Posts Tagged ‘Siedler’

Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten

7. August 2011


Die französische Revolution ist ausgebrochen, nachdem es die Händler in Paris gewagt hatten, die Weinpreise zu erhöhen – und die Obrigkeit dies geschehen ließ, weil es ihr gleichgültig war – wohl auch, weil sie die Nachricht gar nicht erreichte. Marie Antoinette soll, als man sie darüber informierte, dass die Massen auf den Straßen nach Brot riefen, gefragt haben, warum sie denn dann keinen Kuchen äßen – und die Interpretation, dass die Spott oder Sarkasmus war, ist nur eine von mehreren möglichen. Es könnte auch einfach nur Einfalt gewesen sein. Die Erhöhung der Brot- und Ölpreise hatte der Dritte Stand übrigens noch murrend hingenommen, aber beim Wein hört eben alle Gemütlichkeit auf. So ist es auch in Israel: Der Tag an dem der Preis für Kotidsch, nicht mehr als ein simpler Hüttenkäse, für viele aber Grundlage einer ausgewogenen Ernährung – um nicht zu sagen: Fleischersatz – angehoben wurde, etwa um die Hälfte, war der Tag, an dem die Zeltrevolution ausbrach, bei der es nicht um Demokratie geht, wohl aber um Menschenrechte. An diesem Samstag waren 300 Tausend Menschen im ganzen Land auf den Straßen, und was sie wollen, klingt gering: ein bezahlbares Leben. In den Großstädten, in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sind die Wohnungen, die junge Paare kaufen müssen, um eine Familie zu gründen – und mieten ist in der Regel keine Option – längst so teuer, dass sie in einem ganzen Leben nicht zurückgezahlt werden können – selbst wenn beide verdienen. Die Preise steigen, die Löhne nicht. Es gibt in Israel schon längst keine Sozialpolitik mehr, dass der Krieg der Grund dafür sein soll, glauben die Demonstranten nicht – in den Siedlungen auf der besetzten Westbank übrigens, auf Land, das umstrittten ist, sind die Wohnungen nach wie vor bezahlbar – dort gibt es die Subventionen, die im Kernland fehlen. Großsiedlungen wie Ariel bestehen deshalb überwiegend aus Wirtschaftsflüchtlingen – schon deshalb darf der Krieg nicht enden, und die besetzten Gebiete dürfen nicht zurückgegeben werden – denn dann wäre jede Regierung gezwungen, sich mit den sozialen Problemen zu befassen, die sie bislang ausblenden konnte – bis zur Zeltrevolution.
In Berlin ist auch schon ein Zelt gesehen worden: Vor der israelischen Botschaft in Grunewald. Fünfzig Minuten lang soll es gestanden haben, bis die Polizei die – aus neun Personen bestehende – Demonstration auflöste, weil sie nicht angemeldet war. Die Revolutionäre haben also schlicht vergessen, ihre Bahnsteigkarte zu lösen.

Werbeanzeigen

Was gehört in ein Nationalmuseum?

26. September 2010

Nimmt man die Sache ganz genau, dann ist das Israel-Museum in Jerusalem gar nicht das Nationalmuseum des Landes, sondern ein auf Privatinitiative zurückgehendes – dennoch, weil es von den allermeisten dafür gehalten wird, – und weil der Großteil der Besucher es dafür liebt – übernimmt es diesen Anspruch – Nationalmuseum zu sein – freiwillig. Die  Kuratoren empfehlen, sich dem Bau über die große Freitreppe zu nähern, 270 Meter lang, vorbei am Skultpurengarten, gestaltet vom japanisch-US-amerikanischen Künstler Isamo Nogushi – und den Arbeiten von Henry Moore, Claes Oldenburg und Anish Kapoor – ein mannhoher angebissener Apfel, ein Hohlspiegel, in dem die ganze Welt als Kugel zu sehen ist.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

Gaza: Datteln und Doraden

1. September 2010

Es ist ein großer Fisch, der da am Finger des Landarbeiters zappelt, eine Dorade, gut dreißig Zentimeter lang. Erst treiben die Männer sie mit Netzen in eine Ecke des Aufzuchtbeckens, dann angeln sie sich die besten Stücke mit einem Käscher. Draußen sind es 42 Grad im Schatten, hier unter den dunklen Plastikplanen, über 50. Den Fischen schadet das nicht, die Menschen dagegen leiden an einem Augusttag wie diesem. Denn zum Fasten im Ramadan gehört für gläubige Muslime auch, dass sie keinen Tropfen Wasser trinken, solange die Sonne am Himmel steht. In den Becken neben den Doraden schwimmt ein Schwarm winziger Forellen, dahinter Barsche. Nach einem Jahr sind die Fische groß, die Jahresproduktion, so heißt es,  beträgt 25 Tonnen. Mohammed Horia zufolge, das ist der Chef der Asdaa-City, gläubiger Hamas-Anhänger hat die Fischzuchtanlage hat zwei Aufgaben: „Erstens soll die Blockade bekämpft werden. Die Fischer vor unseren Küsten dürfen nur drei Kilometer aufs Meer raus fahren, sonst werden sie von der israelischen Marine beschossen, was sie dort fangen können, reicht vorne und hinten nicht. Außerdem hat dies einen erzieherischen Zweck. Die Kinder sollen mit eigenen Augen sehen, wie man Fische züchtet.“

Gleich neben der Aufzuchtstation schrauben Arbeiter ein haushohes, knallbuntes Riesenrad zusammen, dahinter steht ein Kettenkarussell, all das mitten auf einem staubigen, leeren Platz, umgeben von Schutthalden zerstörter Häuser. „Hier entsteht ein großes Spielgelände, ein Rummelplatz für Kinder. Es geht auch darum, Möglichkeiten zur Erholung zu schaffen, trotz der Blockade.“

Eine halbe Million Dollar lässt sich die Hamas allein den Riesenspielplatz für Kinder kosten, man verweist auf Spender in anderen arabischen Ländern. In naher Zukunft will man die Asdaa-City zu einem veritablen Medienpark ausbauen. Mit Studios für Filmproduktionen, und Bühnen für Theaterstücke: „Es sind hier schon Filme produziert worden, einer ist auf dem Al-Aqsa-Kanal ausgestrahlt worden. Gerade produzieren wir einen Film über den türkischen Sultan Abdul Hamid und wir planen ein Thaterstück über den Eroberer Konstantinopels, Sultan Mohammed el Fatih.“

Seit die Hamas im Gaza-Streifen regiert, dürfen nur noch Filme gezeigt und Theaterstücke aufgeführt werden, die als islamisch gelten und die die Großtaten der frühen muslimischen Kriegshelden zum Thema haben.

Die Asdaa-City entsteht auf einem Gelände, das bis vor fünf Jahren für Palästinenser weitgehend tabu war: Hier stand der größte Siedlungsblock im Gaza-Streifen, Gush Katif. Als die Siedler ihn im August 2005 räumen mussten, hinterließen sie ein Trümmerfeld. Die Häuser wurden gesprengt. Nur ein Sechstel der „befreiten Gebiete“, wie sie von der Hamas genannt werden, sind landwirtschaftlich nutzbar. Heute werden nach und nach die Feldern wieder urbar gemacht und bestellt, hier wachsen Datteln, eine Frucht, die als besonders islamisch gilt, mehrere hunderttausend Setzlinge wurden aus Kuwait gespendet; außerdem Weintrauben –natürlich nur zum Essen – Pflaumen, Äpfel und Limonen.

„Das ist sandiger Boden, der hält kein Wasser. Um den Baum und unter den Baum tun wir neue Erde, Tonerde, die das Wasser hält.“ Hamad el Regeb ist Verwaltungsdirektor des landwirtschaftlichen Teils der ehemaligen Siedlungen. Auf Farbglanz-Broschüren zeigt er die ehemaligen Siedlerflächen schon heute als blühende Gärten Der Trick mit der Tonerde sei in der Region verwurzelt, nur die Israelis hätten ihn nicht angewandt, sondern Wasser in rauen Mengen verschwendet. Der Hamas-Mann sagt es mehr als einmal: dass der Aufbau so langsam voran geht, dafür tragen andere die Schuld: „Durch die Blockade fehlt es uns an fast allem: Rohmaterial, Baumaterial, Bewässerungsanlagen, Saatgut, Düngemittel, junge Bäume, Insektizide, Pestizide.“ So gut wie alles, was im Gaza-Streifen gebraucht wird, um Landwirtschaft zu betreiben, muss durch Tunnel hineingebracht werden.

Am allermeisten haben diejenigen Palästinenser unter den Siedlern gelitten, deren Häuser und Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten waren. Wie etwa Al Karrieh al Suediah, ganz im Süden, dort wo der Strand an den ägyptischen Grenzzaun stößt. Das so genannte „schwedische Dorf“ war in den sechziger Jahren von schwedischen UNO-Truppen für Flüchtlinge aus dem Landesinneren gebaut worden. Nachdem die Siedler kamen, wurde es komplett eingeschlossen, die Bewegungsfreiheit beschränkte sich sprichwörtlich auf einen Steinwurf in jede Himmelsrichtung. Baschir Hassuna, ehemals Polizist der palästinensischen Autonomiebehörde, heute  unter der Hamas zur Untätigkeit verdammt, sitzt, der leichten Brise wegen, auf dem Dach seines Hauses, und erinnert sich: „Natürlich gab es Straßensperren vom Ort in die Stadt. Israelische Militärsperren. Um von hier rauskommen brauchte man zwei, drei Stunden, manchmal sogar zwei oder drei Tage. Dabei waren es nur ein paar hundert Meter zu Fuß. Die Rückfahrt war noch schlimmer. Manche Leute brauchten zwei oder drei Wochen dafür. Es gibt Leute, die nach Amerika geflogen sind und zurück, in der Zeit, die es hier brauchte, vom Dorf in die Stadt und wieder zurück zu laufen.“

Ein Generator brummt, er treibt die Bewässerungsanlagen an, ohne die auf dem sandigen Dünenboden nichts wachsen würde. Auch im Norden des Gaza-Streifens, die israelische Industriestadt Aschkelon ist in Sichtweite, sind vor fünf Jahren Siedlungen geräumt worden. Heute bestellen die Anwohner ihr Land dort wieder selbst, es ist rückübereignet worden, oder wird ihnen von der Gemeinde verpachtet. Abdel Aziz el Dahnon, Oberbürgermeister von Beit Lahia, dem nächstgelegenen Ort, ist zwar froh, dass die Flächen bewirtschaftet werden können. Trotzdem gibt es neue Gefahren für die, deren Felder direkt an der Sperrmauer zu Israel liegen: „Es passiert öfter, dass die israelische Armee plötzlich die Grenze übertritt, mit Planierraupen, ganze Felder platt walzt und dann wieder geht, außerdem wird immer wieder geschossen, auf Landwirte und auch auf die Fischer auf dem Meer.“

Ein Bauer im Gazastreifen, der sich auf einen Kilometer der Sperranlage nach Israel nähert, muss damit rechnen, dass auf ihn geschossen wird.


%d Bloggern gefällt das: