Die Insel Isrotel



Tel Aviv wird oft, vielleicht in Ermangelung passender Vergleiche, eine Blase genannt. Dies deshalb, weil man hier abgeschottet sein kann, vom Krieg in der Nachbarschaft nichts spürt, sofern man das nicht will. Tel Aviv schwebt, die ganze Stadt träumt – von hier aus ist ein Ort wie Gaza genauso weit entfernt, wie von Deutschland aus – wenn nicht weiter. Alle schließen die Augen, und tun so, als wäre nichts. Für Journalisten, die dieses Land vorübergehend bewohnen müssen, ist das mitunter nicht einfach. Nach einem Tag in den besetzten Gebieten kann das das vollends Ungerührte des Lebens auf den Boulevards von Tel Aviv schwer erträglich sein, und der Drink am Strand will nicht schmecken, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Glas. Adi sagt immer: Was willst Du – haben wir nicht das Recht auf ein normales Leben, auf Tratsch und Ehekrisen und Gewichtsprobleme und nichtssagende TV-Serien und die Klage über den Steuerbescheid, und das Recht, mit kleinen Hunden spazieren zu gehen? Haben wir es etwa nicht verdient, dass uns das Unrecht da draußen genauso gleichgültig ist wie Euch?
Glaubt man Adi, dann ist die Blase von Tel Aviv eine echte Errungenschaft.
Für den deutschen Denker Peter Sloterdijk findet menschliches Leben ganz ausschließlich nur in Blasen statt. Von der Fruchtblase im Mutterleib bis zum Sauerstoffzelt auf dem Sterbebett, leben wir, unterbrochen nur von wenigen luziden Momenten echter Aufmerksamkeit, immer nur in den Mikrokosmen unserer gewählten Beziehungen – und die ungewählten bleiben draußen. So gesehen ist Tel Aviv eine besonders menschhafte Stadt.
Ihr blasenhaftes Wesen zeigt sie besonders gut im Isrotel, zweite Reihe hinter der Strandpromenade, von der ganzen Stadt aus zu sehen. Schon von außen bedeutet das Gebäude jedem, dass es nicht dazu gehört, nicht dazu gehören will, dass es quasi gar nicht wirklich hier ist. Als gigantische graue Säule ragt es in den Himmel, es passt zu nichts, was neben ihm steht, auch nicht zu den konventionellen Hotelhochhäusern, dem Hilton oder dem Savoy. Auf seinem Dach thront eine untertassenförmige Plattform. Dies ist kein Hubschrauberlandeplatz. Es ist das Schwimmbad des Hotels – schwimmen kann man nicht wirklich in ihm, dazu ist es zu flach und zu klein, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, oben zu sein, weit über denen da unten, über den Autoschlangen zwischen den Häuserschluchten, und die vielen kleinen Menschlein am Strand sind von hier aus kaum mehr als Statistik. Ein Satz wie: Selbst in den Jahren der Intifada starben in Israel zweimal mehr Menschen an Verkehrsunfällen, als an den Folgen des Konflikts, formulieren sich hier oben ganz leicht. Hier, am Pool des Isrotel, ist man gelassen und beobachtet – und muss nicht einmal hinsehen, wenn es unangenehm wird. Man kann sich ja umdrehen. Die beiden Hubschrauber des Militärs fliegen nach Süden, vielleicht um aufzuklären, vielleicht, um zurückzuschlagen, wer weiß. Manchmal dröhnen hier auf Augenhöhe die führerlosen automatischen Fluggeräte vorbei, im Landeanflug auf den innerstädtischen Flughafen ein Stück weiter nördlich.
Journalisten lieben dieses Hotel.

Das war die kleine Reise, Beschwerden bitte hier: Beschwerdebuch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: