Archive for August 2010

Benennung ist Macht: Die Sprache des Konflikts

28. August 2010

Die Sprachverwirrung beginnt genau genommen schon bei der Frage, wie dieses Land eigentlich heißen soll.

Die Israelis meinen, wenn sie von Israel sprechen, das ganze Gebiet vom Mittelmeer bis zum Jordan, auch Gaza, Ramallah und Nablus werden wie selbstverständlich dazu gezählt. Ebenso selbstverständlich nennen die Palästinenser genau das gleiche Gebiet Falestin, auch Tel Aviv mit seinem Rothschildboulevard. Während in Israel jedes Jahr im Mai die Unabhängigkeit gefeiert wird, ist dies für Palästinenser ein Trauertag, er erinnert sie in die Nakba – die Katastrophe. Und wenn Israel als Staat gemeint ist, spricht man auf palästinensischer Seite nur vom zionistischen Gebilde.

Ausländer, die nicht in Fettnäpfchen treten wollen, sind gut beraten, vom Heiligen Land zu sprechen, das hören beide Seiten gern, und jeder weiß, was gemeint ist. Deutlich schwieriger wird die Sache, wenn es um die im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebiete westlich des Jordans geht – Yehúda ve Schomrón, also Judäa und Samaria ist das für die jüdischen Siedler, um klar zu machen, dass es um das Kernland des historischen Israels geht. Wer behauptet, in die Westbank zu fahren, kann sich unbeliebt machen, diese eigentlich neutrale Bezeichnung steht unter Verdacht, die biblische Vergangenheit des Landes unter den Teppich kehren zu wollen.

Aber auch die meisten Israelis, die durchaus bereit wären, einen palästinensischen Staat in Gaza und im Westjordanland zu akzeptieren, würden nie von besetztem Gebiet sprechen, wenn die Rede von Ostjerusalem ist – oder von den Golan-Höhen – obwohl diese völkerrechtlich recht eindeutig zu Syrien gehören. Im Westjordanland wird es noch komplizierter: Die Meinungen unter Israelis gehen sehr weit auseinander, ob es besetzt ist, umstritten oder befreit. Um Streit aus dem Weg zu gehen, wird zunehmend nur noch von Gebieten gesprochen –  Schtachim.

Die Sperranlagen, die im Westjordanland Juden und Araber trennen, werden auf hebräisch umgangssprachlich Zaun genannt – Gadér. Das Wort Mauer dagegen wird vermieden. Die offizielle israelische Sprachregelung lautet Sicherheitszaun. Die Palästinenser dagegen nennen das selbe Bauwerk Apartheidsmauer – denn es wird unterstellt, dass sie nur gebaut wurde, um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Die Israelis dagegen bestehen darauf, sie nur gebaut  zu haben, um sich vor Selbstmordattentätern zu schützen. Journalisten von der BBC  – stets um Mäßigung bemüht – wird daher dringend empfohlen, nur von einer Barriere oder bestenfalls von einer Trennbarriere zu berichten. Obwohl – vergleichbar mit der früheren innerdeutschen Grenze – an manchen Abschnitten ein Zaun, an anderen eine Mauer gebaut wurde, wäre es Parteinahme, einen dieser beiden Begriffe zu benutzen.

Der Streit um Worte findet auch im Alltag statt.

Die Israelis nennen die im Land lebenden Palästinenser Araber, um auszudrücken, dass Palästina keine eigene Nation ist, schon gar nicht eine mit eigenem Selbstbestimmungsrecht. Es handelt sich quasi nur um verstreute Araber, die ebenso in Jordanien oder Agypten leben könnten.

Im Gegenzug wird beispielsweise ein Mitglied der im Gazastreifen regierenden Hamas niemals die Worte Israeli oder  Israel in den Mund nehmen – es geht immer nur um Juden oder um Zionisten. Jüdische Siedlungen werden als eroberte bewohnte Gebiete bezeichnet – und die im Gaza-Streifen geräumten Siedlungen dementsprechend als befreite Gebiete.

Dubrovnik: Ivo und die Kriege

2. August 2010

Ivo sagt, dass er insgesamt 45 Jahre lang in Deutschland gelebt hat. Heute sitzt er auf der Steintreppe vor seinem Haus in der Kovacka, der Schmiedegasse, raucht Pfeife und beobachtet die Ströme von Menschen unten auf der Stradun. Abends hustet er, so laut, dass die Katzen davon laufen und die Nachbarn wach werden. Ivo hat meist als Fahrer gearbeitet, meistens in Stuttgart, einige wenige Male aber auch in Ostberlin. Ich habe alles gefahren, sagt er, Mercedes, Opel, DKW. Sogar Trabi. Weil Jugoslawien damals ein sozialistisches Land war, bestellte die DDR, wenn sie schon Arbeitsbrigaden aus dem Westen anfordern musste, mit Vorliebe solche an, die aus Jugoslawen bestanden.

Einmal stand Ivo auf dem Hochhaus am Leninplatz, im obersten Stockwerk, in dem seine Kollegen Wartungsarbeiten vornehmen mussten, für die es im Osten keine Fachkräfte gab. Bis zum Horizont nur Stadt! – sagt Ivo, bis heute beeindruckt. Und: Die Menschen locker und offen, ganz anders als in Stuttgart, sagt er, wo alles so eng und alle so ängstlich sind.

Als 1991 der Krieg begann, ist er zurück gekehrt. Der Flughafen in Split war schon kaputt, deswegen ging es über Ancona und Mostar, dann mit Bussen, in letzter Minute, nach Dubrovnik rein. Ivo kam, um sein Haus zu beschützen. Das Haus, in dem er geboren wurde, und das seine Familie seit mehr als 200 Jahren bewohnt. Er kam aber auch, um seine Frau zu beschützen. Denn Ivos Frau ist Serbin – Ivo ist Kroate. Oben am Steilhang stand die serbisch-montenegrinische Artillerie und beschoss die Stadt – wer als Serbe in Dubrovnik blieb, brauchte einen Bürgen: Es war eine schwere Zeit, sagt Ivo. Bis heute, wenn wir nach Serbien fahren oder nach Bosnien, sagt alle Welt zu uns: Setzt euch, kommt herein. Aber ihre Blicke sind kalt und voller Angst. Erst nach dem dritten Traubenschnaps, mitgebracht aus Montenegro, spricht er über das Bombardement – wir konnten die Stadt nicht verteidigen! Sie sind mit Schiffen in die Bucht gefahren und haben ihre Granaten von oben auf die Dächer geworfen. Monatelang. Jahrelang. Wir hatten Geld genug, aber es gab nichts zu kaufen. Kein Mehl, keine Kartoffeln, nicht einmal Wasser. Weil Ivo in seinem vierstöckigen Haus die Holzdecken durch Betonböden hat auswechseln lassen, kamen während der Bombardements Dutzende von Nachbarn, um sich zu schützen. Wenn die Bomben fielen, saßen alle im unteren Geschoss – einen Keller gibt es nicht – und sprachen sich Mut zu: Eine Betondecke mag so eine Granate durchschlagen, vielleicht auch zwei, aber doch nicht drei! Ivos Haus ist nicht getroffen worden.

Gut, sag ich zu meiner Frau, dass meine Mutter das nicht hat erleben müssen – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, dann diesen, das hätte sie nicht überstanden. Wir können Gott danken, dass sie tot ist.

Von 1991 bis 1995 wurde Dubrovnik belagert. Als man danach den weißen Marmor auf der Stradun, der Prachtstraße, ausbessern wollte, gab es den Vorschlag, ihn doch dort, wo Granatentreffer waren, mit rotem Marmor aufzufüllen– man hat das wieder verworfen, weil dann die ganze Hauptstraße rot gewesen wäre.

Wir können vergessen, sagt Ivo, aber niemals verzeihen. Verzeihen – niemals.

Heute wohnt Ivo mit seiner Frau während der Winter, in denen in Dubrovnik nicht geheizt wird und die Nässe in die Gemäuer zieht, wieder in Stuttgart.


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