Archive for the ‘Zionismus’ Category

Eshkol Nevo – dann lieber die Sehnsucht

27. März 2012

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo hat sich gleich zwei Abende frei genommen, um der israelischen Auswanderergemeinde in Berlin Rede und Antwort zu stehen. Anlass ist die Aufführung eines Theaterstücks, das auf einem seiner Bücher basiert, den „Vier Häusern und einer Sehnsucht“, im Original Arba Batim vegagua – Homesick heißt das Stück, nach dem englischen Titel, der den Geist des Romans am besten benennt. In einer Siedlung zwischen Tel Aviv und Jerusalem leben Familien, Liebespaare, Kinder, ein Junge hat seinen großen Bruder im Krieg verloren und verliert nun noch die Aufmerksamkeit der Eltern, die in einem Meer von Trauer versinken, ein Student verliert das Interesse an seiner Freundin und verliebt sich in die Frau seines Vermieters, die genauso alt ist wie er, Mitte 20, aber schon mehrere Kinder hat, ein arabischer Landarbeiter dringt in eines der Häuser ein, nicht um es zurück zu verlangen, sondern um den Familienschatz aus einem Versteck zu holen.

Wir wissen nicht einmal, wo unsere Grenzen sind, sagt Eshkol Nevo während der Diskussion nach dem Theaterstück, und das Publikum folgt jeder seiner Bewegungen mit den Augen. Die meisten die hier sind, haben Israel verlassen, aus den bekannten Gründen: Ein normales Leben zu führen, als wäre das zuviel verlangt, wird ihnen versagt. Und Eshkol Nevo pflichtet bei: Überleben ist nicht genug. Wir wollen mehr. Dass das schlichte, unangefochtene Normalsein, ohne behelligt zu werden von Krieg, Existenzangst und Gruppendruck, heute für Israelis in Berlin leichter ist als in Tel Aviv und in Jerusalem, ist ein Paradoxon. Trotz der ganzen Sehnsucht.

Eshkol Nevo ist der Enkel von Levi Eshkol, dem Ministerpräsidenten während des Sechstagekrieges, in seiner Regierungszeit wurden zum ersten Mal diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufgenommen. Eshkol Nevo spricht davon, dass Wir es sind, die dieses Land verändern müssen – Israel, mit und ohne Zelte. Wir haben dieses Land wiedergefunden. Wir haben eine alte Sprache, die tot war, wieder zu Leben erweckt. Dieses Wir wird wie ein leuchtendes Zeichen über ihm, stünde er jetzt auf und würde losgehen, die meisten würden ihm und diesem Wir folgen – nach Hause.

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Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer

2. März 2012

Die Idee für den Film allein wäre schon einen Preis Wert gewesen.

Nach drei Jahren Wehrdienst bekommen diejenigen israelische Soldaten, die in den Kampftruppen gedient haben, die Möglichkeit, bei der Armee und auf deren Kosten das Abitur nachzuholen, die Reifeprüfung, sofern sie die noch nicht haben, um nicht völlig unvorbereitet ins Leben zurückgeworfen zu werden.

Zu dieser Reifeprüfung gehört –  ebenso wie auf den zivilen Schulen – das Fach Staatsbürgerkunde. Ein Unterricht, in dem über Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gesprochen werden soll, und über den Spagat, in einem jüdischen und demokratischen Staat zu leben, der zudem keine Verfassung hat. Die Soldaten bei diesem Unterricht gefilmt zu haben, das ist Silvina Landsmanns große Leistung – das Material ist unbeschreiblich, nahegehend, persönlich, politisch, verführerisch, lässt den Betrachter sich solidarisieren oder abwenden, mitgehen oder fremdschämen.

Leider fällt die Montage des Films dagegen ziemlich ab. Man wird den Verdacht nicht los, dass Silvina Landsmann das Material im Schnittraum eilig zusammengeschustert hat, um die Premiere auf der Berlinale noch zu schaffen, obwohl der Film nicht fertig abgedreht war. Die Aufnahmen liegen sechs Jahre zurück, mussten abgebrochen werden, weil die Regisseurin ihr drittes Kind bekam (Applaus im Publikum) und ein paar Probleme dazu (schweigen). Dass dann auch noch das Geld alle war, muss nicht eigens gesagt werden. Auf der Bühne, nach dem screening, ist ihr die Sache sichtlich peinlich. Sie will nur kleinlaut auf die ausführlichen und manchmal schon suggestiv die Antwort in sich tragenden Fragen reagieren, dann bald wirkt ihre Zurückhaltung trotzig oder schlecht gelaunt. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint sie permanent zu wiederholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Soldaten, die gerade im Libanon gekämpft haben, über Demokratie und Menschenrechte diskutierend abzufilmen? – Mir hat das Paradox darin gefallen. Punkt.

Als (im Film) der Lehrer den Klassenraum betritt und seine Lektion beginnt mit der Frage: Was ist für Euch Toleranz, antwortet einer der jungen Soldaten: Warum stellst du die Frage nicht gleich auf arabisch?

Warum hast du den Araber acht Stunden lang am Checkpoint warten lassen, fragt der Lehrer später. – Ich hätte ihn ja früher rübergelassen, und seine weinenden Kinder haben mir auch leidgetan, aber dann hörte ich plötzlich die Expolision im Ort, und ich wusste, warum ich ihn nicht rüberließ. – Und wenn der Araber gar nichts mit der Explosion zu tun hatte? – Er hat geflucht und mich beschimpft, das habe ich verstanden. Er hat mich gehasst. – Und wenn er dich hasst, weil Du ihn acht Stunden hast warten lassen? – Ich war 19! Wie soll ich denn sowas entscheiden?

Der Rest ist Kopfkino.

Carlo Strenger und die orthopädische Mission des Zionismus

15. Februar 2012

Carlo Strenger ist ein geduldiger Mann. Seit Jahren wiederholt er seinen Vortrag vom Ende der israelischen Gesellschaft wie ein Mantra, mal vor Zuhörern in Israel oder Abroad, mal als Autor der englischsprachigen Haaretz, wo er, wie er es selbst sagt, an der tagtäglichen Polemik teilnimmt. Eigentlich ist Carlo Strenger Psychologe. Das erklärt vielleicht seine Geduld, und seine Bereitschaft, auch kleinste therapeutische Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen – und Rückfälle ins Pathologische nicht allzu tragisch zu nehmen. Seit vielen Jahren ist Israel Carlo Strengers Patient.
Am Anfang, sagt er, hat der Zionismus vor allem eine orthopädische Mission gehabt. Es ging darum, den von tausenden Jahren der Diaspora gebeugten Juden wieder gerade hinzustellen. Nur über die Methode gab es mehrere Ansichten, etwa die von Staatsgründer Ben Gurion, der glaubte, durch die ehrliche Arbeit des Bauern und des Gärtners werde sich die Wirbelsäule erholen und von allein wieder aufrichten, während Wladimir Jabotinsky, der schon im Ersten Weltkrieg die Jüdische Legion mitgründete, darauf vertraute, dass das Geraderecken vor allem durch das Gewehr, das dem Neuen Juden über der Schulter hängt, besorgt würde. An Israeli, that’s a Jew with a gun sagt deshalb auch ein weit verbreitetes Graffito in Tel Aviv.
Folgt man dort dem Verlauf des nach Jabotinsky benannten Boulevards kaum sieben Kilometer, gelangt man nach Bnei Berak, ins Viertel der Ultraorthodoxen, in dem alles so ist, als hätte es den Zionismus mit all seinen emanzipatorischen Aspekten nie gegeben. Die Kleidung seiner Bewohner gleicht dem des polnischen Adels im 18. Jahrhundert, Frauen dürfen bis auf Hände und Gesicht keine Haut zeigen, wenn sie verheiratet sind, auch keine Kopfhaare, was  in der Regel spätestens mit 20 Jahren der Fall ist. Eine nach üblicher Mode gekleidete Frau aus Tel Aviv gelangt heute gar nicht mehr ins Zentrum von Bnei Berak, wenn sie sich dem Dresscode nicht unterwirft, schon gar nicht im Sommer. Der Staat Israel wird abgelehnt, zwar schicken die aschkenasischen Ultraorthodoxen immer wieder Vertreter in die Regierung des Landes, dies aber nur unter Protest und niemals mit dem offiziellen Titel eines Ministers. Die Diaspora ist nach ultraorthodoxer Ansicht die Strafe Gottes für die Sünden der Söhne und Töchter Israels. Das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zu ändern, wie es die Zionisten vorschlagen, ist daher Gotteslästerung. Zur Staatsgründung gab es wenige hundert Charedim, Gottesfürchtige, die das Privileg erhielten, keinen Militärdienst leisten zu müssen und auf Kosten des Staates die Schriften zu studieren. Heute sind es mindestens 700.000, das sind 10 Prozent der Bevölkerung Israels.
Carlo Strenger erzählt all dies ruhig und will sicher sein, dass ihn alle im Raum verstehen. Er will wissen, was er erklären muss, und was nicht. Eine Weile lang, sagt er, haben die Säkularen geglaubt, dass all dies nur ein Umweg ist auf dem Weg zu einem Staat, in dem eine homogene Bevölkerung von Aufrechten lebt, der irgendwann Wirklichkeit werden muss, Soldaten, Bauern, Wissenschaftler.  Bei diesem Satz klingt seine tiefe Stimme, gefärbt von einem unbestimmten, vielleicht Wienerischen Einschlag, zum ersten Mal sehr traurig.


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