Archive for the ‘Juden’ Category

Eshkol Nevo – dann lieber die Sehnsucht

27. März 2012

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo hat sich gleich zwei Abende frei genommen, um der israelischen Auswanderergemeinde in Berlin Rede und Antwort zu stehen. Anlass ist die Aufführung eines Theaterstücks, das auf einem seiner Bücher basiert, den „Vier Häusern und einer Sehnsucht“, im Original Arba Batim vegagua – Homesick heißt das Stück, nach dem englischen Titel, der den Geist des Romans am besten benennt. In einer Siedlung zwischen Tel Aviv und Jerusalem leben Familien, Liebespaare, Kinder, ein Junge hat seinen großen Bruder im Krieg verloren und verliert nun noch die Aufmerksamkeit der Eltern, die in einem Meer von Trauer versinken, ein Student verliert das Interesse an seiner Freundin und verliebt sich in die Frau seines Vermieters, die genauso alt ist wie er, Mitte 20, aber schon mehrere Kinder hat, ein arabischer Landarbeiter dringt in eines der Häuser ein, nicht um es zurück zu verlangen, sondern um den Familienschatz aus einem Versteck zu holen.

Wir wissen nicht einmal, wo unsere Grenzen sind, sagt Eshkol Nevo während der Diskussion nach dem Theaterstück, und das Publikum folgt jeder seiner Bewegungen mit den Augen. Die meisten die hier sind, haben Israel verlassen, aus den bekannten Gründen: Ein normales Leben zu führen, als wäre das zuviel verlangt, wird ihnen versagt. Und Eshkol Nevo pflichtet bei: Überleben ist nicht genug. Wir wollen mehr. Dass das schlichte, unangefochtene Normalsein, ohne behelligt zu werden von Krieg, Existenzangst und Gruppendruck, heute für Israelis in Berlin leichter ist als in Tel Aviv und in Jerusalem, ist ein Paradoxon. Trotz der ganzen Sehnsucht.

Eshkol Nevo ist der Enkel von Levi Eshkol, dem Ministerpräsidenten während des Sechstagekrieges, in seiner Regierungszeit wurden zum ersten Mal diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufgenommen. Eshkol Nevo spricht davon, dass Wir es sind, die dieses Land verändern müssen – Israel, mit und ohne Zelte. Wir haben dieses Land wiedergefunden. Wir haben eine alte Sprache, die tot war, wieder zu Leben erweckt. Dieses Wir wird wie ein leuchtendes Zeichen über ihm, stünde er jetzt auf und würde losgehen, die meisten würden ihm und diesem Wir folgen – nach Hause.

Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer

2. März 2012

Die Idee für den Film allein wäre schon einen Preis Wert gewesen.

Nach drei Jahren Wehrdienst bekommen diejenigen israelische Soldaten, die in den Kampftruppen gedient haben, die Möglichkeit, bei der Armee und auf deren Kosten das Abitur nachzuholen, die Reifeprüfung, sofern sie die noch nicht haben, um nicht völlig unvorbereitet ins Leben zurückgeworfen zu werden.

Zu dieser Reifeprüfung gehört –  ebenso wie auf den zivilen Schulen – das Fach Staatsbürgerkunde. Ein Unterricht, in dem über Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gesprochen werden soll, und über den Spagat, in einem jüdischen und demokratischen Staat zu leben, der zudem keine Verfassung hat. Die Soldaten bei diesem Unterricht gefilmt zu haben, das ist Silvina Landsmanns große Leistung – das Material ist unbeschreiblich, nahegehend, persönlich, politisch, verführerisch, lässt den Betrachter sich solidarisieren oder abwenden, mitgehen oder fremdschämen.

Leider fällt die Montage des Films dagegen ziemlich ab. Man wird den Verdacht nicht los, dass Silvina Landsmann das Material im Schnittraum eilig zusammengeschustert hat, um die Premiere auf der Berlinale noch zu schaffen, obwohl der Film nicht fertig abgedreht war. Die Aufnahmen liegen sechs Jahre zurück, mussten abgebrochen werden, weil die Regisseurin ihr drittes Kind bekam (Applaus im Publikum) und ein paar Probleme dazu (schweigen). Dass dann auch noch das Geld alle war, muss nicht eigens gesagt werden. Auf der Bühne, nach dem screening, ist ihr die Sache sichtlich peinlich. Sie will nur kleinlaut auf die ausführlichen und manchmal schon suggestiv die Antwort in sich tragenden Fragen reagieren, dann bald wirkt ihre Zurückhaltung trotzig oder schlecht gelaunt. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint sie permanent zu wiederholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Soldaten, die gerade im Libanon gekämpft haben, über Demokratie und Menschenrechte diskutierend abzufilmen? – Mir hat das Paradox darin gefallen. Punkt.

Als (im Film) der Lehrer den Klassenraum betritt und seine Lektion beginnt mit der Frage: Was ist für Euch Toleranz, antwortet einer der jungen Soldaten: Warum stellst du die Frage nicht gleich auf arabisch?

Warum hast du den Araber acht Stunden lang am Checkpoint warten lassen, fragt der Lehrer später. – Ich hätte ihn ja früher rübergelassen, und seine weinenden Kinder haben mir auch leidgetan, aber dann hörte ich plötzlich die Expolision im Ort, und ich wusste, warum ich ihn nicht rüberließ. – Und wenn der Araber gar nichts mit der Explosion zu tun hatte? – Er hat geflucht und mich beschimpft, das habe ich verstanden. Er hat mich gehasst. – Und wenn er dich hasst, weil Du ihn acht Stunden hast warten lassen? – Ich war 19! Wie soll ich denn sowas entscheiden?

Der Rest ist Kopfkino.

Ben Gurion Security Upgrade

24. Februar 2012

Wer als Ausländer, als Journalist, als Mitarbeiter einer humanitären Organisation oder auch nur als Israeli einer Minderheitenkonfession regelmäßig über den internationalen Flughafen Ben Gurion ein- und ausreist, kennt die ausführlichen Befragungen des dortigen Sicherheitspersonals besser, als ihm lieb ist. Schon in der langen Schlange vor dem Einchecken treffen junge, studentisch wirkende Angestellte mit gutem Englisch eine Art Vorauswahl der Reisenden. Es gibt eine Schlange für die Unauffälligen und Loyalen – in der Regel jüdische Israelis, sogar mit nichtjüdischem Anhang, sofern dieser nicht durch andere Eigenschaften als verdächtig gelten muss. Wer auf  israelische Begleitung zurückgreifen kann, sollte sie zum Flughafen mitnehmen und in der Schlange für sich bürgen lassen, bis das Gepäck durchleuchtet, durchsucht und eingecheckt ist, denn die Anwesenheit eines Landsmannes oder einer Landsfrau wirkt ungemein beruhigend auf das Personal.

Wer allerdings auch nur potentiell gefährlich sein könnte, der wird in die schlechte Schlange geschickt. Dort finden sich Reisende aus aller Herren Länder, plus diejenigen Israelis, die durch ihre Begleitung das Recht auf die gute Schlange verwirkt haben. Es folgt ein erstes Interview, wer es ohne Beanstandungen absolviert, wird weiter eingeteilt, muss unter Umständen das Gepäck öffnen und inspizieren lassen, oder kann gleich zum Einchecken an den Schalter. Die Befragenden machen recht bald klar, dass die Befragten keinesfalls persönlich schuldig oder verdächtig sein müssen – denn möglich ist auch, dass sie, ohne es zu wissen, von Dritten benutzt werden. Es könnte sein, sagen sie, dass Ihnen jemand einen Gegenstand mitgegeben hat, der harmlos aussieht, der aber eine Bombe ist.

Die Gespräche in der Schlange verlaufen immer nach dem gleichen Muster. Schon auf die Einstiegsfrage: What is the purpose of your visit? – sollte man eine kongruente Antwort parat haben. Wobei die Antwort keineswegs gefällig sein sollte, sondern stimmig. Wer kam, um ein Waisenhaus in Ramallah zu unterstützen, sollte das sagen. Von Lügen ist ohnehin abzuraten; die zu erkennen, gehört offenbar zur Ausbildung. Wer also seinem Waisenhaus in Ramallah ein paar Euros und alte Computer gebracht hat und bei der Gelegenheit mit ein paar PLO-Granden Tee getrunken hat, sollte nicht behaupten, er sei Pilger und nur wegen der Heiligen Stätten gekommen.

Darüber hinaus gilt: Eine Geschichte reicht. Wer zwei Gründe hat zu kommen oder mehr, hat ein Problem.

Ich hatte mindestens drei und habe den Fehler gemacht, einen verheimlichen zu wollen. Grund eins war meine Frau. Grund zwei ein Theaterstück. Grund drei ein Interview mit Arik Ascherman, einem der rührenden Rabbiner, die sich für Menschenrechte auch für Palästinenser einsetzt und an jedem Wochenende versucht, mit der Thora in der Hand eine Katastrophe zu verhindern. Die ersten beiden Gründe gab ich zu, den dritten wollte ich verschweigen, um die Debatte abzukürzen, und das war ein Fehler. Darüber hinaus hatte ich noch eine kaum verheilte Schnittwunde im Gesicht, knapp über dem rechten Auge, die von einem Nagel herrührte, der in der von uns angemieteten Wohnung nahe des Gordon-Strandes in einem Regal stak, auf dem Kerzen standen und das mir nach einer heftigen Bewegung auf den Kopf gefallen war. Die Verletzung sah aber schlimmer aus, als sie war, man musste quasi Gewalt als Ursache vermuten.

Hinzu kommt, dass ich es bereits gewohnt bin, immer wieder meine Afghanistanreise von 2004 nachzuerzählen, von der ein ganzseitiger Stempel zeugt, und detailliert zu erklären, warum ich in Dubai ein Hotel genommen habe, und welches, wie das Wetter war (wie wohl, in Dubai), was ich den Tag über getan habe (was schon, in Dubai) und mit wem. Ebenso geläufig ist mir der immer wieder vergebliche Versuch, den Befragern klar zu machen, dass Afghanistan zwar ein islamisches, aber kein arabisches Land ist (dieser Unterschied kommt im israelischen Schulsystem eindeutig zu kurz), und im Übrigen im Jahr 2004 keinesfalls unser Feind war. Sondern eher ein befreundetes Land. Aber zu dieser historisch-geographischen Unterrichtseinheit kam es zuächst gar nicht, denn die Tatsache, dass diese Stempel in meinem Pass waren, ich aber nicht als Journalist im Land war, sondern einen privaten Grund angab, nämlich meine Frau, und dann da noch ein Theaterstück gewesen sein soll, punpte kleine Schweißperlen auf die Stirn meiner Vorbefragerin.  Hektisch lief sie hin und her und ließ mich in der Schlange warten. Ein bisschen erfüllte mich das mit Befriedigung. Denn bei meinen letzten Ein- und Ausreisen war ich ausgesprochen leicht durchgekommen, was mich nicht wenig  in meiner Eitelkeit gekränkt hätte. Immerhin hätte ich auch ein gefährlicher Terrorist sein können. Oder traut man mir das etwa nicht mehr zu?

Also: zwei Geschichten gleichzeitig und eine, die ich versuchte zu verheimlichen, was meine Körpersprache aber offenbar verriet, bescherten mir endlich einen Ben Gurion Security Upgrade. Ich bekam einen Termin beim Supervisor. Der kam natürlich nicht sofort, sondern erst nach 30 Minuten. Denn Spezialisten wie er sind selbstverständlich sehr beschäftigt.

Als er kam  – ein Mann kaum älter als dreißig, dessen Erscheinung ein eindruckvolles Zeugnis von der Überlegenheit der israelischen Küche ablegte –  nahm er mich beiseite und ließ mich erst mein Gepäck öffnen. Ganz ruhig, wir haben Zeit, sagte er, wobei er hätte wissen müssen, dass dies für mich nur eingeschränkt galt. Ein großer Teil der Pufferzeit, die jeder Reisende am Ben Gurion einplanen muss, war bereits durch Warten draufgegangen, und mindestens zwei weitere Checks, ein Grenzübertritt und mehrere Schlangen warteten noch.

Im nun folgenden Gespräch entblätterte der Mann seine Fragetechnik, die im Vergleich zu den Vorsortierern deutlich verfeinert war. Als ich auf die Frage, welches der Grund meines Besuches sei, wahrheitsgemäß antwortete, formulierte er spitz: Nein, ich möchte nicht wissen, warum Ihre Frau gekommen ist. Warum sind SIE gekommen?
– Um das Theaterstück meiner Frau zu sehen.
– Für ein einziges Theaterstück fliegen Sie nach Israel?
– Es ist eben nicht irgendein Theaterstück. Meine Frau hat es geschrieben.
– Wie hieß denn das Festival, auf dem es aufgeführt wurde?
– Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.
– Dann haben Sie doch sicher eine Eintrittskarte.
– Wie gesagt, meine Frau hat das Stück geschrieben. Ich stand auf der Gästeliste.
– Wer stand denn noch auf der Gästeliste?
– Woher soll ich das wissen.
– Kennen Sie die Person, die Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Naja, meine Frau.
– Waren Sie dabei, als Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Natürlich nicht! Ich habe anderes zu tun.
– Woher wissen Sie dann, dass Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat? Usw. Usf.

Dann musste ich jeden einzelnen Tag meiner Reise dokumentieren. Das war meine Achillesferse. Als ich zugeben musste, dass ich in Jerusalem gewesen war – was keine privaten Gründe haben konnte, weil die Familie meiner Frau aus Tel Aviv stammt und deshalb niemals freiwillig nach Jerusalem fährt – wurde er stutzig. Was genau haben Sie sich denn in Jerusalem angesehen, fragte er.

Darauf hin bricht meine Abwehr zusammen. Ich gestehe ihm  mein Interview mit Rabbi Arik Ascherman.

Also haben Sie doch gearbeitet, ruft  er triumphierend, aber nicht böse, eher befriedigt über den Erfolg seiner Interviewmethode.  Seine Laune wird  nun, da er einen Hebel gefunden hat, immer besser. Da haben Sie doch sicher eine  Aufnahme.  Natürlich habe ich die, sage ich.  Können Sie mir die vorspielen? Es ist schön, erwidere ich mit bitterer Miene und immer mit einem Auge auf der  Uhr an der Wand, so viel Aufmerksamkeit für meine Arbeit zu bekommen. Ich krame meinen MP3-Player heraus und suche die Datei mit dem Rabbiner. Das dauert. Ich schwitze. Ich fluche.  Nur die Ruhe, sagt er. Dann habe ich die Datei gefunden und spiele sie ihm vor. Nach wenigen Sekunden sagt er: Ok. Genug. – Aber das Interview hat doch noch gar nicht angefangen! Rabbi Ascherman referiert am Anfang über etwas völlig anderes. Das ist dem Mann egal. Ich muss den Rekorder abstellen und wieder einpacken.

Nun macht er sich über meinen Reisepass her. Mit der Genauigkeit eines Pathologen seziert er jeden Stempel einzeln, dabei bewegen sich seine Lippen stumm, er hält den Ausweis gegen das Licht, nimmt sich viel Zeit, ganz so, als könnten diese Stempel eine Auskunft geben über das ganze Rätsel meiner Existenz. Als er fertig ist, fragt er: Warum haben Sie, aus allen Ländern, ausgerechnet Afghanistan ausgewählt, um dort Journalisten auszubilden? Nun lag es mir auf der Zunge zu antworten: Weil sie mich in der Schweiz nicht brauchen! – aber ich sagte, wahrheitsgemäß: Ich wollte was erleben. Es war eine einmalige Gelegenheit, dorthin zu fahren. -Und in welchen anderen arabischen Ländern waren Sie? – Afghanistan ist kein arabisches Land! Ganz im Gegenteil!! – Ich weiß, sagte er, also: in welchem anderen arabischen Land waren Sie?

Erst 45 Minuten später, und nachdem er den Vater meiner Frau angerufen hatte, aber von einem dienstlichen, vermutlich abhörsicheren und nicht manipulierbaren Mobiltelefon, lässt er von mir ab. Die Stimme und der Tonfall eines der Seinen, die ihm sagen, jaja, ich kenne ihn, die Geschichte mit meiner Tochter stimmt, ich weiß auch nicht, warum der in diese ganzen Länder fahren muss, usw, beschwichtigen ihn.  Ich erreiche mein Flugzeug im Laufschritt.  Über dem Mittelmeer schließe ich die Augen.

Carlo Strenger und die orthopädische Mission des Zionismus

15. Februar 2012

Carlo Strenger ist ein geduldiger Mann. Seit Jahren wiederholt er seinen Vortrag vom Ende der israelischen Gesellschaft wie ein Mantra, mal vor Zuhörern in Israel oder Abroad, mal als Autor der englischsprachigen Haaretz, wo er, wie er es selbst sagt, an der tagtäglichen Polemik teilnimmt. Eigentlich ist Carlo Strenger Psychologe. Das erklärt vielleicht seine Geduld, und seine Bereitschaft, auch kleinste therapeutische Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen – und Rückfälle ins Pathologische nicht allzu tragisch zu nehmen. Seit vielen Jahren ist Israel Carlo Strengers Patient.
Am Anfang, sagt er, hat der Zionismus vor allem eine orthopädische Mission gehabt. Es ging darum, den von tausenden Jahren der Diaspora gebeugten Juden wieder gerade hinzustellen. Nur über die Methode gab es mehrere Ansichten, etwa die von Staatsgründer Ben Gurion, der glaubte, durch die ehrliche Arbeit des Bauern und des Gärtners werde sich die Wirbelsäule erholen und von allein wieder aufrichten, während Wladimir Jabotinsky, der schon im Ersten Weltkrieg die Jüdische Legion mitgründete, darauf vertraute, dass das Geraderecken vor allem durch das Gewehr, das dem Neuen Juden über der Schulter hängt, besorgt würde. An Israeli, that’s a Jew with a gun sagt deshalb auch ein weit verbreitetes Graffito in Tel Aviv.
Folgt man dort dem Verlauf des nach Jabotinsky benannten Boulevards kaum sieben Kilometer, gelangt man nach Bnei Berak, ins Viertel der Ultraorthodoxen, in dem alles so ist, als hätte es den Zionismus mit all seinen emanzipatorischen Aspekten nie gegeben. Die Kleidung seiner Bewohner gleicht dem des polnischen Adels im 18. Jahrhundert, Frauen dürfen bis auf Hände und Gesicht keine Haut zeigen, wenn sie verheiratet sind, auch keine Kopfhaare, was  in der Regel spätestens mit 20 Jahren der Fall ist. Eine nach üblicher Mode gekleidete Frau aus Tel Aviv gelangt heute gar nicht mehr ins Zentrum von Bnei Berak, wenn sie sich dem Dresscode nicht unterwirft, schon gar nicht im Sommer. Der Staat Israel wird abgelehnt, zwar schicken die aschkenasischen Ultraorthodoxen immer wieder Vertreter in die Regierung des Landes, dies aber nur unter Protest und niemals mit dem offiziellen Titel eines Ministers. Die Diaspora ist nach ultraorthodoxer Ansicht die Strafe Gottes für die Sünden der Söhne und Töchter Israels. Das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zu ändern, wie es die Zionisten vorschlagen, ist daher Gotteslästerung. Zur Staatsgründung gab es wenige hundert Charedim, Gottesfürchtige, die das Privileg erhielten, keinen Militärdienst leisten zu müssen und auf Kosten des Staates die Schriften zu studieren. Heute sind es mindestens 700.000, das sind 10 Prozent der Bevölkerung Israels.
Carlo Strenger erzählt all dies ruhig und will sicher sein, dass ihn alle im Raum verstehen. Er will wissen, was er erklären muss, und was nicht. Eine Weile lang, sagt er, haben die Säkularen geglaubt, dass all dies nur ein Umweg ist auf dem Weg zu einem Staat, in dem eine homogene Bevölkerung von Aufrechten lebt, der irgendwann Wirklichkeit werden muss, Soldaten, Bauern, Wissenschaftler.  Bei diesem Satz klingt seine tiefe Stimme, gefärbt von einem unbestimmten, vielleicht Wienerischen Einschlag, zum ersten Mal sehr traurig.

Adi

29. August 2011


Zu den Menschen, die bis heute eine offene Rechnung mit Rumäniens Ausnahmediktator Nicolae Ceaușescu haben, gehört Adi Blumberg. Als er Mitte der achtziger Jahren das Land mit seinen Eltern verlassen durfte, versuchte er das, was ihm, das Allerwichtigste war, mitzunehmen: Seine Briefmarkensammlung.
Eigentlich wäre das verboten gewesen. Und Adi wusste das, denn der Vater hatte es ihm, obwohl er erst neun Jahre alt war, mehr als einmal eingebläut: Eine der vielen Bedingungen, die Rumänen, die die eigene Staatsangehörigkeit gegen eine neue tauschen wollten, erfüllen mussten, war es, nichts Wertvolles aus dem Besitz des rumänischen Volk herauszulösen und mitzunehmen. Erlaubt war nur, persönliche Habe bis zu einer Summe von 2000 Lei auszuführen. Umgerechnet waren das kaum mehr als 200 US-Dollar, aber wer in den achtziger Jahre den Wert seines Besitzes in rumänischen Lei angeben musste, für den machte das Umrechnen keinen Sinn. 2000 Lei waren zwar ein kleines Vermögen, allerdings überstieg schon der Wert des Autos der Familie Blumberg diese Summe, wenn auch nicht unbedingt in Dollar, so aber doch in Lei, weshalb sie am Ende nur das mitnehmen durften, was sie am Leibe trugen. Adi, der nicht einsah, dass sein Briefmarkenalbum nun plötzlich das Eigentum von Nicolae Ceaușescu und dessen Nationalbank werden sollte, versteckte es unter seinem blauen Wollpullover. Der Vater hatte zunächst nichts bemerkt, und es wäre ihm vermutlich gelungen, den Schatz vor dem Diktator und seinen Schergen ins sichere Ausland zu retten, wenn Adis Schwester ihn nicht verraten hätte, da standen sie schon in der Schlange der Ausreisenden. Der Vater, auf den Schmuggler auf der Hinterbank aufmerksam gemacht, befahl ihm, das Album sofort hervorzuholen, kurz darauf übergab er es dem Grenzbeamten mit einer Suada an Entschuldigungen. Der Vater wollte auf keinen Fall im letzten Moment die lang ersehnte Ausreise der Familie gefährden. Der Uniformierte blickte in den Wagen, sah die Tränen der Wut Jungen auf der Rückbank, nahm das Album, und sagte, so tröstlich ihm dies als Amtsperson möglich war: Wenn Du zurückkommst, kannst Du es wieder mitnehmen. Wir behalten es nur hier, in der Grenzstation. Es passiert dem Album nichts, ich verspreche es Dir.
Adi nahm also nichts mit aus Rumänien, außer seiner besten Hose, die sich aber kurz nach der Ankunft in Israel als komplett untragbar erwies, seinem blauen Pullover, der als Versteck für seine Briefmarkensammlung nicht getaugt hatte, und ebenfalls nicht zu den Moden des neuen Landes passte, nicht einmal im Entferntesten, seinen Schuhen, und dem Versprechen, dass die Sammlung wieder ihm gehören dürfe, wenn er eines Tages zurück käme nach Rumänien.
Als im Dezember 1989 die rumänische Revolution in einen Bürgerkrieg ausartete, war Adi der einzige in seiner Familie, der den Nachrichten nichts Gutes abgewinnen konnte: Zu den ersten Fernsehbildern, die aus dem Land des Ausnahmediktators nach Israel gelangten, noch vor den Aufnahmen des Schauprozesses und der Exekution des Ehepaares Ceaușescu, zählten die einer lichterloh brennenden Grenzstation. Wütende Demonstranten hatten, mangels Alternative, die Gebäude neben dem Schlagbaum zwischen Rumänien und Bulgarien, keine 50 Kilometer südlich von Bukarest, angezündet, um der Staatsmacht möglichst großen Schaden zuzufügen. Wieder saß Adi mit verheultem Gesicht vor dem Fernseher. Dort ging sein Briefmarkenalbum direkt vor seinen Augen in Flammen auf, und er war hilflos, machtlos, und konnte nichts dagegen tun, dass es zu Asche verbrannte, und für immer von dieser Welt verschwand.

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Am Strand

30. Juni 2011


Am Frishman beach, Samstags gegen 15 Uhr, es ist 33 Grad heiß, auf den vielleicht 100 m aufgeschüttetem Sand zwischen der Promenade und dem Wasser liegen die Handtücher dicht nebeneinander. Hier darf man schwimmen, und man kann es auch – denn diese Stelle ist weit genug entfernt von den Abwasserrohren, die südlich des Hilton beaches ins Meer führen, und die Wellenbrecher vor der Küste erlauben den Gang ins Wasser, anders als an den anderen Ufern der Levante, schon in Jaffa können die Wellen gewaltig sein. Die Kellner der Strandcafés balancieren Tabletts überladen mit Tellern und Flaschen; Hummus und Fleischspieße, große Schalen mit bunten Fruchtsalaten, dazu scharfe Getränke und jede Menge Bier zwischen den Liegestühlen hin und her, die Rettungsschwimmer in blauen T-Shirts gehen prüfend durch die Reihen, einige am Strand schlafen, andere tanzen den letzten Tanz der längst vorübergegangenen Nacht oder vielleicht der davor? Eine Lautsprecherstimme warnt in regelmäßigen Abständen, vor allem, was gefährlich ist: Es ist verboten, bei roter Beflaggung ins Wasser zu gehen. Es ist unbedingt davon abzuraten, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen. In ganz Israel ist es per Gesetz strengstens verboten, am Strand Alkohol zu trinken. Der Wagen mit der Nummer soundso wird gleich abgeschleppt. Den Anweisungen der Rettungsschwimmer ist unbedingt Folge zu leisten. Dieser Strand ist keine Müllhalde.
Plötzlich aber dann laufen an einer Stelle, nicht weit vom Wasser, die Menschen zusammen. Ein Körper liegt am Boden, reglos, ein großer und auch dicker älterer Mann offenbar, die Rettungsschwimmer pressen rhythmisch auf seien Brustkorb. Die Menschentraube wird immer dichter, nur zwischen den nackten Beinen hindurch ist zu sehen, wie versucht wird, ein Leben zu retten, immer wieder, zu zweit, mit vollem Gewicht wirft sich einer auf das Brustbein des Leblosen, der Körper federt wie eine Puppe. Irgendwann kommen die Sanitäter von der Promenade her, und laden ihn auf ihre Trage und schleppen ihn, vier Mann mit vereinten Kräften, zum Krankenwagen.
Hu met, sagen alle plötzlich, er ist tot.
Und dann geschieht das Unfassbare: ein einzelner Strandbesucher in Badehose wirft sich mit voller Wucht auf einen der anderen, zerrt ihn zu Boden, versucht, seinen Kopf zu traktieren, als er von den Umstehenden zurückgehalten wird, reißt er einen der Sonnenschirme aus den Boden, und benutzt ihn wie einen Speer, er rennt irregeworden auf den einen, und immer nur den zu, und will ihn mit dieser komischen Lanze erstechen, als er dann wieder von der Menge entwaffnet und zurückgeworfen wird, greift er, was er kann, Plastikstühle, Tische, leere Flaschen, volle Flaschen, sogar ein Fahrrad, das dort im Sand liegt, und wirft alles das auf diese eine Person, die er in diesem Moment ermorden will.
Erst Monate später, als ich Adi von der Geschichte erzähle, erfahre ich, was der Grund war: Ein Streit zwischen Familien, es stand in der Zeitung, der alte Mann erschlagen, der junge, das war sein Neffe, als er von der Nachricht hörte, mit allem, was er greifen konnte, auf den Täter und seine Verwandten. Um seinen Onkel irgendwie, verzweifelt, zu rächen.
Lieber tot sein als ohne Ehre.
Mein Freund W., ein Filmemacher, Drehbuchautor und Hochschullehrer sagt: Du solltest lieber eine Geschichte erzählen, die unterhalb der Schwelle des Mordes bleibt.
Ja, will ich ja auch

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Israelis in Berlin – HaBait live

24. Juni 2011


Dass mittlerweile viele Tausend Israelis in Berlin leben, ist ja schon Spiegelgeschichten wert gewesen, bislang aber ist es der relativ neuen Community noch nicht gelungen, zu einem authentischen eigenen künstlerischen und äthetischen Ausdruck zu finden. Es gibt zwar die regelmäßig stattfindenden Meschugge-Parties, die aber sind sehr von den jungen schwulen Israelis in Berlin geprägt, und das ist eine ganz andere Story. Die Israelis, die seit ein paar Jahren kommen, sind hier, weil Berlin sein Gesicht verändert hat, und sie nur hier – wie sie glauben – sich so entfalten können, wie wie wollen, und dabei noch ihre Miete zu zahlen in der Lage sind; in London, wie man hört, bilden Israelis schon eine neue Schicht von Händlern auf den angesagten Hippiemärkten im größeren Umkreis von Camden-Town, die meisten spezialisiert auf die drei P: Pullover, Pilze und Falafel (sofern berücksichtigt wird, dass Falafel auf Hebräisch mit P geschrieben wird) – in Berlin verschwinden die Israelis noch feiner in den Ritzen der verschiedenen Milieus, weil sie auf den Spuren ihrer seinerzeit vertriebenen Groß- oder Urgroßeltern sind und folglich deutsche Pässe haben, oder die anderer EU-Länder, sie bilden also nicht wirklich eine Gruppe. Bevor ich schildere, wie HaBait das zu ändern versucht, schiebe ich gern die Ansicht von Wladimir Kaminer ein, der, auf die israelische Einwanderungs- oder Rückkehrwelle angesprochen sagt, das sei überhaupt nicht neu. Er habe in den vergangenen Jahren ständig mit ein-, durch- und ausreisenden Israelis zu tun gehabt, heute würden die Menschen ohnehin wie Wasser werden, sie umflössen die Kontinente, unuterscheidbar voneinander und doch jeder einzigartig; insbesondere habe seine Gattin, die ansonsten das Licht der Öffentlichkeit eher scheut, sich im Jahre 1990 nachdrücklich engagiert, als es darum ging, Israelis im Exil in Deutschland zu helfen, auf dem Rückzug vor dem damals dort wütenden 2. Golfkrieg, denn einige von ihnen galten als Deserteure, und die brauchten rechtlichen, aber auch menschlichen Beistand.
Sicher ist, dass Israelis bisher immer einen guten Grund brauchten, besser: Eine Rechtfertigung, um nach Deutschland zu ziehen. Musste man doch den Familienangehörigen und Nachbarn zu Hause erklären, die jahrzehntelang zwar alle anderen europäischen Länder fleißig und interessiert bereisten, um Deutschland aber einen weiten Bogen machten, das Umsteigen in Frankfurt galt manchem schon als erster Schritt zum Verrat, warum gerade hier, im Land der Täter. Früher mussten handfeste Entschuldigungen her, wie: Ich bin Deserteur und bekomme nur hier Papiere. Heute reicht schon: Warum nicht, Berlin ist doch nicht wirklich Deutschland.
Berlin is not Germany hätte also leicht das Motto von Habait werden können, vielleicht wird es das noch. An diesem Sonntag hieß es nur: Israelische Kultur in Berlin. Während die Besucher in der Schlange standen, um eine Karte zu kaufen oder sich für den Kauf einer solchen registrieren zu lassen, bekamen sie von einem netten jungen Mann mit langen braunen Haaren kleine Eise am Stiel geschenkt – nur wirkliche Insider oder Deutsche, die entweder in den 70ern schon Filme ab 16 sehen durften oder in den 90ern viel Zeit vor dem Fernseher verbracht haben, verstehen den Wink. So, als es dann losging, wurde der erste Diskutant – Markus Flohr, ein Autor deutscher Zunge, der ein Jahr in Israel verbrachte und darüber ein Buch veröffentlicht hat – mit den Worten vorgestellt, dass er 1.) kein Jude und 2.) nicht homosexuell sei. Aha. Später dann räumte er ein, als 19jähriger Abiturient einer radikal-kommunistischen Gruppe angehört zu haben, die alle Staaten auf dieser Welt abschaffen wollte, den Staat Israel aber zuletzt, dieses Geständnis konnte sein Rennommée aber nicht nicht mehr retten, er gehörte beim besten Willen keiner Minderheit an. Nach Flohrs Lesung sang eine israelische Sängerin, die in Berlin quasi auf Durchreise war, dann dort stecken blieb, das Weiterreisen aber noch nicht aufgeben wollte, und deshalb singt sie regelmäßig hier, oder so ähnliche, in Israel sei sie ein großer Star, hieß es, ihr Ehemann steht hinter ihr an der Gitarre. Nach dem Konzert gab es Hummus, zwei Euro pro Teller, von dem ich gern berichtet hätte, wie es schmeckt, wenn ich noch etwas davon abbekommen hätte, denn nachdem ich zwanzig Minuten vorher in der Schlange gestanden hatte, ging es bei der Frau vor mir, die ich idiotischerweise auch noch vorgelassen hatte, aus. Ich beschloss, nicht darüber wütend zu werden und holte mir ein Falafel-Sandwich von der Kastanienallee, sehr köstlich, irakischer Besitzer, geht sehr schnell und kostet auch nur 2,50 – trotz dieses kleinen Wermutstropfens also war die Veranstaltung von HaBait aber wirklich sehr schön; sechs Mal im Jahr soll sie künftig stattfinden.

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Die Insel Isrotel

21. Juni 2011


Tel Aviv wird oft, vielleicht in Ermangelung passender Vergleiche, eine Blase genannt. Dies deshalb, weil man hier abgeschottet sein kann, vom Krieg in der Nachbarschaft nichts spürt, sofern man das nicht will. Tel Aviv schwebt, die ganze Stadt träumt – von hier aus ist ein Ort wie Gaza genauso weit entfernt, wie von Deutschland aus – wenn nicht weiter. Alle schließen die Augen, und tun so, als wäre nichts. Für Journalisten, die dieses Land vorübergehend bewohnen müssen, ist das mitunter nicht einfach. Nach einem Tag in den besetzten Gebieten kann das das vollends Ungerührte des Lebens auf den Boulevards von Tel Aviv schwer erträglich sein, und der Drink am Strand will nicht schmecken, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Glas. Adi sagt immer: Was willst Du – haben wir nicht das Recht auf ein normales Leben, auf Tratsch und Ehekrisen und Gewichtsprobleme und nichtssagende TV-Serien und die Klage über den Steuerbescheid, und das Recht, mit kleinen Hunden spazieren zu gehen? Haben wir es etwa nicht verdient, dass uns das Unrecht da draußen genauso gleichgültig ist wie Euch?
Glaubt man Adi, dann ist die Blase von Tel Aviv eine echte Errungenschaft.
Für den deutschen Denker Peter Sloterdijk findet menschliches Leben ganz ausschließlich nur in Blasen statt. Von der Fruchtblase im Mutterleib bis zum Sauerstoffzelt auf dem Sterbebett, leben wir, unterbrochen nur von wenigen luziden Momenten echter Aufmerksamkeit, immer nur in den Mikrokosmen unserer gewählten Beziehungen – und die ungewählten bleiben draußen. So gesehen ist Tel Aviv eine besonders menschhafte Stadt.
Ihr blasenhaftes Wesen zeigt sie besonders gut im Isrotel, zweite Reihe hinter der Strandpromenade, von der ganzen Stadt aus zu sehen. Schon von außen bedeutet das Gebäude jedem, dass es nicht dazu gehört, nicht dazu gehören will, dass es quasi gar nicht wirklich hier ist. Als gigantische graue Säule ragt es in den Himmel, es passt zu nichts, was neben ihm steht, auch nicht zu den konventionellen Hotelhochhäusern, dem Hilton oder dem Savoy. Auf seinem Dach thront eine untertassenförmige Plattform. Dies ist kein Hubschrauberlandeplatz. Es ist das Schwimmbad des Hotels – schwimmen kann man nicht wirklich in ihm, dazu ist es zu flach und zu klein, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, oben zu sein, weit über denen da unten, über den Autoschlangen zwischen den Häuserschluchten, und die vielen kleinen Menschlein am Strand sind von hier aus kaum mehr als Statistik. Ein Satz wie: Selbst in den Jahren der Intifada starben in Israel zweimal mehr Menschen an Verkehrsunfällen, als an den Folgen des Konflikts, formulieren sich hier oben ganz leicht. Hier, am Pool des Isrotel, ist man gelassen und beobachtet – und muss nicht einmal hinsehen, wenn es unangenehm wird. Man kann sich ja umdrehen. Die beiden Hubschrauber des Militärs fliegen nach Süden, vielleicht um aufzuklären, vielleicht, um zurückzuschlagen, wer weiß. Manchmal dröhnen hier auf Augenhöhe die führerlosen automatischen Fluggeräte vorbei, im Landeanflug auf den innerstädtischen Flughafen ein Stück weiter nördlich.
Journalisten lieben dieses Hotel.

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Ein Vormittag mit Hanna Maron

15. Mai 2011


Hanna Maron gehört zu den bekanntesten israelischen Schauspielerinnen – sie ist in Deutschland geboren und war schon zu Zeiten der Weimarer Republik ein Kinderstar, sie hat zum Beispiel in Fritz Langs ‚M – eine Stadt sucht einen Mörder‘ mitgespielt. Mit Anfang 40 verliert sie bei einem Terroranschlag in München ein Bein – heute bekommt sie Hassanrufe, weil sie eine der prominentesten Verfechterinnen eines eigenständigen palästinensischen Staates neben Israel ist – als ich sie in ihrer Bauhauswohnung unweit des Rothschild-Boulevards besuchte, war es noch früh am Tag. Außerdem war Frau Maron wenig amüsiert darüber, dass ich mehr als 20 Minuten zu spät kam – wer in Tel Aviv einmal falsch abbiegt, ist verloren. Deshalb ist der Anfang etwas schleppend. Aber das gibt sich dann. Einfach auf play drücken:

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Was gehört in ein Nationalmuseum?

26. September 2010

Nimmt man die Sache ganz genau, dann ist das Israel-Museum in Jerusalem gar nicht das Nationalmuseum des Landes, sondern ein auf Privatinitiative zurückgehendes – dennoch, weil es von den allermeisten dafür gehalten wird, – und weil der Großteil der Besucher es dafür liebt – übernimmt es diesen Anspruch – Nationalmuseum zu sein – freiwillig. Die  Kuratoren empfehlen, sich dem Bau über die große Freitreppe zu nähern, 270 Meter lang, vorbei am Skultpurengarten, gestaltet vom japanisch-US-amerikanischen Künstler Isamo Nogushi – und den Arbeiten von Henry Moore, Claes Oldenburg und Anish Kapoor – ein mannhoher angebissener Apfel, ein Hohlspiegel, in dem die ganze Welt als Kugel zu sehen ist.

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