Archive for Juli 2011

Die geistigen Brandstifter

29. Juli 2011


Von Ernst Jünger wird behauptet, dass er sich in seinen späten Fünfzigern und frühen Sechzigern nahezu jeden Morgen „gesellschaftsfein gekleidet“ für mehrere Stunden in einen Stuhl setzte und teilnahmslos vor sich hin starrte. Er störte nicht, verlangte nichts und bat auch nicht um Ruhe, war aber einfach nicht da. Erst nach dieser täglich wiederkehrenden eigenartigen Existenz-Pause erhob er sich, aß, sprach, begann zu telefonieren, zu schreiben, zu korrespondieren, kurz: war er wieder Ernst Jünger. Er selbst hat sich zu dieser Angewohnheit nur später und recht distanziert geäußert, sprach von einem „recorso“ eines alten Leidens. Seine Biographen vermuten eine Depression, und nur vereinzelt wagen Exegeten die Interpretation, die meiner Ansicht nach am nächsten liegt: Er versuchte, sich über seine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg klar zu werden. Nun kann man Jünger auch beim schlechtesten Willen nicht vorwerfen, mit dem Nationalsozialismus gemeinsame Sache gemacht zu haben. Seit seinem „Arbeiter“, einer theoretischen Arbeit von 1932, hatten auch diejenigen Nazis ihn als ihren Feind erkannt, die vorher wegen seiner den Krieg verherrlichenden Prosa mit ihm sympathisiert hatten. Während des Dritten Reiches veröffentlichte Jünger die „Marmorklippen“, die ohne weiteres als Aufruf zum Widerstand gegen Hitler gelesen werden konnten und auch wurden, die SS griff ihn mehr als einmal verbal an, dass er sein Leben retten konnte, verdankt er wohl dem Umstand, dass er ab 1939 in der Wehrmacht war, wo einflussreiche Helfer die Hand über ihn hielten. Jünger hat im Krieg seinen ersten Sohn verloren, er starb bei einem Himmelfahrtskommando in den Marmorbrüchen von Carrara – ein Umstand, den er lange nicht verwandt, zu offen trat hier die Absicht zutage, Rache zu üben an ihm, und wenn schon nichtan ihm, dann stellvertretend an seinem Kind, was, wie hier kaum erklärt werden muss, viel schlimmer ist. Wenn wir uns also Ernst Jünger im Anzug vorstellen, jeden Morgen im Wohnzimmer sitzend, schweigend und auf Ansprache nicht reagierend, glauben wir, dass er ausschließlich über die Frage grübelte, welchen Anteil er bloß an der Katastrophe hatte – denn wenn er auch kein Nazi war – und übrigens auch kein Judenfeind – so hat er doch in seinen Schriften mit dazu beigetragen, dass der Wert des Einzelnen nicht länger geachtet wurde, sein Schwadronieren vom großen Malstrom der Geschichte, sein Brambasieren von der veredelnden Auslese des Krieges trugen dazu bei, die Grenzen des Humanismus weit ins Unmenschliche hinein zu verschieben. Der Mensch war für ihn ein Rad, eine Ameise, ein Staubkorn, und wenn er diese Analyse auch meist mit Gesellschaftskritik verband, war das Entwertende das, was blieb. Jünger war kein Feigling, und am Ende seines Lebens stand er zu seinen frühen Brandstiftungen. 50 Millionen Tote und ein gefallener Sohn – Reue ist deshalb ein viel zu kleines Wort für das, was ihn für Jahre täglich erstarren ließ.
Seit dem vorigen Wochenende fragen wir uns, wer heute Anlass hätte, den Laptop ausnahmsweise einmal auszulassen und sich, ordentlich angezogen, in den Lehnstuhl zu setzen und nicht wieder aufzustehen, nicht zu sprechen, auch nicht zu telefonieren, und vor allem nicht zu veröffentlichen, bis klar ist, welchen Beitrag die vielen Reden von der Überfremdung, von der Islamisierung Europas, von der Talibanisierung der Gesellschaft und weiß der Kuckuck was noch alles geleistet haben könnten, um einen Einzelnen glauben zu lassen, er habe das Recht, mit einer Bluttat die Geschichte zu verändern.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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Menschen wie Wasser – Ronnen und Dorit

18. Juli 2011


Ronnen und Dorit, zwei Israelis in ihren Fünfzigern, sind in diesem Jahr nach Berlin gezogen. Sie haben eine kleine Mietwohnung auf zwei Etagen im Scheunenviertel gefunden und sie innerhalb von wenigen Tagen eingerichtet, zwei bis drei Besuche bei Ikea haben dazu genügt. Ronnen arbeitet seit Jahren international, er kauft und verkauft Maschinen, hauptsächlich in Osteuropa, aber nicht nur dort. Dorit handelt mit Modeschmuck, im oberen Zimmer mit Blick auf die Mulackstraße stehen ihre Pappkartons mit den vielen Büchern, die, ebenso wie das Klarvier, seit Jahrzehnten mit den beiden von Land zu Land reisen. Ronnens Spezialgebiet sind die Länder des ehemaligen Jugoslawien, hier kennt er sich besser aus als zu Hause, in Haifa, oder genauer gesagt: besser aus als in dem Haifa, das einmal sein zu Hause war. Bevor sie nach Berlin kamen, haben Ronnen und Dorit länger als ein Jahrzehnt in Ljubiljana gelebt, der Hauptstadt Sloweniens, in Belgrad, Sarajewo, Mostar, Dubrovnik, Zagreb, Zadar, Pristina, Split und Banja Luka kennt Ronnen jeden Stein. Er hat die unsichtbaren Linien, die diese Städte durchqueren, überschritten, wie Handlungsreisende dies tun, er kennt alle Seiten, und nicht nur von der Anschauung her, sondern weil er sie erkennt. Er weiß, dass die Menschen in Pale niemals nach Sarajewo fahren würden, obwohl das nur zehn Autominuten entfernt ist. Wenn sie in die Stadt müssen, fahren sie nach Belgrad. Von den Menschen in Jugoslawien sagt Ronnen, dass sie alle Kriterien von Traumatisierten erfüllen, und zwar allesamt, oder sagen wir: 80 Prozent all derjenigen, die wir kennen gelernt haben. Selbst wenn sie lachen, sind sie traurig. Ich erzähle dann die Geschichte von Derwitsch, den ich mal in Sarajewo kennen gelernt habe, mein Jahrgang, als Soldat konnte er mit der Tram zur Front fahren und nach dem Dienst im Schützengraben mit der Tram wieder zurück nach Hause. Heute wohnt und arbeitet er immer noch in der gleichen Umgebung, die er einmal verteidigt hat. Und die Belagerer leben oben am Hang, in Sichtweite.
Genau, sagt Ronnen, das meine ich.
Ronnen und Dorit wundern sich darüber, wie schwer es ist, in Berlin eine Mietwohnung zu bekommen, selbst wenn man sie gefunden hat und der Vermieter Einverständnis signalisiert, gilt es Papiere beizubringen wie 1) eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung und 2) die Schufa-Auskunft. Den Vermieter zu überzeugen, auf diese beiden Papiere zu verzichten, war die größte Hürde. Wer wie Ronnen und Dorit zwischen den Ländern zu Hause ist, würde auch als Millionär in Deutschland keinen Mietvertrag für eine Wohnung bekommen. Es wäre einfacher, sie zu kaufen.
In 20 Jahren, sagt Ronnen, wird es nur noch zwei Arten von Menschen auf der Welt geben. Solche, die globalisiert sind, und solche, die nicht globalisiert sind. Du hast heute die Wahl zu entscheiden, zu welcher Gruppe zu gehören willst.
Zu Hause, sagt Dorit, bin ich dort, wo meine Bücher sind.

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

 

 Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch


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