekomme nur hier Papiere. Heute reicht schon: Warum nicht, Berlin ist doch nicht wirklich Deutschland.
Berlin is not Germany hätte also leicht das Motto von Habait werden können, vielleicht wird es das noch. An diesem Sonntag hieß es nur: Israelische Kultur in Berlin. Während die Besucher in der Schlange standen, um eine Karte zu kaufen oder sich für den Kauf einer solchen registrieren zu lassen, bekamen sie von einem netten jungen Mann mit langen braunen Haaren kleine Eise am Stiel geschenkt – nur wirkliche Insider oder Deutsche, die entweder in den 70ern schon Filme ab 16 sehen durften oder in den 90ern viel Zeit vor dem Fernseher verbracht haben, verstehen den Wink. So, als es dann losging, wurde der erste Diskutant – Markus Flohr, ein Autor deutscher Zunge, der ein Jahr in Israel verbrachte und darüber ein Buch veröffentlicht hat – mit den Worten vorgestellt, dass er 1.) kein Jude und 2.) nicht homosexuell sei. Aha. Später dann räumte er ein, als 19jähriger Abiturient einer radikal-kommunistischen Gruppe angehört zu haben, die alle Staaten auf dieser Welt abschaffen wollte, den Staat Israel aber zuletzt, dieses Geständnis konnte sein Rennommée aber nicht nicht mehr retten, er gehörte beim besten Willen keiner Minderheit an. Nach Flohrs Lesung sang eine israelische Sängerin, die in Berlin quasi auf Durchreise war, dann dort stecken blieb, das Weiterreisen aber noch nicht aufgeben wollte, und deshalb singt sie regelmäßig hier, oder so ähnliche, in Israel sei sie ein großer Star, hieß es, ihr Ehemann steht hinter ihr an der Gitarre. Nach dem Konzert gab es Hummus, zwei Euro pro Teller, von dem ich gern berichtet hätte, wie es schmeckt, wenn ich noch etwas davon abbekommen hätte, denn nachdem ich zwanzig Minuten vorher in der Schlange gestanden hatte, ging es bei der Frau vor mir, die ich idiotischerweise auch noch vorgelassen hatte, aus. Ich beschloss, nicht darüber wütend zu werden und holte mir ein Falafel-Sandwich von der Kastanienallee, sehr köstlich, irakischer Besitzer, geht sehr schnell und kostet auch nur 2,50 – trotz dieses kleinen Wermutstropfens also war die Veranstaltung von HaBait aber wirklich sehr schön; sechs Mal im Jahr soll sie künftig stattfinden.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch


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