Archive for Januar 2010

Bauhaus Bat Shit

6. Januar 2010

Die allermeisten Touristengruppen werden unter Auslassung der Nebenstraßen nur den Rothschildboulevard hoch und runter geschleust, hier stehen die auffälligsten, weil größten Bauhaus-Bauten, die gesamte Innenstadt ist wegen des Bauhaus-Ensembles zum als Unesco-Weltkulturerbe gemacht worden – dieser Titel ist allerdings nicht mit Zuwendungen der Weltorganisationen verbunden, weshalb, um die über 70 Jahre alten mit der Seeluft bröckelig gewordenen Häuser zu erhalten, Investoren gefunden werden müssen, die einen Weg finden, mit den weißen Kästen Geld zu verdienen. Die Stadtverwaltung von Tel Aviv hat eingesehen, dass das heute nicht mehr so leicht ist wie früher – im Originalzustand hatten die Wohnungen keine Klimaanlagen, sondern kleine Fenster und Spalten in den offenen Balkons, die für Durchzug sorgten – wer gibt sich damit heute noch zufrieden. Also sind die Denkmalschutzauflagen gelockert worden: Fenster groß, Balkons geschlossen, Klimaanlagen an den Fassaden – und es ist erlaubt, zwei Stockwerke auf die Dächer zu setzen, sofern der Gesamteindruck nicht beeinträchtigt wird – . Am Boulevard selbst haben sich genügend Medienkonzerne, Pharmariesen, Autohäuser und Werbeagenturen gefunden, die sich von einem Originalbauhaushaus einen Prestigezugewinn versprechen, und die deshalb das ursprüngliche Design erhalten. In den Seitenstraßen dagegen, wo die Mieten etwas niedriger sind, gibt es recht freizügige Interpretationen der Bauvorschriften. Trotz aller Kulturerberei: Viele dieser Bauten werden abgerissen werden müssen, da sind sich alle einig, die Frage ist nur, wann. Als die weiße Stadt geplant und nach und nach erbaut wurde, machte sich keiner der Gründer klar, wer der größte Feind der Bauhausfassade sein würde: Die Fledermaus. In den Palmen und Laubbäumen vermehren sie sich und vertilgen täglich das doppelte ihres Körpergewichts an Insekten und Früchten, die in Bäumen hängen. Logisch, dass die Fledermäuse, wenn sie defäkieren, dies im Fluge tun. Und ebenso logisch ist, dass ihr Kot dann an den weißen Wänden der Bauhaushäuser kleben bleibt, wie dunkle Sprenkel, wer will, kann das für Gestaltung halten. Die Tel Aviver halten es für das, was es ist. Gegen den Bauhaus Bat Shit bislang noch kein Mittel gefunden worden. In den Mägen der Tiere verbinden sich die Reste der Früchte und Insektenpanzer zu einer sauren, leicht ätzenden, schwarzen Flüssigkeit, die sich nicht von den Fassaden entfernen lässt. Überstreichen wäre zu teuer, weil alle sechs Monate ein neuer Anstrich nötig wäre, um den Eindruck der weißen Stadt zu erhalten. Vor einigen Jahren hat man begonnen, die Bäume zu fällen, um den Fledermäusen ihre Rückzugsgebiete und Kinderstuben zu rauben – ein Versuch, der von Erwägungen des Naturschutzes nicht getrübt war und der bald aufgegeben werden musste, weil die Menge der Insekten plagenhaft zunahm, Skeptiker warnten gar vor einer Rückkehr der Malaria. Also ließ man den Tieren ihr Leben und lebt selbst, mehr oder weniger gefasst, hinter mit Fledermauskot gesprenkelten Bauhausfassaden, und versucht, die Situation mit Würde durchzustehen.

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On Rothschild Boulevard

3. Januar 2010

Am Rothschildboulevard, an der Ecke zur Mazeh Street, steht auf dem betonierten und zum Fahrradweg erklärten Mittelstreifen der Promi-Kiosk. Die Leute, die hier entlang gehen, ihre Hunde ausführen, die Spatzen und die Saatkrähen füttern oder einfach nur versonnen in die Baumkronen gucken, sagen, dass er immer schon da war, zumindest so lange, wie es den Rothschildboulevard schon gibt, also mindestens seit 1910. Angefangen hat er, wie es heißt, mit dem Verkauf von Sodawasser und belegten Broten, heute tragen die Angestellten schwarze Kopftücher, ganz wie die japanischen Köche in den Sushi-Restaurants ein paar Meter weiter Richtung Meer. Sandwiches gibt es noch immer, mit Roastbeef und dem leichten fünfprozentigen Käse, mit Lachs, dazu Kaffee und Kekse, wer bestellt, muss seinen Namen nennen und wird, wenn die Mahzeit fertig ist, aufgerufen. Strittig ist, ob der Promi-Kiosk auch Salat verkauft. Hier zeigen sich Celebrities und Fernsehsternchen Tel Avivs noch unbefangener und ohne Scheu, als sie das ohnehin in einem Land, in dem sich alle duzen, tun. Itzik, ein Mitte vierzigjähriger silbergrauer Schauspieler mit einer Jeansjacke, die bei uns eher Streetworker tragen würden, sitzt auf einer Parkbank ein Stückchen weg und klimpert auf seiner Gitarre herum. Vor einigen Jahren hat er seine Frau verloren, als sie ihr gemeinsames Kind gebar. Und Karin Arad, die rothaarige Kult-Autorin, Tochter eines Israeli und einer Araberin, was an sich schon erwähnenswert ist, ist berühmt geworden, weil sie ein Manifest geschrieben hat, das den Titel „Don’t irritate my clitoris“ trug, und das sie im Badezimmer ihrer Freundin aufhing, woraufhin der Text im ganzen Land bekannt wurde und sie mit ihm. Heute schreibt sie Kolumnen, Bücher und so weiter und so fort. Und neben ihr  sitzt der Talkshowmoderator, der entweder mit Beckmann zu vergleichen wäre oder mit Anne Will, und der eine Schwäche für Meeresfrüchte haben soll, und für heiße Miesmuscheln mit Pommes Frites, die ihm, während er sie hastig isst, die Brillengläser beschlagen lässt.

Mezizim

2. Januar 2010

Im Norden, wenig unterhalb des HaYarkon, dort wo noch vor wenigen Jahrzehnten die Stadtgrenze war, ragt der Mezizim-Strand wie eine Spitze ins Mittelmeer. Das Strandcafé bietet bettenbreite Sofas an, alle mit Blick aufs Meer. Jeden Morgen sitzt hier – und die Lemonanas, die sie trinkt, gehen aufs Haus – eine Dame von 80 Jahren, manchmal bis in den späten Nachmittag. Ich bin in Wien geboren, sagt sie jedem, der es hören will, aber gemacht haben sie mich hier, und dann erst hat mich meine Mutter dort hingetragen. Meine Eltern hatten ein Restaurant an diesem Strand. Nachts kamen die Boote, um die Menschen an Land zu bringen, die die Engländer nicht nach Eretz lassen wollten. Hier, an den Sandbänken, konnten die Engländer sie von Jaffa aus nicht sehen. Mezizim, so heißt dieser Strand, und so haben sie die Menschen genannt, die, als der Hitler da war, an diesen Strand gebracht worden sind.

Bethlehem

1. Januar 2010

Wer mit dem Bus nach Bethlehem reist, muss zuerst die unsichtbare Grenze passieren, die zwischen dem jüdischen und dem arabischen Teil Jerusalems, zwischen Israel und den besetzten Gebieten verläuft. Sie ist auf israelischen Stadtplänen nicht verzeichnet und doch weiß jeder, der hier lebt, stets, auf welcher Seite er sich befindet. Von dem kleinen Busbahnhof am Damaskustor fahren Minibusse nach Ramallah ab, nach Jericho, nach Bethlehem und in die Vororte Jerusalems – zwar überqueren sie dabei mehrfach die unsichtbare Linie, und doch ist, wer einmal in ihnen sitzt, auf der anderen Seite. Jüdische Israelis fahren nicht mit arabischen Bussen. An Rahels Grab, südlich der Stadt, ist einer der Zugänge zu den nahezu komplett eingemauerten Zwillingsstädten Bethlehem und Beit Jala. Wer in die palästinensischen Autonomiegebiete einreisen darf, wird  nun durch vergitterte Gänge geschleust, Soldaten sitzen hinter schusssicheren Scheiben, Gepäckstücke werden durchleuchtet, Fingerabdrücke gescannt – dies allerdings nur auf der Rückreise. Trotz der gewalttätigen Architektur sind die Soldaten auf unerklärliche Weise heiter und freundlich. Der Taxifahrer sagt, seit acht Jahren darf er Bethlehem nicht mehr verlassen: It is a prison. Einer der Stadtführer dagegen behauptet, er darf, aber nur mit Erlaubnis der Israelis, und die wird nicht immer gewährt. Ein weiterer, dass es nun Stunden dauert, die Verwandten in Ramallah und Nablus zu besuchen, sei zu verschmerzen: But we want to see Jerusalem. Über das Meer spricht niemand. Bethlehem ist aus dem gleichen weißen Stein gebaut wie Jerusalem, und Beit Jala ist entrückend schön.


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