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Menschen wie Wasser: Micha und Hagit

19. August 2011

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

Micha und Hagit leben seit vier Jahren in Deutschland, die meiste Zeit davon in Saarbrücken, erst seit wenigen Monaten sind auch sie in Berlin angekommen. Eigentlich gab es an Saarbrücken nur wenig auszusetzen. Schön war es dort, und im Rückblick wird es immer schöner, die Menschen sind freundlich, die Dörfer malerisch, der Wein, das Essen, Frankreich ist nah – und wenn die vielen Freunde nicht ständig gebohrt hätten: Warum wohnt ihr nicht in Berlin? – dann wären die beiden vielleicht immer noch dort. Aber in Berlin will eben jeder sein, und in Saarbrücken keiner, und dafür muss es doch einen Grund geben. Hagit ist Opernsängerin, sie lebt von Auftritten und kurzen Engagements in ganz Deutschland, Chemnitz ist dabei und Cottbus, Osnabrück, oft München, manchmal Essen, immer wieder Hamburg. Micha führt Touristengruppen. Eigentlich ist es egal, wo sie wohnen. Also Umzug: Eine Kiste im Gepäckwagen, die halb sedierte Katze auf dem Schoß, sieben Stunden im Zug nach Berlin. Dort finden sie eine Wohnung da, wo viele Neuberliner gar nicht erst suchen würden: In Schöneberg, nicht weit vom Rathaus. Micha liebt den Volkspark, und Hagit mag es, wie der Straßenname klingt: Prinzregentenstraße. Eine Adresse wie aus dem Textbuch einer Oper. Und wieder sagen die Freunde: Warum nicht Mitte, nicht Prenzlauer Berg, warum denn Schöneberg, wo ist das überhaupt?
Micha ist 39 Jahre alt, Hagit 30, die beiden zwar sind verheiratet, aber ohne Kinder, und schon allein dieser Umstand bedarf in Israel einer Erklärung – Familienverweigerer kommen nicht gut an – wer keinen medizinischen Grund angeben kann, gilt manchem schon als Deserteur. Micha und Hagit hatten es satt, immer neue Rechtfertigungen finden zu müssen für das, was doch so einfach zu begreifen wäre, wenn man es denn begreifen wollte:

Wir sind, was wir sind.

Und sie hatten genug davon, von allen anderen – von der Familie, aber nicht nur von der – permanent dazu gezwungen zu werden, sich selbst zu definieren: Seid ihr ein Paar oder seid ihr nur gute Freunde? Seid ihr bald eine Familie oder nur ein Paar? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn gar nicht, warum nicht? Ja, in Gottes Namen, warum denn nur? Das ganze Leben, ein Verhör. Letztendlich, sagt Micha, steckt hinter all diesen Fragen nur die eine: Seid ihr für uns, oder seid ihr gegen uns?

Hagit hat es am Anfang sehr gewundert, dass all das in Deutschland niemanden interessiert. Ob Du zehn Kinder hast oder keins, gleich gut, beides ok. Ob mit einem, zwei, drei Partnern, gleich oder gegen, was weiß ich. Ich bin ok, du bist ok. Mir doch egal. Soll doch jeder nach seiner Fassong. Zieh doch an, was du willst, Musik hören, warum nicht, ist doch nur Musik. Essen, schlafen, lieben: wurscht. Hauptsache gesund.

 Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten

7. August 2011


Die französische Revolution ist ausgebrochen, nachdem es die Händler in Paris gewagt hatten, die Weinpreise zu erhöhen – und die Obrigkeit dies geschehen ließ, weil es ihr gleichgültig war – wohl auch, weil sie die Nachricht gar nicht erreichte. Marie Antoinette soll, als man sie darüber informierte, dass die Massen auf den Straßen nach Brot riefen, gefragt haben, warum sie denn dann keinen Kuchen äßen – und die Interpretation, dass die Spott oder Sarkasmus war, ist nur eine von mehreren möglichen. Es könnte auch einfach nur Einfalt gewesen sein. Die Erhöhung der Brot- und Ölpreise hatte der Dritte Stand übrigens noch murrend hingenommen, aber beim Wein hört eben alle Gemütlichkeit auf. So ist es auch in Israel: Der Tag an dem der Preis für Kotidsch, nicht mehr als ein simpler Hüttenkäse, für viele aber Grundlage einer ausgewogenen Ernährung – um nicht zu sagen: Fleischersatz – angehoben wurde, etwa um die Hälfte, war der Tag, an dem die Zeltrevolution ausbrach, bei der es nicht um Demokratie geht, wohl aber um Menschenrechte. An diesem Samstag waren 300 Tausend Menschen im ganzen Land auf den Straßen, und was sie wollen, klingt gering: ein bezahlbares Leben. In den Großstädten, in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sind die Wohnungen, die junge Paare kaufen müssen, um eine Familie zu gründen – und mieten ist in der Regel keine Option – längst so teuer, dass sie in einem ganzen Leben nicht zurückgezahlt werden können – selbst wenn beide verdienen. Die Preise steigen, die Löhne nicht. Es gibt in Israel schon längst keine Sozialpolitik mehr, dass der Krieg der Grund dafür sein soll, glauben die Demonstranten nicht – in den Siedlungen auf der besetzten Westbank übrigens, auf Land, das umstrittten ist, sind die Wohnungen nach wie vor bezahlbar – dort gibt es die Subventionen, die im Kernland fehlen. Großsiedlungen wie Ariel bestehen deshalb überwiegend aus Wirtschaftsflüchtlingen – schon deshalb darf der Krieg nicht enden, und die besetzten Gebiete dürfen nicht zurückgegeben werden – denn dann wäre jede Regierung gezwungen, sich mit den sozialen Problemen zu befassen, die sie bislang ausblenden konnte – bis zur Zeltrevolution.
In Berlin ist auch schon ein Zelt gesehen worden: Vor der israelischen Botschaft in Grunewald. Fünfzig Minuten lang soll es gestanden haben, bis die Polizei die – aus neun Personen bestehende – Demonstration auflöste, weil sie nicht angemeldet war. Die Revolutionäre haben also schlicht vergessen, ihre Bahnsteigkarte zu lösen.

Bauhaus Bat Shit

6. Januar 2010

Die allermeisten Touristengruppen werden unter Auslassung der Nebenstraßen nur den Rothschildboulevard hoch und runter geschleust, hier stehen die auffälligsten, weil größten Bauhaus-Bauten, die gesamte Innenstadt ist wegen des Bauhaus-Ensembles zum als Unesco-Weltkulturerbe gemacht worden – dieser Titel ist allerdings nicht mit Zuwendungen der Weltorganisationen verbunden, weshalb, um die über 70 Jahre alten mit der Seeluft bröckelig gewordenen Häuser zu erhalten, Investoren gefunden werden müssen, die einen Weg finden, mit den weißen Kästen Geld zu verdienen. Die Stadtverwaltung von Tel Aviv hat eingesehen, dass das heute nicht mehr so leicht ist wie früher – im Originalzustand hatten die Wohnungen keine Klimaanlagen, sondern kleine Fenster und Spalten in den offenen Balkons, die für Durchzug sorgten – wer gibt sich damit heute noch zufrieden. Also sind die Denkmalschutzauflagen gelockert worden: Fenster groß, Balkons geschlossen, Klimaanlagen an den Fassaden – und es ist erlaubt, zwei Stockwerke auf die Dächer zu setzen, sofern der Gesamteindruck nicht beeinträchtigt wird – . Am Boulevard selbst haben sich genügend Medienkonzerne, Pharmariesen, Autohäuser und Werbeagenturen gefunden, die sich von einem Originalbauhaushaus einen Prestigezugewinn versprechen, und die deshalb das ursprüngliche Design erhalten. In den Seitenstraßen dagegen, wo die Mieten etwas niedriger sind, gibt es recht freizügige Interpretationen der Bauvorschriften. Trotz aller Kulturerberei: Viele dieser Bauten werden abgerissen werden müssen, da sind sich alle einig, die Frage ist nur, wann. Als die weiße Stadt geplant und nach und nach erbaut wurde, machte sich keiner der Gründer klar, wer der größte Feind der Bauhausfassade sein würde: Die Fledermaus. In den Palmen und Laubbäumen vermehren sie sich und vertilgen täglich das doppelte ihres Körpergewichts an Insekten und Früchten, die in Bäumen hängen. Logisch, dass die Fledermäuse, wenn sie defäkieren, dies im Fluge tun. Und ebenso logisch ist, dass ihr Kot dann an den weißen Wänden der Bauhaushäuser kleben bleibt, wie dunkle Sprenkel, wer will, kann das für Gestaltung halten. Die Tel Aviver halten es für das, was es ist. Gegen den Bauhaus Bat Shit bislang noch kein Mittel gefunden worden. In den Mägen der Tiere verbinden sich die Reste der Früchte und Insektenpanzer zu einer sauren, leicht ätzenden, schwarzen Flüssigkeit, die sich nicht von den Fassaden entfernen lässt. Überstreichen wäre zu teuer, weil alle sechs Monate ein neuer Anstrich nötig wäre, um den Eindruck der weißen Stadt zu erhalten. Vor einigen Jahren hat man begonnen, die Bäume zu fällen, um den Fledermäusen ihre Rückzugsgebiete und Kinderstuben zu rauben – ein Versuch, der von Erwägungen des Naturschutzes nicht getrübt war und der bald aufgegeben werden musste, weil die Menge der Insekten plagenhaft zunahm, Skeptiker warnten gar vor einer Rückkehr der Malaria. Also ließ man den Tieren ihr Leben und lebt selbst, mehr oder weniger gefasst, hinter mit Fledermauskot gesprenkelten Bauhausfassaden, und versucht, die Situation mit Würde durchzustehen.


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