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Schönhauser Allee

3. Juli 2013

2013-07-02 14.18.45 Kopie

Auf der Höhe der Cantian, wo die Schönhauser so laut donnert wie sie kann, habe ich vor Jahren mal das tragische Ende eines Überfalls beobachtet. Es muss in den frühen Neunzigern gewesen sein. Zwei Bankräuber flohen aus Richtung der Danziger kommend, die damals noch nach Dimitroff hieß, mit einer weißen Plastiktüte, die der eine mit der Faust zusammenkrallte, wie man einen Sack frisch geborener Katzenbabies hält, wenn man sie ersticken will, zwei dünne junge Männer in billigen Jeansanzügen, in ihrem Blick eher Trauer als Angst. Auf dem Dreieck, das entsteht, weil die Cantianstraße in spitzem Winkel auf die Schönhauser stößt, versteckten sie sich unter niedrigen Bodendeckern, Eiben vielleicht oder Kiefern. Ein einziger Polizist verfolgte sie, leicht dicklich, er hielt mit der einen Hand die Dienstmütze fest, mit der anderen seine Pistole an der Hüfte. Er hatte es nicht sonderlich eilig. Gleich mehrere Passanten zeigten ihm, wo sich die Räuber versteckt hatten. Er schaute unter die Büsche und zog nicht einmal jetzt den Revolver. Nach ein paar Minuten hatte er die Diebe gefasst, er führte sie wie zwei dumme Schuljungen ab, ohne Handschellen, widerstandslos. Die beiden haben mir sehr leid getan. Ich habe mich gefragt, wie viele Jahren sie wohl ins Gefängnis mussten für so einen schrecklich schlecht geplanten, wahrscheinlich nach spontanem Entschluss katastrophal unprofessionell durchgeführten Überfall.
Es muss zur gleichen Zeit gewesen sein, als vor dem Supermarkt ein paar Häuser weiter eine junge Frau mit ihrem Kind saß, einfach so, ohne zu betteln, in weiten Kleidern, vielleicht eine Roma, vielleicht auch nicht, und die Kunden empört den Marktleiter auf die Straße holten und von ihm verlangten, die Polizei zu rufen. Der Marktleiter sträubte sich, kratzte sich am Hinterkopf und sah sich die Sache genauer an. Was liegt gegen die Frau denn vor, fragte er die Umstehenden. Nichts, sagte einer er Kunden, das ist es ja gerade.
Heute wird auf dem Dreieck eines der Millionärshäuser gebaut, mit Blick auf den Sportplatz, komplett verkauft vor dem ersten Spatenstich. An dieser Ecke hat sich zumindest optisch noch das grobe Weichbild der neunziger Jahre erhalten, das Stadion, die gelbe Tram, die Hochbahn, die Unaufgeregtheit.
Als ich hier anhalte, um meinen Fahrradreifen aufzupumpen an einer der Luftstationen der Radgeschäfte, höre ich einen Mann sprechen, er ruft in sein Telefon, ich kann ihn nicht sehen, weil er noch zu weit weg ist, aber seine Stimme ist so eindrücklich, sie hat meine ganze Kindheit begleitet, da schimpft einer ins Telefon, der feine Herr Landsberg, ruft er, dann soll der feine Herr Landsberg eben mal seine Post lesen, der feine Herr Landsberg, ist mir doch egal, wenn er nichts mitbekommt – da steht Ilja Richter und telefoniert.
Mit der gleichen Stimme, Licht aus, Spot an, Disko 77, Disko 78, der jugendliche Liebhaber aus den Aufklärungsklamotten, Ilja Richter, und telefoniert mit seinem Anwalt. Mit seinem Bart sieht er in etwa so alt aus, wie er inzwischen sein muss. Als er näher kommt, sieht er, dass ich ihm zuhöre, er hält die Hand vor die Muschel. Ich reagiere so, wie ich immer reagiere, wenn mir im Prenzlauer Berg Prominente begegnen. Ich tue so, als kennte ich sie nicht.

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