Das Glück der Zikaden



Manchmal ist es nur ein einziger Satz, mit dem ein Autor seinen Leser gefangen nimmt, manchmal nur eine einzige Wendung, oder ein Dialog, mit dem er ihn, der nur ein Gast in seinem Roman ist, dazu bringt, zu bleiben, ihn an die Geschichte bindet, weil er nun glaubt, er sei ein Teil von ihr. Kafka macht das in seinem Prozess mit dem ersten: Jemand musste Josef K. verleumdet haben, heißt es da, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Bei James Joyce ist es ohne Zweifel der dritte Satz: – Introibo ad altare Dei. Manche sagen, bei Musils Mann ohne Eigenschaften ist es jeder Satz, andere sagen, keiner aller seiner Sätze, und bei Brecht genügt schon das – Hoppla – seiner Seeräuber-Jenny, um das meiste von dem zu sagen, was er und vielleicht Marx, auf jeden Fall aber Brecht, Marx und Castorf zusammen überhaupt zu sagen hatten.
In Larissa Boehnings letztem Buch erledigt diesen Job ein allein stehender Absatz, auf Seite 51, und diese Zahl kann kein Zufall sein:
Die Außenminister schlossen den Nichtangriffspakt, lässt die Autorin die Erzählerin sagen, und Nadja stellte ein daumennagelgroßes Stalin-Bild so zwischen das gute Geschirr von Tante Ingje, daß nur sie es sehen konnte. Jeden Morgen, wenn sie die Küche betrat, grüßte sie ihren gutmütigen Herrn mit den treuen Augen und dem sympathischen Walroßbart, gegen den Tante Ingjes Hitler eine Karikatur von einem Führer war, blaß, häßlich und mit einem so kleinen Schnauzer, daß es wirkte, als wüchse ihm ein haariger Bremsklotz unter den Nasenlöchern.

Mach eine Grube, und wirf sie hinein, so steht es beim apokryphen Propheten Henoch. Bedecke sie mit Finsternis, und gemeint damit sind die Dämonen, die so aus der Welt geschubst werden sollen, Larissa Boehning aber hat verstanden – und es in diesen kleinen Absatz wie kondensiert hineingepackt, dass diese Dämonen nicht verschwinden, wenn wir sie tief im Dunklen vergraben, sondern dass wir sie ganz im Gegenteil ans Licht holen müssen, damit sie ihren Schrecken verlieren. Das Verborgene bergen, das Ungesagte aussprechen, Salz auf die Wunde, dann schließt sie sich, das ungelebte Leben leben. Davon handelt dieses Buch.
Beim Propheten Jesaja lautet der eine Satz, der sein ganzes Buch umfasst, und der, nebenbei bemerkt, auch der Grund dafür ist, dass er nicht apokryph geblieben ist: Über denen, die da wohnen im Lande der Finsternis, scheint es hell.

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