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Adi

29. August 2011


Zu den Menschen, die bis heute eine offene Rechnung mit Rumäniens Ausnahmediktator Nicolae Ceaușescu haben, gehört Adi Blumberg. Als er Mitte der achtziger Jahren das Land mit seinen Eltern verlassen durfte, versuchte er das, was ihm, das Allerwichtigste war, mitzunehmen: Seine Briefmarkensammlung.
Eigentlich wäre das verboten gewesen. Und Adi wusste das, denn der Vater hatte es ihm, obwohl er erst neun Jahre alt war, mehr als einmal eingebläut: Eine der vielen Bedingungen, die Rumänen, die die eigene Staatsangehörigkeit gegen eine neue tauschen wollten, erfüllen mussten, war es, nichts Wertvolles aus dem Besitz des rumänischen Volk herauszulösen und mitzunehmen. Erlaubt war nur, persönliche Habe bis zu einer Summe von 2000 Lei auszuführen. Umgerechnet waren das kaum mehr als 200 US-Dollar, aber wer in den achtziger Jahre den Wert seines Besitzes in rumänischen Lei angeben musste, für den machte das Umrechnen keinen Sinn. 2000 Lei waren zwar ein kleines Vermögen, allerdings überstieg schon der Wert des Autos der Familie Blumberg diese Summe, wenn auch nicht unbedingt in Dollar, so aber doch in Lei, weshalb sie am Ende nur das mitnehmen durften, was sie am Leibe trugen. Adi, der nicht einsah, dass sein Briefmarkenalbum nun plötzlich das Eigentum von Nicolae Ceaușescu und dessen Nationalbank werden sollte, versteckte es unter seinem blauen Wollpullover. Der Vater hatte zunächst nichts bemerkt, und es wäre ihm vermutlich gelungen, den Schatz vor dem Diktator und seinen Schergen ins sichere Ausland zu retten, wenn Adis Schwester ihn nicht verraten hätte, da standen sie schon in der Schlange der Ausreisenden. Der Vater, auf den Schmuggler auf der Hinterbank aufmerksam gemacht, befahl ihm, das Album sofort hervorzuholen, kurz darauf übergab er es dem Grenzbeamten mit einer Suada an Entschuldigungen. Der Vater wollte auf keinen Fall im letzten Moment die lang ersehnte Ausreise der Familie gefährden. Der Uniformierte blickte in den Wagen, sah die Tränen der Wut Jungen auf der Rückbank, nahm das Album, und sagte, so tröstlich ihm dies als Amtsperson möglich war: Wenn Du zurückkommst, kannst Du es wieder mitnehmen. Wir behalten es nur hier, in der Grenzstation. Es passiert dem Album nichts, ich verspreche es Dir.
Adi nahm also nichts mit aus Rumänien, außer seiner besten Hose, die sich aber kurz nach der Ankunft in Israel als komplett untragbar erwies, seinem blauen Pullover, der als Versteck für seine Briefmarkensammlung nicht getaugt hatte, und ebenfalls nicht zu den Moden des neuen Landes passte, nicht einmal im Entferntesten, seinen Schuhen, und dem Versprechen, dass die Sammlung wieder ihm gehören dürfe, wenn er eines Tages zurück käme nach Rumänien.
Als im Dezember 1989 die rumänische Revolution in einen Bürgerkrieg ausartete, war Adi der einzige in seiner Familie, der den Nachrichten nichts Gutes abgewinnen konnte: Zu den ersten Fernsehbildern, die aus dem Land des Ausnahmediktators nach Israel gelangten, noch vor den Aufnahmen des Schauprozesses und der Exekution des Ehepaares Ceaușescu, zählten die einer lichterloh brennenden Grenzstation. Wütende Demonstranten hatten, mangels Alternative, die Gebäude neben dem Schlagbaum zwischen Rumänien und Bulgarien, keine 50 Kilometer südlich von Bukarest, angezündet, um der Staatsmacht möglichst großen Schaden zuzufügen. Wieder saß Adi mit verheultem Gesicht vor dem Fernseher. Dort ging sein Briefmarkenalbum direkt vor seinen Augen in Flammen auf, und er war hilflos, machtlos, und konnte nichts dagegen tun, dass es zu Asche verbrannte, und für immer von dieser Welt verschwand.

 Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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