Die geistigen Brandstifter



Von Ernst Jünger wird behauptet, dass er sich in seinen späten Fünfzigern und frühen Sechzigern nahezu jeden Morgen „gesellschaftsfein gekleidet“ für mehrere Stunden in einen Stuhl setzte und teilnahmslos vor sich hin starrte. Er störte nicht, verlangte nichts und bat auch nicht um Ruhe, war aber einfach nicht da. Erst nach dieser täglich wiederkehrenden eigenartigen Existenz-Pause erhob er sich, aß, sprach, begann zu telefonieren, zu schreiben, zu korrespondieren, kurz: war er wieder Ernst Jünger. Er selbst hat sich zu dieser Angewohnheit nur später und recht distanziert geäußert, sprach von einem „recorso“ eines alten Leidens. Seine Biographen vermuten eine Depression, und nur vereinzelt wagen Exegeten die Interpretation, die meiner Ansicht nach am nächsten liegt: Er versuchte, sich über seine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg klar zu werden. Nun kann man Jünger auch beim schlechtesten Willen nicht vorwerfen, mit dem Nationalsozialismus gemeinsame Sache gemacht zu haben. Seit seinem „Arbeiter“, einer theoretischen Arbeit von 1932, hatten auch diejenigen Nazis ihn als ihren Feind erkannt, die vorher wegen seiner den Krieg verherrlichenden Prosa mit ihm sympathisiert hatten. Während des Dritten Reiches veröffentlichte Jünger die „Marmorklippen“, die ohne weiteres als Aufruf zum Widerstand gegen Hitler gelesen werden konnten und auch wurden, die SS griff ihn mehr als einmal verbal an, dass er sein Leben retten konnte, verdankt er wohl dem Umstand, dass er ab 1939 in der Wehrmacht war, wo einflussreiche Helfer die Hand über ihn hielten. Jünger hat im Krieg seinen ersten Sohn verloren, er starb bei einem Himmelfahrtskommando in den Marmorbrüchen von Carrara – ein Umstand, den er lange nicht verwandt, zu offen trat hier die Absicht zutage, Rache zu üben an ihm, und wenn schon nichtan ihm, dann stellvertretend an seinem Kind, was, wie hier kaum erklärt werden muss, viel schlimmer ist. Wenn wir uns also Ernst Jünger im Anzug vorstellen, jeden Morgen im Wohnzimmer sitzend, schweigend und auf Ansprache nicht reagierend, glauben wir, dass er ausschließlich über die Frage grübelte, welchen Anteil er bloß an der Katastrophe hatte – denn wenn er auch kein Nazi war – und übrigens auch kein Judenfeind – so hat er doch in seinen Schriften mit dazu beigetragen, dass der Wert des Einzelnen nicht länger geachtet wurde, sein Schwadronieren vom großen Malstrom der Geschichte, sein Brambasieren von der veredelnden Auslese des Krieges trugen dazu bei, die Grenzen des Humanismus weit ins Unmenschliche hinein zu verschieben. Der Mensch war für ihn ein Rad, eine Ameise, ein Staubkorn, und wenn er diese Analyse auch meist mit Gesellschaftskritik verband, war das Entwertende das, was blieb. Jünger war kein Feigling, und am Ende seines Lebens stand er zu seinen frühen Brandstiftungen. 50 Millionen Tote und ein gefallener Sohn – Reue ist deshalb ein viel zu kleines Wort für das, was ihn für Jahre täglich erstarren ließ.
Seit dem vorigen Wochenende fragen wir uns, wer heute Anlass hätte, den Laptop ausnahmsweise einmal auszulassen und sich, ordentlich angezogen, in den Lehnstuhl zu setzen und nicht wieder aufzustehen, nicht zu sprechen, auch nicht zu telefonieren, und vor allem nicht zu veröffentlichen, bis klar ist, welchen Beitrag die vielen Reden von der Überfremdung, von der Islamisierung Europas, von der Talibanisierung der Gesellschaft und weiß der Kuckuck was noch alles geleistet haben könnten, um einen Einzelnen glauben zu lassen, er habe das Recht, mit einer Bluttat die Geschichte zu verändern.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

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Eine Antwort to “Die geistigen Brandstifter”

  1. Aki_Brasil Says:

    Liebe kleine Reise,

    In diesem Fall möchte ich Euch doch einen Aspekt zu bedenken geben, damit hier nicht die Ursache mit dem Symptom verwechselt wird. Zwar gibt es diese geistigen Brandstifter ganz bestimmt – auch hierzulande. Aber das Schweigen, das Verdrängen scheint mir hier kein geringeres Problem zu sein. Wenn tatsächlich ein solch unfassbar grausamer Verbrecher nicht einfach ein isolierter Geisteskranker ist, sondern durch die vielen rechtsradikalen/rechtspopulistischen Maulhelden in seinem Wahn befeuert wird, dann stellt sich doch die Frage nach dem Nährboden dieser Hetzer.
    Warum kocht diese rechte Suppe so ekelhaft vor sich hin? Liegt es wirklich an „sanktionsloser Meinungsfreiheit“ und der Blindheit gegenüber der Taktik, dass Tabus bespielt werden, die man angeblich bedauert? (Schirrmacher über Sarrazin in der F.A.Z).
    Oder trifft nicht vielmehr zu, was Hans Hütt in der selben Zeitung über den Massenmörder Breivik schreibt: „Weil aus seinem Text … der Chor der Erniedrigten und Beleidigten spricht, die im Ausdruck ihres Hasses auf alle und alles zu grandioser Form finden. Er ist ein gut erzogenes Kind aus der Mitte der Gesellschaft, der den Stolz der arabischen Straßenkämpfer bewundert, ihn sich zu eigen macht, um sie zu schlagen. Der Kämpfer, der aus ihm spricht, ist nicht zu schlagen – nicht wegen seiner Waffen, seiner Umsicht, seiner Klugheit, sondern weil er bloß ein Kopf unter vielen dieser Hydra ist, die sich aus dem Manifest erheben.“

    Die Antwort auf dieses Verbrechen sollte nicht Schweigen, Verdrängen, gar Unterdrückung der Diskussion sein, sondern eine offene Auseinandersetzung mit den/unseren Ängsten und Fragen. Die Konflikte der Zuwanderung oder auch der Finanzkrise müssen in einem demokratischen Prozess unbedingt offen ausgetragen werden. Wir müssen tatsächlich intellektuelle Debatten aushalten und den Streit über die politische Ordnung suchen. Wir werden den Hetzern keine Denk- oder Redeverbote auferlegen können, sondern die besseren Ideen haben, Angebote für einen lebendigen demokratischen Raum machen müssen. Eine Idee, wie alle Staatsbürger an den Werten einer aufgeklärten Gesellschaft partizipieren können und wie unsere (globalisierte) Identität in Zukunft aussehen soll. Wenn wir die Antwort schuldig bleiben, dann können wir den Fanatikern auch nicht in ihre Suppe spucken, sondern wir werden Teil der gesamtgesellschaftlichen narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Breivik, „ein Kind der Mitte, ein Kind unserer Welt“.

    Der wahre Schrecke und Alptraum bricht aus, wenn jemand oder auch ein staatliches Gebilde seine innere Leere (schweigend!) mit Hass und Wut füllt.

    Mit herzlichen Grüßen
    Aki Brasil

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