Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer


Die Idee für den Film allein wäre schon einen Preis Wert gewesen.

Nach drei Jahren Wehrdienst bekommen diejenigen israelische Soldaten, die in den Kampftruppen gedient haben, die Möglichkeit, bei der Armee und auf deren Kosten das Abitur nachzuholen, die Reifeprüfung, sofern sie die noch nicht haben, um nicht völlig unvorbereitet ins Leben zurückgeworfen zu werden.

Zu dieser Reifeprüfung gehört –  ebenso wie auf den zivilen Schulen – das Fach Staatsbürgerkunde. Ein Unterricht, in dem über Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gesprochen werden soll, und über den Spagat, in einem jüdischen und demokratischen Staat zu leben, der zudem keine Verfassung hat. Die Soldaten bei diesem Unterricht gefilmt zu haben, das ist Silvina Landsmanns große Leistung – das Material ist unbeschreiblich, nahegehend, persönlich, politisch, verführerisch, lässt den Betrachter sich solidarisieren oder abwenden, mitgehen oder fremdschämen.

Leider fällt die Montage des Films dagegen ziemlich ab. Man wird den Verdacht nicht los, dass Silvina Landsmann das Material im Schnittraum eilig zusammengeschustert hat, um die Premiere auf der Berlinale noch zu schaffen, obwohl der Film nicht fertig abgedreht war. Die Aufnahmen liegen sechs Jahre zurück, mussten abgebrochen werden, weil die Regisseurin ihr drittes Kind bekam (Applaus im Publikum) und ein paar Probleme dazu (schweigen). Dass dann auch noch das Geld alle war, muss nicht eigens gesagt werden. Auf der Bühne, nach dem screening, ist ihr die Sache sichtlich peinlich. Sie will nur kleinlaut auf die ausführlichen und manchmal schon suggestiv die Antwort in sich tragenden Fragen reagieren, dann bald wirkt ihre Zurückhaltung trotzig oder schlecht gelaunt. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint sie permanent zu wiederholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Soldaten, die gerade im Libanon gekämpft haben, über Demokratie und Menschenrechte diskutierend abzufilmen? – Mir hat das Paradox darin gefallen. Punkt.

Als (im Film) der Lehrer den Klassenraum betritt und seine Lektion beginnt mit der Frage: Was ist für Euch Toleranz, antwortet einer der jungen Soldaten: Warum stellst du die Frage nicht gleich auf arabisch?

Warum hast du den Araber acht Stunden lang am Checkpoint warten lassen, fragt der Lehrer später. – Ich hätte ihn ja früher rübergelassen, und seine weinenden Kinder haben mir auch leidgetan, aber dann hörte ich plötzlich die Expolision im Ort, und ich wusste, warum ich ihn nicht rüberließ. – Und wenn der Araber gar nichts mit der Explosion zu tun hatte? – Er hat geflucht und mich beschimpft, das habe ich verstanden. Er hat mich gehasst. – Und wenn er dich hasst, weil Du ihn acht Stunden hast warten lassen? – Ich war 19! Wie soll ich denn sowas entscheiden?

Der Rest ist Kopfkino.

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7 Antworten to “Bagrut Lochamim – Die Reifeprüfung der Kämpfer”

  1. Wolf Says:

    …immer, wenn es spannend wird, beginnt das kopfkino.. 😉
    Ich würde den Film gern mal fertig geschnitten sehen.

  2. diekleinereise Says:

    @Wolf: Bei der Kleinen Reise hat auch das Unfertige seinen Platz.

  3. thelepathy (@thelepathy) Says:

    @onkelandi

    wirklich schade, dass silvina landsmann an einem solch entscheidenden punkt, wie der motivation für diesen film, nicht mehr zu sagen hatte.
    wenn man als filmemacher ein derart kritisches thema aufgreift, dann muss man dazu doch auch ’ne fundierte meinung abgeben können.
    ich werde das gefühl nicht los, dass genau diese an paralyse grenzende sprachlosigkeit symptomatisch für eine mehrheit der liberalen, idealistischen, weltoffenen israelis ist. sie wissen nur zu genau, dass in diesem staate etwas grundlegend verkehrt läuft und die reale aussenwahrnehmung (auch in deutschland) weitaus kritischer ist als das mediale echo in den mainstream- medien.
    es kommt nicht von ungefähr, dass der begriff apartheid in diesen tagen immer häufiger mit israel in verbindung gebracht wird.

    trotzdem muss ich mir den film bei gelegenheit unbedingt mal anschauen. 🙂

  4. diekleinereise Says:

    BesteR Thelepaty – sehr guter Befund, wie ich finde, bis auf den Begriff Apartheid. Der ist für ein Gesellschaftssystem reserviert, das bis in die Neunziger in Südafrika installiert war, in dem beispielsweise Liebesbeziehungen unter Menschen verschiedener Hautfarbe strafbar waren. Bestimmte Bevölkerungsgruppen waren per Gesetz von gesellschaftlichem Aufstieg ausgeschlossen. Bei aller berechtigten Kritik an Israel ist das dort nicht so. Und gerade in Kriegszuständen ist es wichtig, auf Worte zu achten. Aber die Einschätzung, dass dieses Schweigen der Intellektuellen immer mehr um sich greift, finde ich sehr treffend.

  5. thelepathy (@thelepathy) Says:

    Lieber @OnkelAndi,

    zunächst einmal danke für deine Reaktion auf meinen Kommentar, in dem ich ganz bewusst den im Zusammenhang mit Israel viel diskutierten Begriff ‚Apartheid‘ aufgeworfen habe, weil mich deine Meinung dazu interessiert. Ich schätze die kritische, sachlich-ruhige Art, mit der du bei langen Küchenradiositzungen gerne auch mal die unbequeme Gegenposition vertrittst. Klassisches Beispiel für letzteres ist KR200 Wikileaks.

    Es lag für mich daher auch nahe, mal ein bisschen in deinen Reiseberichten querzulesen, um das eine oder andere Interessante über Israel und Palästina zu erfahren. Obgleich ich bereits einige Leute aus der Region kennengelernt habe, war ich selbst noch nie dort. Die Thematik beschäftigt mich aber ziemlich intensiv. Gerade vor dem Hintergrund, dass der israelisch-palästinensische Konflikt schon sehr lange anhält, ohne dass substantielle Fortschritte erzielt werden. Im Gegenteil, die Gewalt ist in der letzten halben Dekade wieder stärker eskaliert und die aktuelle rechtskonservative Regierung Israels unter Netanjahu konterkariert mit der Fortsetzung des illegalen Siedlungsbaus jegliche Hoffnung auf dauerhaften Frieden.

    Israel steht vor dem Hintergrund des Konflikts, genau wie PA, Hamas, Hisbollah und andere Akteure, nicht erst seit gestern in der Kritik, Menschenrechtsverletzungen zu verüben. In diesem Zusammenhang wird der Begriff ‚Apartheid‘ (in unterschiedlicher Form) in Bezug auf Israel von sehr namhaften Intellektuellen, wie etwa John Pilger, Uri Avnery, John Mearsheimer, Jimmy Carter, Norman Finkelstein etc. in Analogie zum Apartheidregime in Südafrika verwendet.

    Wissenschaftler, wie z.B. Norman Finkelstein, die sich kritisch mit diesem Thema auseinandersetzen, stützen sich dabei auch auf Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch oder auf Untersuchungsberichte internationaler Menschenrechtskomissionen, wie den Goldstone-Report bezgl. des Gazakrieges von 2009.

    Ich will Norman Finkelstein als Beispiel herausgreifen, weil ich seine Literatur und Vorträge recht gut kenne. Er wendet den Begriff auf Israels Politik gegenüber der arabischen Bevölkerung in den besetzten palästinensischen Gebieten [erobert im Zuge des 6-Tage-Krieges Juni 1967 -> Gaza, Westbank und Golanhöhen (abzgl. Sinai)] an, nicht aber auf das israelische Staatsterritorium selbst, auf dem ca. 1,5 Mio. arabische Israelis gleiche staatsbürgerliche Rechte geniessen, wie Israelis jüdischer Herkunft, wie du richtig andeutest. Dabei ist es aber sehr wichtig festzuhalten, dass diese Rechte nicht für die arabische Bevölkerung in den besetzten Gebieten gilt. Sie sind keine Staatsbürger Israels, werden aber dennoch de facto in allen täglichen Belangen von Israel kontrolliert, um es mal euphemistisch zu formulieren. Finkelstein wird für diese selektive Anwendung des Begriffes übrigens auch von vielen Seiten in der Friedensbewegung kritisiert. Die „Beendigung eines israelischen Systems der Apartheid“ konstituiert nämlich ein wichtiges Element für neue pro-palästinensische Ansätze, wie BDS (=Boycott, Divestment, Sanctions), die sich internationales Recht zunutze machen wollen, um Israel mit friedlichen Mitteln zu einer Konfliktlösung zu zwingen. Nach internationalem Recht kann Apartheid gemäß des Römischen Statuts von 1998 durch den Internationalen Strafgerichtshof strafrechtlich verfolgt werden. Israel hat das Statut unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert.

    Ob man die Analogie ‚Apartheid‘ für Israel und/oder die besetzten Gebiete nun aus bestimmten Gründen befürwortet oder aus anderen Gründen ablehnt, sei hier dahingestellt. Man wird jedoch anerkennen müssen, dass der Begriff im Raum steht und Gegenstand der Diskussion ist. Der israelische Historiker Moshe Zimmermann hat das gerade erst heute Vormittag im Deutschlandfunk wieder bestätigt. Aus aktuellem Anlass, denn wie du sicherlich gehört hast, hatte es Sigmar Gabriel am Mittwoch gewagt, nach einem Besuch in Hebron den Umgang der Israelis mit den Palästinensern dort als „Apartheid-Regime“ zu bezeichnen und dafür einen deftigen shitstorm auf Facebook geerntet.

    Ich habe mir die Kommentare ein wenig näher angeschaut und fand es erschütternd, mit welcher Rohheit und Uninformiertheit da zur Sache gegangen wird. Jeglicher Versuch, die Diskussion auf einer sachlichen und faktenbasierten Ebene zu führen, wird von „pro-israelischen“ Hardlinern und opportunistischen Landsleuten, die von der Situation dort keinen Plan haben oder keinen Plan haben wollen und deutsche Kritik gegenüber Israel mehr oder weniger generell ablehnen, abgewürgt. Ehe man sich versieht wird man unter völlig absurden Begründungen zum Antisemiten abgestempelt.

    Ich weiss auch nicht, ob die Solidaritätsadressen deutscher Spitzenpolitiker für Israel an dieser Stelle hilfreich für den Friedensprozess sind, wenn hierzulande nicht reflektiert werden darf, warum Gabriel zu diesem Schluss gekommen ist. Aus meiner Sicht steht die sehr verbreitete unkritische Haltung gegenüber Israel einer Konfliktlösung eher im Wege. Durch freundschaftliches Schweigen und hin und wieder eine halbherzige Ermahnung aus Regierungskreisen wird in Israel jedenfalls kein Bulldozer gestoppt. Ich bin mir sicher, dass du, als Insider in mehrerer Hinsicht, dieses ähnlich kritisch siehst.

    Beste Grüße,

    Roland (@thelepathy)

    P.S. Anbei noch drei Links.

    1) Wikipedia zum Thema „Israel und die Apartheid-Analogie“

    http://en.wikipedia.org/wiki/Israel_apartheid

    2) Q&A mit Norman Finkelstein und Chris Hedges, Lannan-Foundation, 06.12.2011.

    Er geht ab ca. 06:40 auf die Begriffsverwendung ein. Würde dir aber die gesamte Session empfehlen, weil es einfach ein Genuss ist, Finkelstein zuzuhören. Er ist nicht nur ein feiner Denker und Rhetoriker mit breitem Hintergrundwissen, sondern auch hin und wieder sehr amüsant. Spricht hier u.a. auch noch über seinen Dissens mit Mearsheimer& Walt zu deren Thesen über den Einfluss der Israellobby in der amerikanischen Politik – höchst interessant!

    http://podcast.lannan.org/2011/12/14/norman-finkelstein-with-chris-hedges-conversation-6-december-2011-video/

    3) DLF-Interview mit Moshe Zimmermann 17.03.2012

    http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio85486.html

  6. Arvid Says:

    Der Facebook Gefaellt mir Button wuerde sich gut im Blog machen, oder finde ich ihn nur nicht?

  7. diekleinereise Says:

    @Arvid Doch, auf der Startseite unter den Artikeln. Danke fürs Liken!

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