Carlo Strenger und die orthopädische Mission des Zionismus


Carlo Strenger ist ein geduldiger Mann. Seit Jahren wiederholt er seinen Vortrag vom Ende der israelischen Gesellschaft wie ein Mantra, mal vor Zuhörern in Israel oder Abroad, mal als Autor der englischsprachigen Haaretz, wo er, wie er es selbst sagt, an der tagtäglichen Polemik teilnimmt. Eigentlich ist Carlo Strenger Psychologe. Das erklärt vielleicht seine Geduld, und seine Bereitschaft, auch kleinste therapeutische Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen – und Rückfälle ins Pathologische nicht allzu tragisch zu nehmen. Seit vielen Jahren ist Israel Carlo Strengers Patient.
Am Anfang, sagt er, hat der Zionismus vor allem eine orthopädische Mission gehabt. Es ging darum, den von tausenden Jahren der Diaspora gebeugten Juden wieder gerade hinzustellen. Nur über die Methode gab es mehrere Ansichten, etwa die von Staatsgründer Ben Gurion, der glaubte, durch die ehrliche Arbeit des Bauern und des Gärtners werde sich die Wirbelsäule erholen und von allein wieder aufrichten, während Wladimir Jabotinsky, der schon im Ersten Weltkrieg die Jüdische Legion mitgründete, darauf vertraute, dass das Geraderecken vor allem durch das Gewehr, das dem Neuen Juden über der Schulter hängt, besorgt würde. An Israeli, that’s a Jew with a gun sagt deshalb auch ein weit verbreitetes Graffito in Tel Aviv.
Folgt man dort dem Verlauf des nach Jabotinsky benannten Boulevards kaum sieben Kilometer, gelangt man nach Bnei Berak, ins Viertel der Ultraorthodoxen, in dem alles so ist, als hätte es den Zionismus mit all seinen emanzipatorischen Aspekten nie gegeben. Die Kleidung seiner Bewohner gleicht dem des polnischen Adels im 18. Jahrhundert, Frauen dürfen bis auf Hände und Gesicht keine Haut zeigen, wenn sie verheiratet sind, auch keine Kopfhaare, was  in der Regel spätestens mit 20 Jahren der Fall ist. Eine nach üblicher Mode gekleidete Frau aus Tel Aviv gelangt heute gar nicht mehr ins Zentrum von Bnei Berak, wenn sie sich dem Dresscode nicht unterwirft, schon gar nicht im Sommer. Der Staat Israel wird abgelehnt, zwar schicken die aschkenasischen Ultraorthodoxen immer wieder Vertreter in die Regierung des Landes, dies aber nur unter Protest und niemals mit dem offiziellen Titel eines Ministers. Die Diaspora ist nach ultraorthodoxer Ansicht die Strafe Gottes für die Sünden der Söhne und Töchter Israels. Das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zu ändern, wie es die Zionisten vorschlagen, ist daher Gotteslästerung. Zur Staatsgründung gab es wenige hundert Charedim, Gottesfürchtige, die das Privileg erhielten, keinen Militärdienst leisten zu müssen und auf Kosten des Staates die Schriften zu studieren. Heute sind es mindestens 700.000, das sind 10 Prozent der Bevölkerung Israels.
Carlo Strenger erzählt all dies ruhig und will sicher sein, dass ihn alle im Raum verstehen. Er will wissen, was er erklären muss, und was nicht. Eine Weile lang, sagt er, haben die Säkularen geglaubt, dass all dies nur ein Umweg ist auf dem Weg zu einem Staat, in dem eine homogene Bevölkerung von Aufrechten lebt, der irgendwann Wirklichkeit werden muss, Soldaten, Bauern, Wissenschaftler.  Bei diesem Satz klingt seine tiefe Stimme, gefärbt von einem unbestimmten, vielleicht Wienerischen Einschlag, zum ersten Mal sehr traurig.

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