Archive for März 2010

Ajami

28. März 2010


Die meisten Tel Aviver kennen Ajami überhaupt nicht. Sie wissen nur ungefähr, wo es liegt, und meiden jede Gelegenheit, das Viertel auch nur zu streifen. Als ich Adi  bat, mich hinzuführen, fuhren wir zunächst 30 min mit dem Bus im Kreis herum um festzustellen, dass wir auch in 15 Minuten hätten laufen können. Ajami, der arabische Slum, liegt direkt hinterm Haus, aber Adi kennt ihn nicht. Ist Ajami gefährlich? Gute Frage. Wir stiegen auf Anweisung des Busfahrers aus und hatten noch ein paar hundert Meter zu laufen – in einer Seitenstraße musste Adi nochmal nach dem Weg fragen – Ajami? Was wollt IHR denn da? fragen die drei alten Männer in der Holzwerkstatt am Weg. Ich würde von alleine nicht hingehen, sagt Adi prompt und wahrheitsgemäß, aber dieser Ausländer hin will es unbedingt sehen, wegen des Films. Da nimmt der eine Tischler seine Brille von der Nase und sagt: Der Regisseur ist mein Sohn. Wir reden kurz und gratulieren ihm zu seinem Glück, der Vater von Scandar Copti zu sein. Gerade ist er in Oslo, erwidert Herr Copti dann, und er dreht gerade seinen nächsten Film. Diesmal nur mit Palästinensern. Haben Sie Ajami gesehen? Nein, sage ich, aber das kommt noch.


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Ramallah

9. März 2010

Sagen wir mal so: Wer sich Ramallah als Trümmerhaufen vorstellt, irrt sich gewaltig – die Häuser sind weiß und hoch, die Straßen breit, die Autos neu und ebenfalls breit und groß und frisch gewaschen und überhaupt scheint alles dem Besucher zuzurufen: Wir sind keine Opfer. Sieht aus wie eine Stadt in Israel, sagt Adi, als ich ihm die mitgebrachten Fotos zeige, und ein besseres Kompliment lässt sich heute schwer denken. Ich hätte gerne, dass er mitkommt, beim nächsten Mal, aber darauf entgegnet er: Sie würden mich sofort umbringen.
L., der beim Fernsehen arbeitet, sagt: Am Ende mussten wir doch wieder den Platz mit den Löwen filmen. Eine Art Kreisverkehr, die weiße Löwenstatue ist zum Symbol der Stadt geworden, an diesen Platz muss, wer sichtbar sein will in Palästina: Die Bank von Dubai, die GTZ, Coca Cola  und das Stars and Bucks, das mit seiner warmen grünen Neonlichtreklame von einer Welt erzählt, in der Grenzen nicht mehr so wichtig sind. Erst auf dem Rückweg, an der Mauer, wird wieder klar, wie es ist. Im Stars and Bucks kann man sich für einen Moment so fühlen, als wäre dies ein normaler Ort in einem normalen Land. Anders als im Starbucks wird am Tisch bedient, allerdings sind die Fensterplätze für Stammgäste und Familien reserviert. Und der Kaffee ist, nebenbei bemerkt, richtig gut.


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