Ben Gurion Security Upgrade


Wer als Ausländer, als Journalist, als Mitarbeiter einer humanitären Organisation oder auch nur als Israeli einer Minderheitenkonfession regelmäßig über den internationalen Flughafen Ben Gurion ein- und ausreist, kennt die ausführlichen Befragungen des dortigen Sicherheitspersonals besser, als ihm lieb ist. Schon in der langen Schlange vor dem Einchecken treffen junge, studentisch wirkende Angestellte mit gutem Englisch eine Art Vorauswahl der Reisenden. Es gibt eine Schlange für die Unauffälligen und Loyalen – in der Regel jüdische Israelis, sogar mit nichtjüdischem Anhang, sofern dieser nicht durch andere Eigenschaften als verdächtig gelten muss. Wer auf  israelische Begleitung zurückgreifen kann, sollte sie zum Flughafen mitnehmen und in der Schlange für sich bürgen lassen, bis das Gepäck durchleuchtet, durchsucht und eingecheckt ist, denn die Anwesenheit eines Landsmannes oder einer Landsfrau wirkt ungemein beruhigend auf das Personal.

Wer allerdings auch nur potentiell gefährlich sein könnte, der wird in die schlechte Schlange geschickt. Dort finden sich Reisende aus aller Herren Länder, plus diejenigen Israelis, die durch ihre Begleitung das Recht auf die gute Schlange verwirkt haben. Es folgt ein erstes Interview, wer es ohne Beanstandungen absolviert, wird weiter eingeteilt, muss unter Umständen das Gepäck öffnen und inspizieren lassen, oder kann gleich zum Einchecken an den Schalter. Die Befragenden machen recht bald klar, dass die Befragten keinesfalls persönlich schuldig oder verdächtig sein müssen – denn möglich ist auch, dass sie, ohne es zu wissen, von Dritten benutzt werden. Es könnte sein, sagen sie, dass Ihnen jemand einen Gegenstand mitgegeben hat, der harmlos aussieht, der aber eine Bombe ist.

Die Gespräche in der Schlange verlaufen immer nach dem gleichen Muster. Schon auf die Einstiegsfrage: What is the purpose of your visit? – sollte man eine kongruente Antwort parat haben. Wobei die Antwort keineswegs gefällig sein sollte, sondern stimmig. Wer kam, um ein Waisenhaus in Ramallah zu unterstützen, sollte das sagen. Von Lügen ist ohnehin abzuraten; die zu erkennen, gehört offenbar zur Ausbildung. Wer also seinem Waisenhaus in Ramallah ein paar Euros und alte Computer gebracht hat und bei der Gelegenheit mit ein paar PLO-Granden Tee getrunken hat, sollte nicht behaupten, er sei Pilger und nur wegen der Heiligen Stätten gekommen.

Darüber hinaus gilt: Eine Geschichte reicht. Wer zwei Gründe hat zu kommen oder mehr, hat ein Problem.

Ich hatte mindestens drei und habe den Fehler gemacht, einen verheimlichen zu wollen. Grund eins war meine Frau. Grund zwei ein Theaterstück. Grund drei ein Interview mit Arik Ascherman, einem der rührenden Rabbiner, die sich für Menschenrechte auch für Palästinenser einsetzt und an jedem Wochenende versucht, mit der Thora in der Hand eine Katastrophe zu verhindern. Die ersten beiden Gründe gab ich zu, den dritten wollte ich verschweigen, um die Debatte abzukürzen, und das war ein Fehler. Darüber hinaus hatte ich noch eine kaum verheilte Schnittwunde im Gesicht, knapp über dem rechten Auge, die von einem Nagel herrührte, der in der von uns angemieteten Wohnung nahe des Gordon-Strandes in einem Regal stak, auf dem Kerzen standen und das mir nach einer heftigen Bewegung auf den Kopf gefallen war. Die Verletzung sah aber schlimmer aus, als sie war, man musste quasi Gewalt als Ursache vermuten.

Hinzu kommt, dass ich es bereits gewohnt bin, immer wieder meine Afghanistanreise von 2004 nachzuerzählen, von der ein ganzseitiger Stempel zeugt, und detailliert zu erklären, warum ich in Dubai ein Hotel genommen habe, und welches, wie das Wetter war (wie wohl, in Dubai), was ich den Tag über getan habe (was schon, in Dubai) und mit wem. Ebenso geläufig ist mir der immer wieder vergebliche Versuch, den Befragern klar zu machen, dass Afghanistan zwar ein islamisches, aber kein arabisches Land ist (dieser Unterschied kommt im israelischen Schulsystem eindeutig zu kurz), und im Übrigen im Jahr 2004 keinesfalls unser Feind war. Sondern eher ein befreundetes Land. Aber zu dieser historisch-geographischen Unterrichtseinheit kam es zuächst gar nicht, denn die Tatsache, dass diese Stempel in meinem Pass waren, ich aber nicht als Journalist im Land war, sondern einen privaten Grund angab, nämlich meine Frau, und dann da noch ein Theaterstück gewesen sein soll, punpte kleine Schweißperlen auf die Stirn meiner Vorbefragerin.  Hektisch lief sie hin und her und ließ mich in der Schlange warten. Ein bisschen erfüllte mich das mit Befriedigung. Denn bei meinen letzten Ein- und Ausreisen war ich ausgesprochen leicht durchgekommen, was mich nicht wenig  in meiner Eitelkeit gekränkt hätte. Immerhin hätte ich auch ein gefährlicher Terrorist sein können. Oder traut man mir das etwa nicht mehr zu?

Also: zwei Geschichten gleichzeitig und eine, die ich versuchte zu verheimlichen, was meine Körpersprache aber offenbar verriet, bescherten mir endlich einen Ben Gurion Security Upgrade. Ich bekam einen Termin beim Supervisor. Der kam natürlich nicht sofort, sondern erst nach 30 Minuten. Denn Spezialisten wie er sind selbstverständlich sehr beschäftigt.

Als er kam  – ein Mann kaum älter als dreißig, dessen Erscheinung ein eindruckvolles Zeugnis von der Überlegenheit der israelischen Küche ablegte –  nahm er mich beiseite und ließ mich erst mein Gepäck öffnen. Ganz ruhig, wir haben Zeit, sagte er, wobei er hätte wissen müssen, dass dies für mich nur eingeschränkt galt. Ein großer Teil der Pufferzeit, die jeder Reisende am Ben Gurion einplanen muss, war bereits durch Warten draufgegangen, und mindestens zwei weitere Checks, ein Grenzübertritt und mehrere Schlangen warteten noch.

Im nun folgenden Gespräch entblätterte der Mann seine Fragetechnik, die im Vergleich zu den Vorsortierern deutlich verfeinert war. Als ich auf die Frage, welches der Grund meines Besuches sei, wahrheitsgemäß antwortete, formulierte er spitz: Nein, ich möchte nicht wissen, warum Ihre Frau gekommen ist. Warum sind SIE gekommen?
– Um das Theaterstück meiner Frau zu sehen.
– Für ein einziges Theaterstück fliegen Sie nach Israel?
– Es ist eben nicht irgendein Theaterstück. Meine Frau hat es geschrieben.
– Wie hieß denn das Festival, auf dem es aufgeführt wurde?
– Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.
– Dann haben Sie doch sicher eine Eintrittskarte.
– Wie gesagt, meine Frau hat das Stück geschrieben. Ich stand auf der Gästeliste.
– Wer stand denn noch auf der Gästeliste?
– Woher soll ich das wissen.
– Kennen Sie die Person, die Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Naja, meine Frau.
– Waren Sie dabei, als Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat?
– Natürlich nicht! Ich habe anderes zu tun.
– Woher wissen Sie dann, dass Ihre Frau Sie auf die Gästeliste geschrieben hat? Usw. Usf.

Dann musste ich jeden einzelnen Tag meiner Reise dokumentieren. Das war meine Achillesferse. Als ich zugeben musste, dass ich in Jerusalem gewesen war – was keine privaten Gründe haben konnte, weil die Familie meiner Frau aus Tel Aviv stammt und deshalb niemals freiwillig nach Jerusalem fährt – wurde er stutzig. Was genau haben Sie sich denn in Jerusalem angesehen, fragte er.

Darauf hin bricht meine Abwehr zusammen. Ich gestehe ihm  mein Interview mit Rabbi Arik Ascherman.

Also haben Sie doch gearbeitet, ruft  er triumphierend, aber nicht böse, eher befriedigt über den Erfolg seiner Interviewmethode.  Seine Laune wird  nun, da er einen Hebel gefunden hat, immer besser. Da haben Sie doch sicher eine  Aufnahme.  Natürlich habe ich die, sage ich.  Können Sie mir die vorspielen? Es ist schön, erwidere ich mit bitterer Miene und immer mit einem Auge auf der  Uhr an der Wand, so viel Aufmerksamkeit für meine Arbeit zu bekommen. Ich krame meinen MP3-Player heraus und suche die Datei mit dem Rabbiner. Das dauert. Ich schwitze. Ich fluche.  Nur die Ruhe, sagt er. Dann habe ich die Datei gefunden und spiele sie ihm vor. Nach wenigen Sekunden sagt er: Ok. Genug. – Aber das Interview hat doch noch gar nicht angefangen! Rabbi Ascherman referiert am Anfang über etwas völlig anderes. Das ist dem Mann egal. Ich muss den Rekorder abstellen und wieder einpacken.

Nun macht er sich über meinen Reisepass her. Mit der Genauigkeit eines Pathologen seziert er jeden Stempel einzeln, dabei bewegen sich seine Lippen stumm, er hält den Ausweis gegen das Licht, nimmt sich viel Zeit, ganz so, als könnten diese Stempel eine Auskunft geben über das ganze Rätsel meiner Existenz. Als er fertig ist, fragt er: Warum haben Sie, aus allen Ländern, ausgerechnet Afghanistan ausgewählt, um dort Journalisten auszubilden? Nun lag es mir auf der Zunge zu antworten: Weil sie mich in der Schweiz nicht brauchen! – aber ich sagte, wahrheitsgemäß: Ich wollte was erleben. Es war eine einmalige Gelegenheit, dorthin zu fahren. -Und in welchen anderen arabischen Ländern waren Sie? – Afghanistan ist kein arabisches Land! Ganz im Gegenteil!! – Ich weiß, sagte er, also: in welchem anderen arabischen Land waren Sie?

Erst 45 Minuten später, und nachdem er den Vater meiner Frau angerufen hatte, aber von einem dienstlichen, vermutlich abhörsicheren und nicht manipulierbaren Mobiltelefon, lässt er von mir ab. Die Stimme und der Tonfall eines der Seinen, die ihm sagen, jaja, ich kenne ihn, die Geschichte mit meiner Tochter stimmt, ich weiß auch nicht, warum der in diese ganzen Länder fahren muss, usw, beschwichtigen ihn.  Ich erreiche mein Flugzeug im Laufschritt.  Über dem Mittelmeer schließe ich die Augen.

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2 Antworten to “Ben Gurion Security Upgrade”

  1. Roland Thele Says:

    Den Text fand ich klasse, Andi!
    Eine Anekdote mit dem Potenzial, selbst beim Leser unangenehme Gefühle aufkommen zu lassen.
    Mach doch mal eine Reportage vom Ben Gurion Airport für den DLF /DRKultur, bei der du den Beteiligten ausgiebig auf’s Maul schaust… da reisen doch bestimmt Menschen jeglicher couleur ein und aus!
    Da muss es doch Geschichten zu erzählen geben… Leute, die zurückgewiesen werden, Kleinigkeiten, die zum Security Upgrade führen, aber auch welche Erfahrungen die Leute, die dort arbeiten, gemacht haben, was für sie Werte wie Freiheit und Sicherheit bedeuten, welche genauen Kriterien im Umgang mit Fluggästen gelten (auch bei den Befragungen), wie sie zu umstrittenen Dingen, wie zB der Farbmarkierung der Koffer (die 2007 wieder abgeschafft wurde) stehen.
    Schade, dass Cindy zu oft in der Türkei war. Ihr beide wärt sonst ein spitze Tandem dafür gewesen… obwohl, wenn ich länger drüber nachdenke, vllt. nicht gerade am Ben Gurion Airport. 😉

  2. Chris Says:

    Interessanter Beitrag!
    Bin selbst erst gestern wieder vom Ben Gurion gen Heimat geflogen und hab diesmal erstaunlich schnell (2 Std.) eingecheckt.
    Von harmlosen Dingen wie dem ausführlichen Zeigen und Erklären aller Urlaubsbilder auf der Kamera bis hin zum Offenlegen der Facebook-Gespräche und Konto-Aktivitäten ist dort wirklich alles möglich. Schon oft schwirrte mir da die Frage im Kopf, was die Beamten eigentlich alles dürfen.

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