Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten



Die französische Revolution ist ausgebrochen, nachdem es die Händler in Paris gewagt hatten, die Weinpreise zu erhöhen – und die Obrigkeit dies geschehen ließ, weil es ihr gleichgültig war – wohl auch, weil sie die Nachricht gar nicht erreichte. Marie Antoinette soll, als man sie darüber informierte, dass die Massen auf den Straßen nach Brot riefen, gefragt haben, warum sie denn dann keinen Kuchen äßen – und die Interpretation, dass die Spott oder Sarkasmus war, ist nur eine von mehreren möglichen. Es könnte auch einfach nur Einfalt gewesen sein. Die Erhöhung der Brot- und Ölpreise hatte der Dritte Stand übrigens noch murrend hingenommen, aber beim Wein hört eben alle Gemütlichkeit auf. So ist es auch in Israel: Der Tag an dem der Preis für Kotidsch, nicht mehr als ein simpler Hüttenkäse, für viele aber Grundlage einer ausgewogenen Ernährung – um nicht zu sagen: Fleischersatz – angehoben wurde, etwa um die Hälfte, war der Tag, an dem die Zeltrevolution ausbrach, bei der es nicht um Demokratie geht, wohl aber um Menschenrechte. An diesem Samstag waren 300 Tausend Menschen im ganzen Land auf den Straßen, und was sie wollen, klingt gering: ein bezahlbares Leben. In den Großstädten, in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sind die Wohnungen, die junge Paare kaufen müssen, um eine Familie zu gründen – und mieten ist in der Regel keine Option – längst so teuer, dass sie in einem ganzen Leben nicht zurückgezahlt werden können – selbst wenn beide verdienen. Die Preise steigen, die Löhne nicht. Es gibt in Israel schon längst keine Sozialpolitik mehr, dass der Krieg der Grund dafür sein soll, glauben die Demonstranten nicht – in den Siedlungen auf der besetzten Westbank übrigens, auf Land, das umstrittten ist, sind die Wohnungen nach wie vor bezahlbar – dort gibt es die Subventionen, die im Kernland fehlen. Großsiedlungen wie Ariel bestehen deshalb überwiegend aus Wirtschaftsflüchtlingen – schon deshalb darf der Krieg nicht enden, und die besetzten Gebiete dürfen nicht zurückgegeben werden – denn dann wäre jede Regierung gezwungen, sich mit den sozialen Problemen zu befassen, die sie bislang ausblenden konnte – bis zur Zeltrevolution.
In Berlin ist auch schon ein Zelt gesehen worden: Vor der israelischen Botschaft in Grunewald. Fünfzig Minuten lang soll es gestanden haben, bis die Polizei die – aus neun Personen bestehende – Demonstration auflöste, weil sie nicht angemeldet war. Die Revolutionäre haben also schlicht vergessen, ihre Bahnsteigkarte zu lösen.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Brot, Öl, Wein und Hüttenkäse: In Zelten”

  1. Roland Thele Says:

    Interessantes Eindrücke aus dem Herzen Israels, welches offenbar ganz ähnliche soziale Entwicklungen durchlebt, wie die europäischen Nachbarn.

    In einem muss ich dir aber deutlich widersprechen, OnkelAndi, – die israelischen Siedlungsgebiete im Westjordanland sind mitnichten umstritten.
    Sie sind schlicht und einfach ILLEGAL nach internationalem Recht.
    Der internationale Gerichtshof in Den Haag hat am 9.Juli 2004 mit einstimmigem Votum (15:0) festgestellt, dass Ostjerusalem, Gaza und das Westjordanland besetzte palästinensische Gebiete und die israelischen Siedlungen im Westjordanland gem. Artikel 49 der 4.
    Genfer Konvention illegal sind.

    Siehe:

    http://www.icj-cij.org/docket/files/131/1677.pdf

    Israel bricht mit seiner Siedlungspolitik tagtäglich internationales Recht. Und es ist fast schon zynisch, dass dies staatlich subventioniert wird und damit der Krieg/ewige Konflikt andauert, während im israelischen Kernland die Gelder fehlen, wie du völlig richtig darlegst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: