Archive for the ‘Kroatien’ Category

Menschen wie Wasser – Ronnen und Dorit

18. Juli 2011


Ronnen und Dorit, zwei Israelis in ihren Fünfzigern, sind in diesem Jahr nach Berlin gezogen. Sie haben eine kleine Mietwohnung auf zwei Etagen im Scheunenviertel gefunden und sie innerhalb von wenigen Tagen eingerichtet, zwei bis drei Besuche bei Ikea haben dazu genügt. Ronnen arbeitet seit Jahren international, er kauft und verkauft Maschinen, hauptsächlich in Osteuropa, aber nicht nur dort. Dorit handelt mit Modeschmuck, im oberen Zimmer mit Blick auf die Mulackstraße stehen ihre Pappkartons mit den vielen Büchern, die, ebenso wie das Klarvier, seit Jahrzehnten mit den beiden von Land zu Land reisen. Ronnens Spezialgebiet sind die Länder des ehemaligen Jugoslawien, hier kennt er sich besser aus als zu Hause, in Haifa, oder genauer gesagt: besser aus als in dem Haifa, das einmal sein zu Hause war. Bevor sie nach Berlin kamen, haben Ronnen und Dorit länger als ein Jahrzehnt in Ljubiljana gelebt, der Hauptstadt Sloweniens, in Belgrad, Sarajewo, Mostar, Dubrovnik, Zagreb, Zadar, Pristina, Split und Banja Luka kennt Ronnen jeden Stein. Er hat die unsichtbaren Linien, die diese Städte durchqueren, überschritten, wie Handlungsreisende dies tun, er kennt alle Seiten, und nicht nur von der Anschauung her, sondern weil er sie erkennt. Er weiß, dass die Menschen in Pale niemals nach Sarajewo fahren würden, obwohl das nur zehn Autominuten entfernt ist. Wenn sie in die Stadt müssen, fahren sie nach Belgrad. Von den Menschen in Jugoslawien sagt Ronnen, dass sie alle Kriterien von Traumatisierten erfüllen, und zwar allesamt, oder sagen wir: 80 Prozent all derjenigen, die wir kennen gelernt haben. Selbst wenn sie lachen, sind sie traurig. Ich erzähle dann die Geschichte von Derwitsch, den ich mal in Sarajewo kennen gelernt habe, mein Jahrgang, als Soldat konnte er mit der Tram zur Front fahren und nach dem Dienst im Schützengraben mit der Tram wieder zurück nach Hause. Heute wohnt und arbeitet er immer noch in der gleichen Umgebung, die er einmal verteidigt hat. Und die Belagerer leben oben am Hang, in Sichtweite.
Genau, sagt Ronnen, das meine ich.
Ronnen und Dorit wundern sich darüber, wie schwer es ist, in Berlin eine Mietwohnung zu bekommen, selbst wenn man sie gefunden hat und der Vermieter Einverständnis signalisiert, gilt es Papiere beizubringen wie 1) eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung und 2) die Schufa-Auskunft. Den Vermieter zu überzeugen, auf diese beiden Papiere zu verzichten, war die größte Hürde. Wer wie Ronnen und Dorit zwischen den Ländern zu Hause ist, würde auch als Millionär in Deutschland keinen Mietvertrag für eine Wohnung bekommen. Es wäre einfacher, sie zu kaufen.
In 20 Jahren, sagt Ronnen, wird es nur noch zwei Arten von Menschen auf der Welt geben. Solche, die globalisiert sind, und solche, die nicht globalisiert sind. Du hast heute die Wahl zu entscheiden, zu welcher Gruppe zu gehören willst.
Zu Hause, sagt Dorit, bin ich dort, wo meine Bücher sind.

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

 

 Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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Dubrovnik: Ivo und die Kriege

2. August 2010

Ivo sagt, dass er insgesamt 45 Jahre lang in Deutschland gelebt hat. Heute sitzt er auf der Steintreppe vor seinem Haus in der Kovacka, der Schmiedegasse, raucht Pfeife und beobachtet die Ströme von Menschen unten auf der Stradun. Abends hustet er, so laut, dass die Katzen davon laufen und die Nachbarn wach werden. Ivo hat meist als Fahrer gearbeitet, meistens in Stuttgart, einige wenige Male aber auch in Ostberlin. Ich habe alles gefahren, sagt er, Mercedes, Opel, DKW. Sogar Trabi. Weil Jugoslawien damals ein sozialistisches Land war, bestellte die DDR, wenn sie schon Arbeitsbrigaden aus dem Westen anfordern musste, mit Vorliebe solche an, die aus Jugoslawen bestanden.

Einmal stand Ivo auf dem Hochhaus am Leninplatz, im obersten Stockwerk, in dem seine Kollegen Wartungsarbeiten vornehmen mussten, für die es im Osten keine Fachkräfte gab. Bis zum Horizont nur Stadt! – sagt Ivo, bis heute beeindruckt. Und: Die Menschen locker und offen, ganz anders als in Stuttgart, sagt er, wo alles so eng und alle so ängstlich sind.

Als 1991 der Krieg begann, ist er zurück gekehrt. Der Flughafen in Split war schon kaputt, deswegen ging es über Ancona und Mostar, dann mit Bussen, in letzter Minute, nach Dubrovnik rein. Ivo kam, um sein Haus zu beschützen. Das Haus, in dem er geboren wurde, und das seine Familie seit mehr als 200 Jahren bewohnt. Er kam aber auch, um seine Frau zu beschützen. Denn Ivos Frau ist Serbin – Ivo ist Kroate. Oben am Steilhang stand die serbisch-montenegrinische Artillerie und beschoss die Stadt – wer als Serbe in Dubrovnik blieb, brauchte einen Bürgen: Es war eine schwere Zeit, sagt Ivo. Bis heute, wenn wir nach Serbien fahren oder nach Bosnien, sagt alle Welt zu uns: Setzt euch, kommt herein. Aber ihre Blicke sind kalt und voller Angst. Erst nach dem dritten Traubenschnaps, mitgebracht aus Montenegro, spricht er über das Bombardement – wir konnten die Stadt nicht verteidigen! Sie sind mit Schiffen in die Bucht gefahren und haben ihre Granaten von oben auf die Dächer geworfen. Monatelang. Jahrelang. Wir hatten Geld genug, aber es gab nichts zu kaufen. Kein Mehl, keine Kartoffeln, nicht einmal Wasser. Weil Ivo in seinem vierstöckigen Haus die Holzdecken durch Betonböden hat auswechseln lassen, kamen während der Bombardements Dutzende von Nachbarn, um sich zu schützen. Wenn die Bomben fielen, saßen alle im unteren Geschoss – einen Keller gibt es nicht – und sprachen sich Mut zu: Eine Betondecke mag so eine Granate durchschlagen, vielleicht auch zwei, aber doch nicht drei! Ivos Haus ist nicht getroffen worden.

Gut, sag ich zu meiner Frau, dass meine Mutter das nicht hat erleben müssen – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, dann diesen, das hätte sie nicht überstanden. Wir können Gott danken, dass sie tot ist.

Von 1991 bis 1995 wurde Dubrovnik belagert. Als man danach den weißen Marmor auf der Stradun, der Prachtstraße, ausbessern wollte, gab es den Vorschlag, ihn doch dort, wo Granatentreffer waren, mit rotem Marmor aufzufüllen– man hat das wieder verworfen, weil dann die ganze Hauptstraße rot gewesen wäre.

Wir können vergessen, sagt Ivo, aber niemals verzeihen. Verzeihen – niemals.

Heute wohnt Ivo mit seiner Frau während der Winter, in denen in Dubrovnik nicht geheizt wird und die Nässe in die Gemäuer zieht, wieder in Stuttgart.


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