Archive for the ‘Gaza’ Category

Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer

2. März 2012

Die Idee für den Film allein wäre schon einen Preis Wert gewesen.

Nach drei Jahren Wehrdienst bekommen diejenigen israelische Soldaten, die in den Kampftruppen gedient haben, die Möglichkeit, bei der Armee und auf deren Kosten das Abitur nachzuholen, die Reifeprüfung, sofern sie die noch nicht haben, um nicht völlig unvorbereitet ins Leben zurückgeworfen zu werden.

Zu dieser Reifeprüfung gehört –  ebenso wie auf den zivilen Schulen – das Fach Staatsbürgerkunde. Ein Unterricht, in dem über Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gesprochen werden soll, und über den Spagat, in einem jüdischen und demokratischen Staat zu leben, der zudem keine Verfassung hat. Die Soldaten bei diesem Unterricht gefilmt zu haben, das ist Silvina Landsmanns große Leistung – das Material ist unbeschreiblich, nahegehend, persönlich, politisch, verführerisch, lässt den Betrachter sich solidarisieren oder abwenden, mitgehen oder fremdschämen.

Leider fällt die Montage des Films dagegen ziemlich ab. Man wird den Verdacht nicht los, dass Silvina Landsmann das Material im Schnittraum eilig zusammengeschustert hat, um die Premiere auf der Berlinale noch zu schaffen, obwohl der Film nicht fertig abgedreht war. Die Aufnahmen liegen sechs Jahre zurück, mussten abgebrochen werden, weil die Regisseurin ihr drittes Kind bekam (Applaus im Publikum) und ein paar Probleme dazu (schweigen). Dass dann auch noch das Geld alle war, muss nicht eigens gesagt werden. Auf der Bühne, nach dem screening, ist ihr die Sache sichtlich peinlich. Sie will nur kleinlaut auf die ausführlichen und manchmal schon suggestiv die Antwort in sich tragenden Fragen reagieren, dann bald wirkt ihre Zurückhaltung trotzig oder schlecht gelaunt. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint sie permanent zu wiederholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Soldaten, die gerade im Libanon gekämpft haben, über Demokratie und Menschenrechte diskutierend abzufilmen? – Mir hat das Paradox darin gefallen. Punkt.

Als (im Film) der Lehrer den Klassenraum betritt und seine Lektion beginnt mit der Frage: Was ist für Euch Toleranz, antwortet einer der jungen Soldaten: Warum stellst du die Frage nicht gleich auf arabisch?

Warum hast du den Araber acht Stunden lang am Checkpoint warten lassen, fragt der Lehrer später. – Ich hätte ihn ja früher rübergelassen, und seine weinenden Kinder haben mir auch leidgetan, aber dann hörte ich plötzlich die Expolision im Ort, und ich wusste, warum ich ihn nicht rüberließ. – Und wenn der Araber gar nichts mit der Explosion zu tun hatte? – Er hat geflucht und mich beschimpft, das habe ich verstanden. Er hat mich gehasst. – Und wenn er dich hasst, weil Du ihn acht Stunden hast warten lassen? – Ich war 19! Wie soll ich denn sowas entscheiden?

Der Rest ist Kopfkino.

Ben Gurion Security Upgrade

24. Februar 2012

Wer als Ausländer, als Journalist, als Mitarbeiter einer humanitären Organisation oder auch nur als Israeli einer Minderheitenkonfession regelmäßig über den internationalen Flughafen Ben Gurion ein- und ausreist, kennt die ausführlichen Befragungen des dortigen Sicherheitspersonals besser, als ihm lieb ist. Schon in der langen Schlange vor dem Einchecken treffen junge, studentisch wirkende Angestellte mit gutem Englisch eine Art Vorauswahl der Reisenden. Es gibt eine Schlange für die Unauffälligen und Loyalen – in der Regel jüdische Israelis, sogar mit nichtjüdischem Anhang, sofern dieser nicht durch andere Eigenschaften als verdächtig gelten muss. Wer auf  israelische Begleitung zurückgreifen kann, sollte sie zum Flughafen mitnehmen und in der Schlange für sich bürgen lassen, bis das Gepäck durchleuchtet, durchsucht und eingecheckt ist, denn die Anwesenheit eines Landsmannes oder einer Landsfrau wirkt ungemein beruhigend auf das Personal.

Wer allerdings auch nur potentiell gefährlich sein könnte, der wird in die schlechte Schlange geschickt. Dort finden sich Reisende aus aller Herren Länder, plus diejenigen Israelis, die durch ihre Begleitung das Recht auf die gute Schlange verwirkt haben. Es folgt ein erstes Interview, wer es ohne Beanstandungen absolviert, wird weiter eingeteilt, muss unter Umständen das Gepäck öffnen und inspizieren lassen, oder kann gleich zum Einchecken an den Schalter. Die Befragenden machen recht bald klar, dass die Befragten keinesfalls persönlich schuldig oder verdächtig sein müssen – denn möglich ist auch, dass sie, ohne es zu wissen, von Dritten benutzt werden. Es könnte sein, sagen sie, dass Ihnen jemand einen Gegenstand mitgegeben hat, der harmlos aussieht, der aber eine Bombe ist.

Die Gespräche in der Schlange verlaufen immer nach dem gleichen Muster. Schon auf die Einstiegsfrage: What is the purpose of your visit? – sollte man eine kongruente Antwort parat haben. Wobei die Antwort keineswegs gefällig sein sollte, sondern stimmig. Wer kam, um ein Waisenhaus in Ramallah zu unterstützen, sollte das sagen. Von Lügen ist ohnehin abzuraten; die zu erkennen, gehört offenbar zur Ausbildung. Wer also seinem Waisenhaus in Ramallah ein paar Euros und alte Computer gebracht hat und bei der Gelegenheit mit ein paar PLO-Granden Tee getrunken hat, sollte nicht behaupten, er sei Pilger und nur wegen der Heiligen Stätten gekommen.

Darüber hinaus gilt: Eine Geschichte reicht. Wer zwei Gründe hat zu kommen oder mehr, hat ein Problem.

Ich hatte mindestens drei und habe den Fehler gemacht, einen verheimlichen zu wollen. Grund eins war meine Frau. Grund zwei ein Theaterstück. Grund drei ein Interview mit Arik Ascherman, einem der rührenden Rabbiner, die sich für Menschenrechte auch für Palästinenser einsetzt und an jedem Wochenende versucht, mit der Thora in der Hand eine Katastrophe zu verhindern. Die ersten beiden Gründe gab ich zu, den dritten wollte ich verschweigen, um die Debatte abzukürzen, und das war ein Fehler. Darüber hinaus hatte ich noch eine kaum verheilte Schnittwunde im Gesicht, knapp über dem rechten Auge, die von einem Nagel herrührte, der in der von uns angemieteten Wohnung nahe des Gordon-Strandes in einem Regal stak, auf dem Kerzen standen und das mir nach einer heftigen Bewegung auf den Kopf gefallen war. Die Verletzung sah aber schlimmer aus, als sie war, man musste quasi Gewalt als Ursache vermuten.

Hinzu kommt, dass ich es bereits gewohnt bin, immer wieder meine Afghanistanreise von 2004 nachzuerzählen, von der ein ganzseitiger Stempel zeugt, und detailliert zu erklären, warum ich in Dubai ein Hotel genommen habe, und welches, wie das Wetter war (wie wohl, in Dubai), was ich den Tag über getan habe (was schon, in Dubai) und mit wem. Ebenso geläufig ist mir der immer wieder vergebliche Versuch, den Befragern klar zu machen, dass Afghanistan zwar ein islamisches, aber kein arabisches Land ist (dieser Unterschied kommt im israelischen Schulsystem eindeutig zu kurz), und im Übrigen im Jahr 2004 keinesfalls unser Feind war. Sondern eher ein befreundetes Land. Aber zu dieser historisch-geographischen Unterrichtseinheit kam es zuächst gar nicht, denn die Tatsache, dass diese Stempel in meinem Pass waren, ich aber nicht als Journalist im Land war, sondern einen privaten Grund angab, nämlich meine Frau, und dann da noch ein Theaterstück gewesen sein soll, punpte kleine Schweißperlen auf die Stirn meiner Vorbefragerin.  Hektisch lief sie hin und her und ließ mich in der Schlange warten. Ein bisschen erfüllte mich das mit Befriedigung. Denn bei meinen letzten Ein- und Ausreisen war ich ausgesprochen leicht durchgekommen, was mich nicht wenig  in meiner Eitelkeit gekränkt hätte. Immerhin hätte ich auch ein gefährlicher Terrorist sein können. Oder traut man mir das etwa nicht mehr zu?

Also: zwei Geschichten gleichzeitig und eine, die ich versuchte zu verheimlichen, was meine Körpersprache aber offenbar verriet, bescherten mir endlich einen Ben Gurion Security Upgrade. Ich bekam einen Termin beim Supervisor. Der kam natürlich nicht sofort, sondern erst nach 30 Minuten. Denn Spezialisten wie er sind selbstverständlich sehr beschäftigt.

Als er kam  – ein Mann kaum älter als dreißig, dessen Erscheinung ein eindruckvolles Zeugnis von der Überlegenheit der israelischen Küche ablegte –  nahm er mich beiseite und ließ mich erst mein Gepäck öffnen. Ganz ruhig, wir haben Zeit, sagte er, wobei er hätte wissen müssen, dass dies für mich nur eingeschränkt galt. Ein großer Teil der Pufferzeit, die jeder Reisende am Ben Gurion einplanen muss, war bereits durch Warten draufgegangen, und mindestens zwei weitere Checks, ein Grenzübertritt und mehrere Schlangen warteten noch.

Im nun folgenden Gespräch entblätterte der Mann seine Fragetechnik, die im Vergleich zu den Vorsortierern deutlich verfeinert war. Als ich auf die Frage, welches der Grund meines Besuches sei, wahrheitsgemäß antwortete, formulierte er spitz: Nein, ich möchte nicht wissen, warum Ihre Frau gekommen ist. Warum sind SIE gekommen?
– Um das Theaterstück meiner Frau zu sehen.
– Für ein einziges Theaterstück fliegen Sie nach Israel?
– Es ist eben nicht irgendein Theaterstück. Meine Frau hat es geschrieben.
– Wie hieß denn das Festival, auf dem es aufgeführt wurde?
– Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.
– Dann haben Sie doch sicher eine Eintrittskarte.
– Wie gesagt, meine Frau hat das Stück geschrieben. Ich stand auf der Gästeliste.
– Wer stand denn noch auf der Gästeliste?
– Woher soll ich das wissen.
– Kennen Sie die Person, die Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Naja, meine Frau.
– Waren Sie dabei, als Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Natürlich nicht! Ich habe anderes zu tun.
– Woher wissen Sie dann, dass Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat? Usw. Usf.

Dann musste ich jeden einzelnen Tag meiner Reise dokumentieren. Das war meine Achillesferse. Als ich zugeben musste, dass ich in Jerusalem gewesen war – was keine privaten Gründe haben konnte, weil die Familie meiner Frau aus Tel Aviv stammt und deshalb niemals freiwillig nach Jerusalem fährt – wurde er stutzig. Was genau haben Sie sich denn in Jerusalem angesehen, fragte er.

Darauf hin bricht meine Abwehr zusammen. Ich gestehe ihm  mein Interview mit Rabbi Arik Ascherman.

Also haben Sie doch gearbeitet, ruft  er triumphierend, aber nicht böse, eher befriedigt über den Erfolg seiner Interviewmethode.  Seine Laune wird  nun, da er einen Hebel gefunden hat, immer besser. Da haben Sie doch sicher eine  Aufnahme.  Natürlich habe ich die, sage ich.  Können Sie mir die vorspielen? Es ist schön, erwidere ich mit bitterer Miene und immer mit einem Auge auf der  Uhr an der Wand, so viel Aufmerksamkeit für meine Arbeit zu bekommen. Ich krame meinen MP3-Player heraus und suche die Datei mit dem Rabbiner. Das dauert. Ich schwitze. Ich fluche.  Nur die Ruhe, sagt er. Dann habe ich die Datei gefunden und spiele sie ihm vor. Nach wenigen Sekunden sagt er: Ok. Genug. – Aber das Interview hat doch noch gar nicht angefangen! Rabbi Ascherman referiert am Anfang über etwas völlig anderes. Das ist dem Mann egal. Ich muss den Rekorder abstellen und wieder einpacken.

Nun macht er sich über meinen Reisepass her. Mit der Genauigkeit eines Pathologen seziert er jeden Stempel einzeln, dabei bewegen sich seine Lippen stumm, er hält den Ausweis gegen das Licht, nimmt sich viel Zeit, ganz so, als könnten diese Stempel eine Auskunft geben über das ganze Rätsel meiner Existenz. Als er fertig ist, fragt er: Warum haben Sie, aus allen Ländern, ausgerechnet Afghanistan ausgewählt, um dort Journalisten auszubilden? Nun lag es mir auf der Zunge zu antworten: Weil sie mich in der Schweiz nicht brauchen! – aber ich sagte, wahrheitsgemäß: Ich wollte was erleben. Es war eine einmalige Gelegenheit, dorthin zu fahren. -Und in welchen anderen arabischen Ländern waren Sie? – Afghanistan ist kein arabisches Land! Ganz im Gegenteil!! – Ich weiß, sagte er, also: in welchem anderen arabischen Land waren Sie?

Erst 45 Minuten später, und nachdem er den Vater meiner Frau angerufen hatte, aber von einem dienstlichen, vermutlich abhörsicheren und nicht manipulierbaren Mobiltelefon, lässt er von mir ab. Die Stimme und der Tonfall eines der Seinen, die ihm sagen, jaja, ich kenne ihn, die Geschichte mit meiner Tochter stimmt, ich weiß auch nicht, warum der in diese ganzen Länder fahren muss, usw, beschwichtigen ihn.  Ich erreiche mein Flugzeug im Laufschritt.  Über dem Mittelmeer schließe ich die Augen.

Die Insel Isrotel

21. Juni 2011


Tel Aviv wird oft, vielleicht in Ermangelung passender Vergleiche, eine Blase genannt. Dies deshalb, weil man hier abgeschottet sein kann, vom Krieg in der Nachbarschaft nichts spürt, sofern man das nicht will. Tel Aviv schwebt, die ganze Stadt träumt – von hier aus ist ein Ort wie Gaza genauso weit entfernt, wie von Deutschland aus – wenn nicht weiter. Alle schließen die Augen, und tun so, als wäre nichts. Für Journalisten, die dieses Land vorübergehend bewohnen müssen, ist das mitunter nicht einfach. Nach einem Tag in den besetzten Gebieten kann das das vollends Ungerührte des Lebens auf den Boulevards von Tel Aviv schwer erträglich sein, und der Drink am Strand will nicht schmecken, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Glas. Adi sagt immer: Was willst Du – haben wir nicht das Recht auf ein normales Leben, auf Tratsch und Ehekrisen und Gewichtsprobleme und nichtssagende TV-Serien und die Klage über den Steuerbescheid, und das Recht, mit kleinen Hunden spazieren zu gehen? Haben wir es etwa nicht verdient, dass uns das Unrecht da draußen genauso gleichgültig ist wie Euch?
Glaubt man Adi, dann ist die Blase von Tel Aviv eine echte Errungenschaft.
Für den deutschen Denker Peter Sloterdijk findet menschliches Leben ganz ausschließlich nur in Blasen statt. Von der Fruchtblase im Mutterleib bis zum Sauerstoffzelt auf dem Sterbebett, leben wir, unterbrochen nur von wenigen luziden Momenten echter Aufmerksamkeit, immer nur in den Mikrokosmen unserer gewählten Beziehungen – und die ungewählten bleiben draußen. So gesehen ist Tel Aviv eine besonders menschhafte Stadt.
Ihr blasenhaftes Wesen zeigt sie besonders gut im Isrotel, zweite Reihe hinter der Strandpromenade, von der ganzen Stadt aus zu sehen. Schon von außen bedeutet das Gebäude jedem, dass es nicht dazu gehört, nicht dazu gehören will, dass es quasi gar nicht wirklich hier ist. Als gigantische graue Säule ragt es in den Himmel, es passt zu nichts, was neben ihm steht, auch nicht zu den konventionellen Hotelhochhäusern, dem Hilton oder dem Savoy. Auf seinem Dach thront eine untertassenförmige Plattform. Dies ist kein Hubschrauberlandeplatz. Es ist das Schwimmbad des Hotels – schwimmen kann man nicht wirklich in ihm, dazu ist es zu flach und zu klein, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, oben zu sein, weit über denen da unten, über den Autoschlangen zwischen den Häuserschluchten, und die vielen kleinen Menschlein am Strand sind von hier aus kaum mehr als Statistik. Ein Satz wie: Selbst in den Jahren der Intifada starben in Israel zweimal mehr Menschen an Verkehrsunfällen, als an den Folgen des Konflikts, formulieren sich hier oben ganz leicht. Hier, am Pool des Isrotel, ist man gelassen und beobachtet – und muss nicht einmal hinsehen, wenn es unangenehm wird. Man kann sich ja umdrehen. Die beiden Hubschrauber des Militärs fliegen nach Süden, vielleicht um aufzuklären, vielleicht, um zurückzuschlagen, wer weiß. Manchmal dröhnen hier auf Augenhöhe die führerlosen automatischen Fluggeräte vorbei, im Landeanflug auf den innerstädtischen Flughafen ein Stück weiter nördlich.
Journalisten lieben dieses Hotel.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch


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