Archive for Juni 2011

Am Strand

30. Juni 2011


Am Frishman beach, Samstags gegen 15 Uhr, es ist 33 Grad heiß, auf den vielleicht 100 m aufgeschüttetem Sand zwischen der Promenade und dem Wasser liegen die Handtücher dicht nebeneinander. Hier darf man schwimmen, und man kann es auch – denn diese Stelle ist weit genug entfernt von den Abwasserrohren, die südlich des Hilton beaches ins Meer führen, und die Wellenbrecher vor der Küste erlauben den Gang ins Wasser, anders als an den anderen Ufern der Levante, schon in Jaffa können die Wellen gewaltig sein. Die Kellner der Strandcafés balancieren Tabletts überladen mit Tellern und Flaschen; Hummus und Fleischspieße, große Schalen mit bunten Fruchtsalaten, dazu scharfe Getränke und jede Menge Bier zwischen den Liegestühlen hin und her, die Rettungsschwimmer in blauen T-Shirts gehen prüfend durch die Reihen, einige am Strand schlafen, andere tanzen den letzten Tanz der längst vorübergegangenen Nacht oder vielleicht der davor? Eine Lautsprecherstimme warnt in regelmäßigen Abständen, vor allem, was gefährlich ist: Es ist verboten, bei roter Beflaggung ins Wasser zu gehen. Es ist unbedingt davon abzuraten, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen. In ganz Israel ist es per Gesetz strengstens verboten, am Strand Alkohol zu trinken. Der Wagen mit der Nummer soundso wird gleich abgeschleppt. Den Anweisungen der Rettungsschwimmer ist unbedingt Folge zu leisten. Dieser Strand ist keine Müllhalde.
Plötzlich aber dann laufen an einer Stelle, nicht weit vom Wasser, die Menschen zusammen. Ein Körper liegt am Boden, reglos, ein großer und auch dicker älterer Mann offenbar, die Rettungsschwimmer pressen rhythmisch auf seien Brustkorb. Die Menschentraube wird immer dichter, nur zwischen den nackten Beinen hindurch ist zu sehen, wie versucht wird, ein Leben zu retten, immer wieder, zu zweit, mit vollem Gewicht wirft sich einer auf das Brustbein des Leblosen, der Körper federt wie eine Puppe. Irgendwann kommen die Sanitäter von der Promenade her, und laden ihn auf ihre Trage und schleppen ihn, vier Mann mit vereinten Kräften, zum Krankenwagen.
Hu met, sagen alle plötzlich, er ist tot.
Und dann geschieht das Unfassbare: ein einzelner Strandbesucher in Badehose wirft sich mit voller Wucht auf einen der anderen, zerrt ihn zu Boden, versucht, seinen Kopf zu traktieren, als er von den Umstehenden zurückgehalten wird, reißt er einen der Sonnenschirme aus den Boden, und benutzt ihn wie einen Speer, er rennt irregeworden auf den einen, und immer nur den zu, und will ihn mit dieser komischen Lanze erstechen, als er dann wieder von der Menge entwaffnet und zurückgeworfen wird, greift er, was er kann, Plastikstühle, Tische, leere Flaschen, volle Flaschen, sogar ein Fahrrad, das dort im Sand liegt, und wirft alles das auf diese eine Person, die er in diesem Moment ermorden will.
Erst Monate später, als ich Adi von der Geschichte erzähle, erfahre ich, was der Grund war: Ein Streit zwischen Familien, es stand in der Zeitung, der alte Mann erschlagen, der junge, das war sein Neffe, als er von der Nachricht hörte, mit allem, was er greifen konnte, auf den Täter und seine Verwandten. Um seinen Onkel irgendwie, verzweifelt, zu rächen.
Lieber tot sein als ohne Ehre.
Mein Freund W., ein Filmemacher, Drehbuchautor und Hochschullehrer sagt: Du solltest lieber eine Geschichte erzählen, die unterhalb der Schwelle des Mordes bleibt.
Ja, will ich ja auch

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

Israelis in Berlin – HaBait live

24. Juni 2011


Dass mittlerweile viele Tausend Israelis in Berlin leben, ist ja schon Spiegelgeschichten wert gewesen, bislang aber ist es der relativ neuen Community noch nicht gelungen, zu einem authentischen eigenen künstlerischen und äthetischen Ausdruck zu finden. Es gibt zwar die regelmäßig stattfindenden Meschugge-Parties, die aber sind sehr von den jungen schwulen Israelis in Berlin geprägt, und das ist eine ganz andere Story. Die Israelis, die seit ein paar Jahren kommen, sind hier, weil Berlin sein Gesicht verändert hat, und sie nur hier – wie sie glauben – sich so entfalten können, wie wie wollen, und dabei noch ihre Miete zu zahlen in der Lage sind; in London, wie man hört, bilden Israelis schon eine neue Schicht von Händlern auf den angesagten Hippiemärkten im größeren Umkreis von Camden-Town, die meisten spezialisiert auf die drei P: Pullover, Pilze und Falafel (sofern berücksichtigt wird, dass Falafel auf Hebräisch mit P geschrieben wird) – in Berlin verschwinden die Israelis noch feiner in den Ritzen der verschiedenen Milieus, weil sie auf den Spuren ihrer seinerzeit vertriebenen Groß- oder Urgroßeltern sind und folglich deutsche Pässe haben, oder die anderer EU-Länder, sie bilden also nicht wirklich eine Gruppe. Bevor ich schildere, wie HaBait das zu ändern versucht, schiebe ich gern die Ansicht von Wladimir Kaminer ein, der, auf die israelische Einwanderungs- oder Rückkehrwelle angesprochen sagt, das sei überhaupt nicht neu. Er habe in den vergangenen Jahren ständig mit ein-, durch- und ausreisenden Israelis zu tun gehabt, heute würden die Menschen ohnehin wie Wasser werden, sie umflössen die Kontinente, unuterscheidbar voneinander und doch jeder einzigartig; insbesondere habe seine Gattin, die ansonsten das Licht der Öffentlichkeit eher scheut, sich im Jahre 1990 nachdrücklich engagiert, als es darum ging, Israelis im Exil in Deutschland zu helfen, auf dem Rückzug vor dem damals dort wütenden 2. Golfkrieg, denn einige von ihnen galten als Deserteure, und die brauchten rechtlichen, aber auch menschlichen Beistand.
Sicher ist, dass Israelis bisher immer einen guten Grund brauchten, besser: Eine Rechtfertigung, um nach Deutschland zu ziehen. Musste man doch den Familienangehörigen und Nachbarn zu Hause erklären, die jahrzehntelang zwar alle anderen europäischen Länder fleißig und interessiert bereisten, um Deutschland aber einen weiten Bogen machten, das Umsteigen in Frankfurt galt manchem schon als erster Schritt zum Verrat, warum gerade hier, im Land der Täter. Früher mussten handfeste Entschuldigungen her, wie: Ich bin Deserteur und bekomme nur hier Papiere. Heute reicht schon: Warum nicht, Berlin ist doch nicht wirklich Deutschland.
Berlin is not Germany hätte also leicht das Motto von Habait werden können, vielleicht wird es das noch. An diesem Sonntag hieß es nur: Israelische Kultur in Berlin. Während die Besucher in der Schlange standen, um eine Karte zu kaufen oder sich für den Kauf einer solchen registrieren zu lassen, bekamen sie von einem netten jungen Mann mit langen braunen Haaren kleine Eise am Stiel geschenkt – nur wirkliche Insider oder Deutsche, die entweder in den 70ern schon Filme ab 16 sehen durften oder in den 90ern viel Zeit vor dem Fernseher verbracht haben, verstehen den Wink. So, als es dann losging, wurde der erste Diskutant – Markus Flohr, ein Autor deutscher Zunge, der ein Jahr in Israel verbrachte und darüber ein Buch veröffentlicht hat – mit den Worten vorgestellt, dass er 1.) kein Jude und 2.) nicht homosexuell sei. Aha. Später dann räumte er ein, als 19jähriger Abiturient einer radikal-kommunistischen Gruppe angehört zu haben, die alle Staaten auf dieser Welt abschaffen wollte, den Staat Israel aber zuletzt, dieses Geständnis konnte sein Rennommée aber nicht nicht mehr retten, er gehörte beim besten Willen keiner Minderheit an. Nach Flohrs Lesung sang eine israelische Sängerin, die in Berlin quasi auf Durchreise war, dann dort stecken blieb, das Weiterreisen aber noch nicht aufgeben wollte, und deshalb singt sie regelmäßig hier, oder so ähnliche, in Israel sei sie ein großer Star, hieß es, ihr Ehemann steht hinter ihr an der Gitarre. Nach dem Konzert gab es Hummus, zwei Euro pro Teller, von dem ich gern berichtet hätte, wie es schmeckt, wenn ich noch etwas davon abbekommen hätte, denn nachdem ich zwanzig Minuten vorher in der Schlange gestanden hatte, ging es bei der Frau vor mir, die ich idiotischerweise auch noch vorgelassen hatte, aus. Ich beschloss, nicht darüber wütend zu werden und holte mir ein Falafel-Sandwich von der Kastanienallee, sehr köstlich, irakischer Besitzer, geht sehr schnell und kostet auch nur 2,50 – trotz dieses kleinen Wermutstropfens also war die Veranstaltung von HaBait aber wirklich sehr schön; sechs Mal im Jahr soll sie künftig stattfinden.

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Die Insel Isrotel

21. Juni 2011


Tel Aviv wird oft, vielleicht in Ermangelung passender Vergleiche, eine Blase genannt. Dies deshalb, weil man hier abgeschottet sein kann, vom Krieg in der Nachbarschaft nichts spürt, sofern man das nicht will. Tel Aviv schwebt, die ganze Stadt träumt – von hier aus ist ein Ort wie Gaza genauso weit entfernt, wie von Deutschland aus – wenn nicht weiter. Alle schließen die Augen, und tun so, als wäre nichts. Für Journalisten, die dieses Land vorübergehend bewohnen müssen, ist das mitunter nicht einfach. Nach einem Tag in den besetzten Gebieten kann das das vollends Ungerührte des Lebens auf den Boulevards von Tel Aviv schwer erträglich sein, und der Drink am Strand will nicht schmecken, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Glas. Adi sagt immer: Was willst Du – haben wir nicht das Recht auf ein normales Leben, auf Tratsch und Ehekrisen und Gewichtsprobleme und nichtssagende TV-Serien und die Klage über den Steuerbescheid, und das Recht, mit kleinen Hunden spazieren zu gehen? Haben wir es etwa nicht verdient, dass uns das Unrecht da draußen genauso gleichgültig ist wie Euch?
Glaubt man Adi, dann ist die Blase von Tel Aviv eine echte Errungenschaft.
Für den deutschen Denker Peter Sloterdijk findet menschliches Leben ganz ausschließlich nur in Blasen statt. Von der Fruchtblase im Mutterleib bis zum Sauerstoffzelt auf dem Sterbebett, leben wir, unterbrochen nur von wenigen luziden Momenten echter Aufmerksamkeit, immer nur in den Mikrokosmen unserer gewählten Beziehungen – und die ungewählten bleiben draußen. So gesehen ist Tel Aviv eine besonders menschhafte Stadt.
Ihr blasenhaftes Wesen zeigt sie besonders gut im Isrotel, zweite Reihe hinter der Strandpromenade, von der ganzen Stadt aus zu sehen. Schon von außen bedeutet das Gebäude jedem, dass es nicht dazu gehört, nicht dazu gehören will, dass es quasi gar nicht wirklich hier ist. Als gigantische graue Säule ragt es in den Himmel, es passt zu nichts, was neben ihm steht, auch nicht zu den konventionellen Hotelhochhäusern, dem Hilton oder dem Savoy. Auf seinem Dach thront eine untertassenförmige Plattform. Dies ist kein Hubschrauberlandeplatz. Es ist das Schwimmbad des Hotels – schwimmen kann man nicht wirklich in ihm, dazu ist es zu flach und zu klein, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, oben zu sein, weit über denen da unten, über den Autoschlangen zwischen den Häuserschluchten, und die vielen kleinen Menschlein am Strand sind von hier aus kaum mehr als Statistik. Ein Satz wie: Selbst in den Jahren der Intifada starben in Israel zweimal mehr Menschen an Verkehrsunfällen, als an den Folgen des Konflikts, formulieren sich hier oben ganz leicht. Hier, am Pool des Isrotel, ist man gelassen und beobachtet – und muss nicht einmal hinsehen, wenn es unangenehm wird. Man kann sich ja umdrehen. Die beiden Hubschrauber des Militärs fliegen nach Süden, vielleicht um aufzuklären, vielleicht, um zurückzuschlagen, wer weiß. Manchmal dröhnen hier auf Augenhöhe die führerlosen automatischen Fluggeräte vorbei, im Landeanflug auf den innerstädtischen Flughafen ein Stück weiter nördlich.
Journalisten lieben dieses Hotel.

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