Archive for Februar 2010

On Allenby

24. Februar 2010

Solange du auf der Ha’aliya wohnst, kann ich dich nicht besuchen, sagt Adi immer, wenn er besonders witzig oder auf israelische Weise selbstironisch sein will, weil er dazu, aus seinem Quartier an der Dizengoff kommend, über die Allenby Street müsste – kaum eines Viertels Ruf ist derart ruiniert – ganz unten, am Meer, stehen abends die Dealer herum, und warten auf Touristen, wer will, erkennt sie an ihren Blicken, die nicht stechen und doch hängen bleiben, wie die der Huren, die weiter oben Richtung Carmel-Market an den schmierigen Wänden lehnen und wie Huren aussehen oder so, wie der unbedarfte Besucher aus der Provinz glaubt, dass Huren auszusehen haben, da er sie nur aus schlechten Comics kennt: Schwarze weitmaschige Strumpfhosen, kurze Lederröcke und Korsetts. Die Gesichter sind schön, sie lächeln, in den Mundwinkeln Narben, die von Wunden stammen, die die Pimps ihnen mit ihren stumpfen Klingen zufügen, wenn sie sich um ihren Profit gebracht sehen, den die Frauen jede Nacht aufs Neue generieren müssen, während die Pimps mit ihren Freunden bei billigem Whisky an den Bars sitzen, in der Black Door, im Chaser, oder an den Pool Tischen im Pinsker an der Ecke Ben Yehuda, und mit jedem Drink immer lauter brüllen vor Freude und Wut, aber niemals brutal werden, so lange andere zuschauen. Und dann, wenn sie betrunken sind, mischen sie sich unter die Hostel-Touristen des jemenitischen Weinbergviertels, meist Engländer und Iren, und Amerikaner, natürlich, selten Deutsche, weil die zum Trinken an den Strand gehen. Die Dealer machen schlechte Geschäfte, seit im Lonely Planet steht, dass Speed, wer es will und es so nennen will, an den Kiosken kaufen kann. Man betrete den Laden und verlange, zum Beispiel: Eine Zeitung, zwei Bier, einen schwarzen Kaffee, zwei einzelne Zigarretten, und drei. Statt gegenzufragen – drei was? – legt der Kioskbesitzer dann drei Plastikkügelchen auf den Tisch, erbsengroß, 50 Schekel für alle drei. Ob das legal ist oder nur geduldet, ist hier auf der Allenby eine ziemlich theoretische Frage.

Golan

16. Februar 2010

Auf dem See von Genezareth kann man heute auch ohne göttliche Hilfe auf dem Wasser wandeln, der Wasserspiegel ist durch die ständige Entnahme desselben zur Bewässerung der Tomaten- und Erdbeerfelder nämlich so weit gesunken, dass „flach“ als Euphemismus gelten muss. Der See ist fast leer.

Früher konnte man dafür die Syrer verantwortlich machen, heute, seit Israel den Golan besetzt hält, aus dem viel Wasser in den Jordan fließt, geht das nicht mehr. Der Golan gehört übrigens zu den schönsten Bergzügen der Welt – kaum vergleichbar mit anderen, vorstellbar vielleicht wie eine Mischung aus Irland, Mallorca und dem Allgäu. Ganz oben kann man sogar Skifahren. Und es gibt Gleitschirmflieger, die bei ungünstigen Winden dann in arabische Gefangenschaft geraten, so wird es erzählt.

Adi sagt, während wir zwischen Minenfelder auf den See zurollen: Ich kann gut verstehen, dass die Israelis versuchen, den Golan zu behalten.

Genausogut kann ich allerdings verstehen, dass die Syrer ihn zurückhaben wollen.


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