Posts Tagged ‘Israel Palästina Ramallah’

Menschen wie Wasser: Micha und Hagit

19. August 2011

Die Menschen, sie werden wie Wasser. Sie fließen hin und her, um die ganze Welt.(Wladimir Kaminer)

Micha und Hagit leben seit vier Jahren in Deutschland, die meiste Zeit davon in Saarbrücken, erst seit wenigen Monaten sind auch sie in Berlin angekommen. Eigentlich gab es an Saarbrücken nur wenig auszusetzen. Schön war es dort, und im Rückblick wird es immer schöner, die Menschen sind freundlich, die Dörfer malerisch, der Wein, das Essen, Frankreich ist nah – und wenn die vielen Freunde nicht ständig gebohrt hätten: Warum wohnt ihr nicht in Berlin? – dann wären die beiden vielleicht immer noch dort. Aber in Berlin will eben jeder sein, und in Saarbrücken keiner, und dafür muss es doch einen Grund geben. Hagit ist Opernsängerin, sie lebt von Auftritten und kurzen Engagements in ganz Deutschland, Chemnitz ist dabei und Cottbus, Osnabrück, oft München, manchmal Essen, immer wieder Hamburg. Micha führt Touristengruppen. Eigentlich ist es egal, wo sie wohnen. Also Umzug: Eine Kiste im Gepäckwagen, die halb sedierte Katze auf dem Schoß, sieben Stunden im Zug nach Berlin. Dort finden sie eine Wohnung da, wo viele Neuberliner gar nicht erst suchen würden: In Schöneberg, nicht weit vom Rathaus. Micha liebt den Volkspark, und Hagit mag es, wie der Straßenname klingt: Prinzregentenstraße. Eine Adresse wie aus dem Textbuch einer Oper. Und wieder sagen die Freunde: Warum nicht Mitte, nicht Prenzlauer Berg, warum denn Schöneberg, wo ist das überhaupt?
Micha ist 39 Jahre alt, Hagit 30, die beiden zwar sind verheiratet, aber ohne Kinder, und schon allein dieser Umstand bedarf in Israel einer Erklärung – Familienverweigerer kommen nicht gut an – wer keinen medizinischen Grund angeben kann, gilt manchem schon als Deserteur. Micha und Hagit hatten es satt, immer neue Rechtfertigungen finden zu müssen für das, was doch so einfach zu begreifen wäre, wenn man es denn begreifen wollte:

Wir sind, was wir sind.

Und sie hatten genug davon, von allen anderen – von der Familie, aber nicht nur von der – permanent dazu gezwungen zu werden, sich selbst zu definieren: Seid ihr ein Paar oder seid ihr nur gute Freunde? Seid ihr bald eine Familie oder nur ein Paar? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn gar nicht, warum nicht? Ja, in Gottes Namen, warum denn nur? Das ganze Leben, ein Verhör. Letztendlich, sagt Micha, steckt hinter all diesen Fragen nur die eine: Seid ihr für uns, oder seid ihr gegen uns?

Hagit hat es am Anfang sehr gewundert, dass all das in Deutschland niemanden interessiert. Ob Du zehn Kinder hast oder keins, gleich gut, beides ok. Ob mit einem, zwei, drei Partnern, gleich oder gegen, was weiß ich. Ich bin ok, du bist ok. Mir doch egal. Soll doch jeder nach seiner Fassong. Zieh doch an, was du willst, Musik hören, warum nicht, ist doch nur Musik. Essen, schlafen, lieben: wurscht. Hauptsache gesund.

 Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten

7. August 2011


Die französische Revolution ist ausgebrochen, nachdem es die Händler in Paris gewagt hatten, die Weinpreise zu erhöhen – und die Obrigkeit dies geschehen ließ, weil es ihr gleichgültig war – wohl auch, weil sie die Nachricht gar nicht erreichte. Marie Antoinette soll, als man sie darüber informierte, dass die Massen auf den Straßen nach Brot riefen, gefragt haben, warum sie denn dann keinen Kuchen äßen – und die Interpretation, dass die Spott oder Sarkasmus war, ist nur eine von mehreren möglichen. Es könnte auch einfach nur Einfalt gewesen sein. Die Erhöhung der Brot- und Ölpreise hatte der Dritte Stand übrigens noch murrend hingenommen, aber beim Wein hört eben alle Gemütlichkeit auf. So ist es auch in Israel: Der Tag an dem der Preis für Kotidsch, nicht mehr als ein simpler Hüttenkäse, für viele aber Grundlage einer ausgewogenen Ernährung – um nicht zu sagen: Fleischersatz – angehoben wurde, etwa um die Hälfte, war der Tag, an dem die Zeltrevolution ausbrach, bei der es nicht um Demokratie geht, wohl aber um Menschenrechte. An diesem Samstag waren 300 Tausend Menschen im ganzen Land auf den Straßen, und was sie wollen, klingt gering: ein bezahlbares Leben. In den Großstädten, in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sind die Wohnungen, die junge Paare kaufen müssen, um eine Familie zu gründen – und mieten ist in der Regel keine Option – längst so teuer, dass sie in einem ganzen Leben nicht zurückgezahlt werden können – selbst wenn beide verdienen. Die Preise steigen, die Löhne nicht. Es gibt in Israel schon längst keine Sozialpolitik mehr, dass der Krieg der Grund dafür sein soll, glauben die Demonstranten nicht – in den Siedlungen auf der besetzten Westbank übrigens, auf Land, das umstrittten ist, sind die Wohnungen nach wie vor bezahlbar – dort gibt es die Subventionen, die im Kernland fehlen. Großsiedlungen wie Ariel bestehen deshalb überwiegend aus Wirtschaftsflüchtlingen – schon deshalb darf der Krieg nicht enden, und die besetzten Gebiete dürfen nicht zurückgegeben werden – denn dann wäre jede Regierung gezwungen, sich mit den sozialen Problemen zu befassen, die sie bislang ausblenden konnte – bis zur Zeltrevolution.
In Berlin ist auch schon ein Zelt gesehen worden: Vor der israelischen Botschaft in Grunewald. Fünfzig Minuten lang soll es gestanden haben, bis die Polizei die – aus neun Personen bestehende – Demonstration auflöste, weil sie nicht angemeldet war. Die Revolutionäre haben also schlicht vergessen, ihre Bahnsteigkarte zu lösen.

Am Strand

30. Juni 2011


Am Frishman beach, Samstags gegen 15 Uhr, es ist 33 Grad heiß, auf den vielleicht 100 m aufgeschüttetem Sand zwischen der Promenade und dem Wasser liegen die Handtücher dicht nebeneinander. Hier darf man schwimmen, und man kann es auch – denn diese Stelle ist weit genug entfernt von den Abwasserrohren, die südlich des Hilton beaches ins Meer führen, und die Wellenbrecher vor der Küste erlauben den Gang ins Wasser, anders als an den anderen Ufern der Levante, schon in Jaffa können die Wellen gewaltig sein. Die Kellner der Strandcafés balancieren Tabletts überladen mit Tellern und Flaschen; Hummus und Fleischspieße, große Schalen mit bunten Fruchtsalaten, dazu scharfe Getränke und jede Menge Bier zwischen den Liegestühlen hin und her, die Rettungsschwimmer in blauen T-Shirts gehen prüfend durch die Reihen, einige am Strand schlafen, andere tanzen den letzten Tanz der längst vorübergegangenen Nacht oder vielleicht der davor? Eine Lautsprecherstimme warnt in regelmäßigen Abständen, vor allem, was gefährlich ist: Es ist verboten, bei roter Beflaggung ins Wasser zu gehen. Es ist unbedingt davon abzuraten, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen. In ganz Israel ist es per Gesetz strengstens verboten, am Strand Alkohol zu trinken. Der Wagen mit der Nummer soundso wird gleich abgeschleppt. Den Anweisungen der Rettungsschwimmer ist unbedingt Folge zu leisten. Dieser Strand ist keine Müllhalde.
Plötzlich aber dann laufen an einer Stelle, nicht weit vom Wasser, die Menschen zusammen. Ein Körper liegt am Boden, reglos, ein großer und auch dicker älterer Mann offenbar, die Rettungsschwimmer pressen rhythmisch auf seien Brustkorb. Die Menschentraube wird immer dichter, nur zwischen den nackten Beinen hindurch ist zu sehen, wie versucht wird, ein Leben zu retten, immer wieder, zu zweit, mit vollem Gewicht wirft sich einer auf das Brustbein des Leblosen, der Körper federt wie eine Puppe. Irgendwann kommen die Sanitäter von der Promenade her, und laden ihn auf ihre Trage und schleppen ihn, vier Mann mit vereinten Kräften, zum Krankenwagen.
Hu met, sagen alle plötzlich, er ist tot.
Und dann geschieht das Unfassbare: ein einzelner Strandbesucher in Badehose wirft sich mit voller Wucht auf einen der anderen, zerrt ihn zu Boden, versucht, seinen Kopf zu traktieren, als er von den Umstehenden zurückgehalten wird, reißt er einen der Sonnenschirme aus den Boden, und benutzt ihn wie einen Speer, er rennt irregeworden auf den einen, und immer nur den zu, und will ihn mit dieser komischen Lanze erstechen, als er dann wieder von der Menge entwaffnet und zurückgeworfen wird, greift er, was er kann, Plastikstühle, Tische, leere Flaschen, volle Flaschen, sogar ein Fahrrad, das dort im Sand liegt, und wirft alles das auf diese eine Person, die er in diesem Moment ermorden will.
Erst Monate später, als ich Adi von der Geschichte erzähle, erfahre ich, was der Grund war: Ein Streit zwischen Familien, es stand in der Zeitung, der alte Mann erschlagen, der junge, das war sein Neffe, als er von der Nachricht hörte, mit allem, was er greifen konnte, auf den Täter und seine Verwandten. Um seinen Onkel irgendwie, verzweifelt, zu rächen.
Lieber tot sein als ohne Ehre.
Mein Freund W., ein Filmemacher, Drehbuchautor und Hochschullehrer sagt: Du solltest lieber eine Geschichte erzählen, die unterhalb der Schwelle des Mordes bleibt.
Ja, will ich ja auch

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Israelis in Berlin – HaBait live

24. Juni 2011


Dass mittlerweile viele Tausend Israelis in Berlin leben, ist ja schon Spiegelgeschichten wert gewesen, bislang aber ist es der relativ neuen Community noch nicht gelungen, zu einem authentischen eigenen künstlerischen und äthetischen Ausdruck zu finden. Es gibt zwar die regelmäßig stattfindenden Meschugge-Parties, die aber sind sehr von den jungen schwulen Israelis in Berlin geprägt, und das ist eine ganz andere Story. Die Israelis, die seit ein paar Jahren kommen, sind hier, weil Berlin sein Gesicht verändert hat, und sie nur hier – wie sie glauben – sich so entfalten können, wie wie wollen, und dabei noch ihre Miete zu zahlen in der Lage sind; in London, wie man hört, bilden Israelis schon eine neue Schicht von Händlern auf den angesagten Hippiemärkten im größeren Umkreis von Camden-Town, die meisten spezialisiert auf die drei P: Pullover, Pilze und Falafel (sofern berücksichtigt wird, dass Falafel auf Hebräisch mit P geschrieben wird) – in Berlin verschwinden die Israelis noch feiner in den Ritzen der verschiedenen Milieus, weil sie auf den Spuren ihrer seinerzeit vertriebenen Groß- oder Urgroßeltern sind und folglich deutsche Pässe haben, oder die anderer EU-Länder, sie bilden also nicht wirklich eine Gruppe. Bevor ich schildere, wie HaBait das zu ändern versucht, schiebe ich gern die Ansicht von Wladimir Kaminer ein, der, auf die israelische Einwanderungs- oder Rückkehrwelle angesprochen sagt, das sei überhaupt nicht neu. Er habe in den vergangenen Jahren ständig mit ein-, durch- und ausreisenden Israelis zu tun gehabt, heute würden die Menschen ohnehin wie Wasser werden, sie umflössen die Kontinente, unuterscheidbar voneinander und doch jeder einzigartig; insbesondere habe seine Gattin, die ansonsten das Licht der Öffentlichkeit eher scheut, sich im Jahre 1990 nachdrücklich engagiert, als es darum ging, Israelis im Exil in Deutschland zu helfen, auf dem Rückzug vor dem damals dort wütenden 2. Golfkrieg, denn einige von ihnen galten als Deserteure, und die brauchten rechtlichen, aber auch menschlichen Beistand.
Sicher ist, dass Israelis bisher immer einen guten Grund brauchten, besser: Eine Rechtfertigung, um nach Deutschland zu ziehen. Musste man doch den Familienangehörigen und Nachbarn zu Hause erklären, die jahrzehntelang zwar alle anderen europäischen Länder fleißig und interessiert bereisten, um Deutschland aber einen weiten Bogen machten, das Umsteigen in Frankfurt galt manchem schon als erster Schritt zum Verrat, warum gerade hier, im Land der Täter. Früher mussten handfeste Entschuldigungen her, wie: Ich bin Deserteur und bekomme nur hier Papiere. Heute reicht schon: Warum nicht, Berlin ist doch nicht wirklich Deutschland.
Berlin is not Germany hätte also leicht das Motto von Habait werden können, vielleicht wird es das noch. An diesem Sonntag hieß es nur: Israelische Kultur in Berlin. Während die Besucher in der Schlange standen, um eine Karte zu kaufen oder sich für den Kauf einer solchen registrieren zu lassen, bekamen sie von einem netten jungen Mann mit langen braunen Haaren kleine Eise am Stiel geschenkt – nur wirkliche Insider oder Deutsche, die entweder in den 70ern schon Filme ab 16 sehen durften oder in den 90ern viel Zeit vor dem Fernseher verbracht haben, verstehen den Wink. So, als es dann losging, wurde der erste Diskutant – Markus Flohr, ein Autor deutscher Zunge, der ein Jahr in Israel verbrachte und darüber ein Buch veröffentlicht hat – mit den Worten vorgestellt, dass er 1.) kein Jude und 2.) nicht homosexuell sei. Aha. Später dann räumte er ein, als 19jähriger Abiturient einer radikal-kommunistischen Gruppe angehört zu haben, die alle Staaten auf dieser Welt abschaffen wollte, den Staat Israel aber zuletzt, dieses Geständnis konnte sein Rennommée aber nicht nicht mehr retten, er gehörte beim besten Willen keiner Minderheit an. Nach Flohrs Lesung sang eine israelische Sängerin, die in Berlin quasi auf Durchreise war, dann dort stecken blieb, das Weiterreisen aber noch nicht aufgeben wollte, und deshalb singt sie regelmäßig hier, oder so ähnliche, in Israel sei sie ein großer Star, hieß es, ihr Ehemann steht hinter ihr an der Gitarre. Nach dem Konzert gab es Hummus, zwei Euro pro Teller, von dem ich gern berichtet hätte, wie es schmeckt, wenn ich noch etwas davon abbekommen hätte, denn nachdem ich zwanzig Minuten vorher in der Schlange gestanden hatte, ging es bei der Frau vor mir, die ich idiotischerweise auch noch vorgelassen hatte, aus. Ich beschloss, nicht darüber wütend zu werden und holte mir ein Falafel-Sandwich von der Kastanienallee, sehr köstlich, irakischer Besitzer, geht sehr schnell und kostet auch nur 2,50 – trotz dieses kleinen Wermutstropfens also war die Veranstaltung von HaBait aber wirklich sehr schön; sechs Mal im Jahr soll sie künftig stattfinden.

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Gaza: Datteln und Doraden

1. September 2010

Es ist ein großer Fisch, der da am Finger des Landarbeiters zappelt, eine Dorade, gut dreißig Zentimeter lang. Erst treiben die Männer sie mit Netzen in eine Ecke des Aufzuchtbeckens, dann angeln sie sich die besten Stücke mit einem Käscher. Draußen sind es 42 Grad im Schatten, hier unter den dunklen Plastikplanen, über 50. Den Fischen schadet das nicht, die Menschen dagegen leiden an einem Augusttag wie diesem. Denn zum Fasten im Ramadan gehört für gläubige Muslime auch, dass sie keinen Tropfen Wasser trinken, solange die Sonne am Himmel steht. In den Becken neben den Doraden schwimmt ein Schwarm winziger Forellen, dahinter Barsche. Nach einem Jahr sind die Fische groß, die Jahresproduktion, so heißt es,  beträgt 25 Tonnen. Mohammed Horia zufolge, das ist der Chef der Asdaa-City, gläubiger Hamas-Anhänger hat die Fischzuchtanlage hat zwei Aufgaben: „Erstens soll die Blockade bekämpft werden. Die Fischer vor unseren Küsten dürfen nur drei Kilometer aufs Meer raus fahren, sonst werden sie von der israelischen Marine beschossen, was sie dort fangen können, reicht vorne und hinten nicht. Außerdem hat dies einen erzieherischen Zweck. Die Kinder sollen mit eigenen Augen sehen, wie man Fische züchtet.“

Gleich neben der Aufzuchtstation schrauben Arbeiter ein haushohes, knallbuntes Riesenrad zusammen, dahinter steht ein Kettenkarussell, all das mitten auf einem staubigen, leeren Platz, umgeben von Schutthalden zerstörter Häuser. „Hier entsteht ein großes Spielgelände, ein Rummelplatz für Kinder. Es geht auch darum, Möglichkeiten zur Erholung zu schaffen, trotz der Blockade.“

Eine halbe Million Dollar lässt sich die Hamas allein den Riesenspielplatz für Kinder kosten, man verweist auf Spender in anderen arabischen Ländern. In naher Zukunft will man die Asdaa-City zu einem veritablen Medienpark ausbauen. Mit Studios für Filmproduktionen, und Bühnen für Theaterstücke: „Es sind hier schon Filme produziert worden, einer ist auf dem Al-Aqsa-Kanal ausgestrahlt worden. Gerade produzieren wir einen Film über den türkischen Sultan Abdul Hamid und wir planen ein Thaterstück über den Eroberer Konstantinopels, Sultan Mohammed el Fatih.“

Seit die Hamas im Gaza-Streifen regiert, dürfen nur noch Filme gezeigt und Theaterstücke aufgeführt werden, die als islamisch gelten und die die Großtaten der frühen muslimischen Kriegshelden zum Thema haben.

Die Asdaa-City entsteht auf einem Gelände, das bis vor fünf Jahren für Palästinenser weitgehend tabu war: Hier stand der größte Siedlungsblock im Gaza-Streifen, Gush Katif. Als die Siedler ihn im August 2005 räumen mussten, hinterließen sie ein Trümmerfeld. Die Häuser wurden gesprengt. Nur ein Sechstel der „befreiten Gebiete“, wie sie von der Hamas genannt werden, sind landwirtschaftlich nutzbar. Heute werden nach und nach die Feldern wieder urbar gemacht und bestellt, hier wachsen Datteln, eine Frucht, die als besonders islamisch gilt, mehrere hunderttausend Setzlinge wurden aus Kuwait gespendet; außerdem Weintrauben –natürlich nur zum Essen – Pflaumen, Äpfel und Limonen.

„Das ist sandiger Boden, der hält kein Wasser. Um den Baum und unter den Baum tun wir neue Erde, Tonerde, die das Wasser hält.“ Hamad el Regeb ist Verwaltungsdirektor des landwirtschaftlichen Teils der ehemaligen Siedlungen. Auf Farbglanz-Broschüren zeigt er die ehemaligen Siedlerflächen schon heute als blühende Gärten Der Trick mit der Tonerde sei in der Region verwurzelt, nur die Israelis hätten ihn nicht angewandt, sondern Wasser in rauen Mengen verschwendet. Der Hamas-Mann sagt es mehr als einmal: dass der Aufbau so langsam voran geht, dafür tragen andere die Schuld: „Durch die Blockade fehlt es uns an fast allem: Rohmaterial, Baumaterial, Bewässerungsanlagen, Saatgut, Düngemittel, junge Bäume, Insektizide, Pestizide.“ So gut wie alles, was im Gaza-Streifen gebraucht wird, um Landwirtschaft zu betreiben, muss durch Tunnel hineingebracht werden.

Am allermeisten haben diejenigen Palästinenser unter den Siedlern gelitten, deren Häuser und Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten waren. Wie etwa Al Karrieh al Suediah, ganz im Süden, dort wo der Strand an den ägyptischen Grenzzaun stößt. Das so genannte „schwedische Dorf“ war in den sechziger Jahren von schwedischen UNO-Truppen für Flüchtlinge aus dem Landesinneren gebaut worden. Nachdem die Siedler kamen, wurde es komplett eingeschlossen, die Bewegungsfreiheit beschränkte sich sprichwörtlich auf einen Steinwurf in jede Himmelsrichtung. Baschir Hassuna, ehemals Polizist der palästinensischen Autonomiebehörde, heute  unter der Hamas zur Untätigkeit verdammt, sitzt, der leichten Brise wegen, auf dem Dach seines Hauses, und erinnert sich: „Natürlich gab es Straßensperren vom Ort in die Stadt. Israelische Militärsperren. Um von hier rauskommen brauchte man zwei, drei Stunden, manchmal sogar zwei oder drei Tage. Dabei waren es nur ein paar hundert Meter zu Fuß. Die Rückfahrt war noch schlimmer. Manche Leute brauchten zwei oder drei Wochen dafür. Es gibt Leute, die nach Amerika geflogen sind und zurück, in der Zeit, die es hier brauchte, vom Dorf in die Stadt und wieder zurück zu laufen.“

Ein Generator brummt, er treibt die Bewässerungsanlagen an, ohne die auf dem sandigen Dünenboden nichts wachsen würde. Auch im Norden des Gaza-Streifens, die israelische Industriestadt Aschkelon ist in Sichtweite, sind vor fünf Jahren Siedlungen geräumt worden. Heute bestellen die Anwohner ihr Land dort wieder selbst, es ist rückübereignet worden, oder wird ihnen von der Gemeinde verpachtet. Abdel Aziz el Dahnon, Oberbürgermeister von Beit Lahia, dem nächstgelegenen Ort, ist zwar froh, dass die Flächen bewirtschaftet werden können. Trotzdem gibt es neue Gefahren für die, deren Felder direkt an der Sperrmauer zu Israel liegen: „Es passiert öfter, dass die israelische Armee plötzlich die Grenze übertritt, mit Planierraupen, ganze Felder platt walzt und dann wieder geht, außerdem wird immer wieder geschossen, auf Landwirte und auch auf die Fischer auf dem Meer.“

Ein Bauer im Gazastreifen, der sich auf einen Kilometer der Sperranlage nach Israel nähert, muss damit rechnen, dass auf ihn geschossen wird.

Benennung ist Macht: Die Sprache des Konflikts

28. August 2010

Die Sprachverwirrung beginnt genau genommen schon bei der Frage, wie dieses Land eigentlich heißen soll.

Die Israelis meinen, wenn sie von Israel sprechen, das ganze Gebiet vom Mittelmeer bis zum Jordan, auch Gaza, Ramallah und Nablus werden wie selbstverständlich dazu gezählt. Ebenso selbstverständlich nennen die Palästinenser genau das gleiche Gebiet Falestin, auch Tel Aviv mit seinem Rothschildboulevard. Während in Israel jedes Jahr im Mai die Unabhängigkeit gefeiert wird, ist dies für Palästinenser ein Trauertag, er erinnert sie in die Nakba – die Katastrophe. Und wenn Israel als Staat gemeint ist, spricht man auf palästinensischer Seite nur vom zionistischen Gebilde.

Ausländer, die nicht in Fettnäpfchen treten wollen, sind gut beraten, vom Heiligen Land zu sprechen, das hören beide Seiten gern, und jeder weiß, was gemeint ist. Deutlich schwieriger wird die Sache, wenn es um die im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebiete westlich des Jordans geht – Yehúda ve Schomrón, also Judäa und Samaria ist das für die jüdischen Siedler, um klar zu machen, dass es um das Kernland des historischen Israels geht. Wer behauptet, in die Westbank zu fahren, kann sich unbeliebt machen, diese eigentlich neutrale Bezeichnung steht unter Verdacht, die biblische Vergangenheit des Landes unter den Teppich kehren zu wollen.

Aber auch die meisten Israelis, die durchaus bereit wären, einen palästinensischen Staat in Gaza und im Westjordanland zu akzeptieren, würden nie von besetztem Gebiet sprechen, wenn die Rede von Ostjerusalem ist – oder von den Golan-Höhen – obwohl diese völkerrechtlich recht eindeutig zu Syrien gehören. Im Westjordanland wird es noch komplizierter: Die Meinungen unter Israelis gehen sehr weit auseinander, ob es besetzt ist, umstritten oder befreit. Um Streit aus dem Weg zu gehen, wird zunehmend nur noch von Gebieten gesprochen –  Schtachim.

Die Sperranlagen, die im Westjordanland Juden und Araber trennen, werden auf hebräisch umgangssprachlich Zaun genannt – Gadér. Das Wort Mauer dagegen wird vermieden. Die offizielle israelische Sprachregelung lautet Sicherheitszaun. Die Palästinenser dagegen nennen das selbe Bauwerk Apartheidsmauer – denn es wird unterstellt, dass sie nur gebaut wurde, um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Die Israelis dagegen bestehen darauf, sie nur gebaut  zu haben, um sich vor Selbstmordattentätern zu schützen. Journalisten von der BBC  – stets um Mäßigung bemüht – wird daher dringend empfohlen, nur von einer Barriere oder bestenfalls von einer Trennbarriere zu berichten. Obwohl – vergleichbar mit der früheren innerdeutschen Grenze – an manchen Abschnitten ein Zaun, an anderen eine Mauer gebaut wurde, wäre es Parteinahme, einen dieser beiden Begriffe zu benutzen.

Der Streit um Worte findet auch im Alltag statt.

Die Israelis nennen die im Land lebenden Palästinenser Araber, um auszudrücken, dass Palästina keine eigene Nation ist, schon gar nicht eine mit eigenem Selbstbestimmungsrecht. Es handelt sich quasi nur um verstreute Araber, die ebenso in Jordanien oder Agypten leben könnten.

Im Gegenzug wird beispielsweise ein Mitglied der im Gazastreifen regierenden Hamas niemals die Worte Israeli oder  Israel in den Mund nehmen – es geht immer nur um Juden oder um Zionisten. Jüdische Siedlungen werden als eroberte bewohnte Gebiete bezeichnet – und die im Gaza-Streifen geräumten Siedlungen dementsprechend als befreite Gebiete.

Ramallah

9. März 2010

Sagen wir mal so: Wer sich Ramallah als Trümmerhaufen vorstellt, irrt sich gewaltig – die Häuser sind weiß und hoch, die Straßen breit, die Autos neu und ebenfalls breit und groß und frisch gewaschen und überhaupt scheint alles dem Besucher zuzurufen: Wir sind keine Opfer. Sieht aus wie eine Stadt in Israel, sagt Adi, als ich ihm die mitgebrachten Fotos zeige, und ein besseres Kompliment lässt sich heute schwer denken. Ich hätte gerne, dass er mitkommt, beim nächsten Mal, aber darauf entgegnet er: Sie würden mich sofort umbringen.
L., der beim Fernsehen arbeitet, sagt: Am Ende mussten wir doch wieder den Platz mit den Löwen filmen. Eine Art Kreisverkehr, die weiße Löwenstatue ist zum Symbol der Stadt geworden, an diesen Platz muss, wer sichtbar sein will in Palästina: Die Bank von Dubai, die GTZ, Coca Cola  und das Stars and Bucks, das mit seiner warmen grünen Neonlichtreklame von einer Welt erzählt, in der Grenzen nicht mehr so wichtig sind. Erst auf dem Rückweg, an der Mauer, wird wieder klar, wie es ist. Im Stars and Bucks kann man sich für einen Moment so fühlen, als wäre dies ein normaler Ort in einem normalen Land. Anders als im Starbucks wird am Tisch bedient, allerdings sind die Fensterplätze für Stammgäste und Familien reserviert. Und der Kaffee ist, nebenbei bemerkt, richtig gut.


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