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Blade Runner

12. Mai 2013

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Bei einem der vielen Umzüge, von einer Wohnung, die plötzlich zu klein geworden war, nachdem sie zwischenzeitlich viel zu groß gewesen ist, in eine andere, die nur kurz geräumig genug schien, um dann wieder weit unter ein erträgliches Maß zu schrumpfen, heute aber wieder viel zu groß ist,  fiel mir das Buch wieder in die Hand, das ich Mitte der neunziger Jahre an einem Stand vor der mexikanischen Universität UNAM gekauft hatte – ein Essayband amerikanischer und europäischer Autoren, die sich alle nur mit einem Thema beschäftigen: Dem Film Blade Runner, der ein gutes Jahrzehnt zuvor, nach einem Krieg um die endgültige Fassung, in die Kinos gekommen war, und seitdem rund um die Welt das Denken beeinflusste. Blade Runner hatte, vielleicht ohne es zu wollen, ein  Erdbeben ausgelöst, und die Erschütterung war immer noch gut zu spüren, als ich das Buch fand. Es war, als wäre eine ganze Generation schwer atmend aufgewacht aus einem dieser rätselhaft realistischen Träume am frühen Morgen, um festzustellen, dass der  Mensch, der sich selbst dabei zusieht, wie er nachdenkt über sich,  schon immer man selbst gewesen ist.

Blade Runner ist ein Film über uns und unsere Apparate. Irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts haben wir verstanden, dass, wenn wir sterben, all die kleinen mechanischen und elektronischen Helfer, die wir uns geschaffen oder angeschafft haben, einfach weiter leben werden – ein mehr als deprimierender Gedanke. Unsere Rechner werden weiter klaglos arbeiten, unser Fernseher wird weiter Elektronen emittieren und schlechte Spiele-Shows, es wird das Internet geben, Datenbrillen und Single Speed Räder, Massagesessel und den Mikrowellengrill. Das Objekt überdauert den Menschen, und  macht ihn damit zum Gespött. Dies umso mehr, wenn Künstler, Wissenschaftler, Architekten und Sterneköche versuchen, das eigene Ich durch Bilder, Formeln, Lampen oder Saucenrezepte ins Unendliche zu verlängern. Nach seinem Tod verhöhnt das Werk seinen Schöpfer, es gleicht einem aufgezogenen trommelnden Affen, der weiter zuckt und weiter trommelt, während der Autor zu Staub zerfällt.

Es klingt beängstigend logisch, dass sich der Schaffende der Zukunft von dieser Paradoxie befreit haben wird und der Krone seiner Schöpfung, dem mechanischen Menschen, ein Verfallsdatum eingebaut hat, nach dem Osram-Prinzip, demzufolge Glühlampen nicht länger brennen dürfen als 1000 Stunden: Nach vier Jahren ist auch die Replik des Menschen am Ende – ob sie will oder nicht, und wie wir schon vor diesem Film geahnt haben, will sie nicht.

Game over, Reklamationen sind zwecklos, ein Update gibt es nicht, damit kann der kreative Mensch niemals zufrieden sein, denn wenn ihm der Automat gelungen ist, ist er ihm ans Herz gewachsen, mal wie ein trauriges Kind, dem man im Restaurant ein Almosen gegeben hat, mal wie ein viel zu junger Lover, von dem wir wissen, dass er nicht zu uns passt, und von dem wir doch nicht lassen können. Die Maschine, die Rick Deckert liebt (ungeachtet der Frage, ob er selbst eine ist), hat kein Ablaufdatum, jedenfalls keines, das bekannt wäre. Sie herzustellen, war illegal, sie zu lieben, ist unverzeihlich, beide müssen fliehen, in ein Land irgendwo da draußen, außerhalb von jeder Ordnung, was bleibt, ist nur das Dilemma: Stirbt sie nicht, ist sie kein Mensch. Stirbt sie doch, bin ich allein. Nie geboren zu sein, wäre daher vielleicht die höchste Gnade. Aber wer will das schon.

Nur wenige wissen, dass es einen Mann gab, der das Problem auf Ebene der Raumbeleuchtung lösen konnte. Dieter Binninger hieß er, ein Uhrmacher, wie der Automatentüftler J.F. Sebastian in Ridley Scotts Film. Er ersann in den siebziger Jahren eine Ewigkeitsglühbirne, mit einer Lebenszeit von 150.000 Stunden, das sind 17 Jahre. Exakt die Hälfte dieser Zeit, also achteinhalb Jahre, nachdem Blade Runner in die Kinos kam, starb Binninger 52jährig,  am 25. März 1991, beim Absturz eines Privatflugzeuges nördlich von Helmstedt. Die Unfallursache wurde nie gefunden. Nur sieben Tage später fand das Leben eines seiner einflussreichen Förderers ein jähes Ende. Detlev Rohwedder, der Chef der Treuhand, wurde am 1. April 1991 von Unbekannten erschossen. Sein Plan, die Ewigkeitsglühbirne auf dem Gebiet der ehemaligen DDR produzieren zu lassen, blieb unverwirklicht.

Ich habe Dinge gesehen, sagt der Replikant Roy Batty, die ihr Menschen nie glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen im Regen: Zeit – zu sterben.


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