Archive for Februar 2013

Amtrak

16. Februar 2013

I have to go to Paris

Das Speisewagenpersonal macht keine Ausnahmen: Sie werden platziert, ganz wie früher, wer frühstücken will, muss an einen Tisch. Draußen zieht mit majestätischer Langsamkeit die Prärie vorbei, ein erkalteter Vulkan, Fichten, von denen der nasse Schnee tropft, rote Erde, halbgefroren eingeschneite Berge, gelbes Gras, kein Mensch scheint hier seine Spuren hinterlassen zu haben, eine Landschaft wie ein Versprechen: Es ist genug für alle da. Der Kellner bringt Eier und Orangensaft, und Brot und eingelegten Obstsalat und Kaffee soviel man will, nicht schlecht für sieben Dollar, sagt Rick, der mir schräg gegenüber sitzt. Tätowiert bis unter den Kehlkopf, Ketten aus Leder mit Perlen aus Halbedelstein, mein Volk heißt Mexican Comanche, sagt er, weil es aus New Mexico kommt, ursprünglich. Er fährt nach Norden, um seinem Onkel zu helfen, medizinisches Marihuana anzubauen, jetzt, wo das legal ist, aber sie gucken drauf, jede Pflanze wird registriert, nicht mehr als 12 bis 15 weibliche, nicht mehr als drei männliche pro Saat. Drei Gewächshäuser pro Lizenz, mehr nicht. Alle paar Wochen kommt einer vom Amt und zählt, am Ende wird gewogen. Und wenn du deine versteckten Plantagen in den Bergen nicht aufgibst, und sie kommen drauf, bist du raus, ohne lange Diskussion. Im Salonwagen kann, wer will, unter dem verglasten Zugdach sitzen, die Fahrt von San Diego über Los Angeles, San Francisco und Portland nach Seattle dauert dreieinhalb Tage, es fährt mit, wer muss, weil ihm die 35 Dollar, die er  spart, weil er nicht fliegt, wichtig sind, Touristen, denen es nur um die Ausblicke geht, oder wer die Zeit hat. Rentner legen Patiencen, Alkohol wird erst ab neun verkauft. Die meisten nennen mich Dr. Rock, erzählt Rick jetzt, weil ich auf 100 Meilen der Fachmann bin für Steine. Ich kaufe sie und sammle sie, ich weiß, wer sie arbeiten kann, und ich schätze sie. Wenn einer einen Halbedelstein findet, kommt er zu mir, und ich sage ihm, was er wert ist. Im letzten Winter habe ich mir ein Buch über Meteoriten gekauft und im Herbst, als ich gerade im Reservat bei meinen Kindern bin, und ich gehe, weil es September ist, nachschauen, ob schon Perlhühner da sind, für die Jagd, da leuchtet über mir ein Meteorit, mit einem Schweif, und es knallt, wie ein Jet. Wenn das nicht das Gesetz der Attraktion ist: Erst lese ich über Sternschnuppen, dann platzt eine über mir. Zwei von den Alten sind nachher zu mir gekommen mit Metallbrocken und wollten wissen, was sie wert sind. Ein Meteor kann gut und gerne 2000 Dollar bringen, hab ich ihnen gesagt, aber sie haben mir nicht geglaubt. Manche Menschen wollen nicht dazulernen.

Rick will wissen, ob die Stücke aus der Berliner Mauer, die im Internet angeboten werden, alle echt sind, und ob man in Deutschland immer noch Strafe zahlen muss, wenn man am Sonntag die Wäsche raushängt, er war fünf Jahre lang GI in Würzburg und kann immer noch „Ich liebe dich von ganzem Herzen“ sagen. Rick ist gerade fünfzig geworden und hat sieben Enkel, die er heute alle sehen darf, früher war das nicht so, bevor ich nüchtern geworden bin, haben sie mich nicht zu ihnen gelassen. Heute kann die Kleinen zu mir nehmen, wann ich will. Die Bilder seiner Enkel hat er im Telefon eingespeichert und er zeigt sie im Wagon herum, guckt doch mal, wie weiß die sind. Ich bin fast schwarz, und die sind weiß. Dauert nicht mehr lange, dann sind wir alle weiß! Der Kellner schaut sich die Bilder an und ist sich nicht sicher, ob er mitlachen darf. Well, sagt Rick, als er fertig ist, that’s my story.

Wir kennen das nicht, fange  ich dann wieder an, Landschaft so weit du gucken kannst und kein Mensch hat das Land je angefasst. Naja, kein Mensch, sagt Rick. Nicht ganz. Und bestellt die Rechnung. Und lächelt dabei.


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