Benennung ist Macht: Die Sprache des Konflikts


Die Sprachverwirrung beginnt genau genommen schon bei der Frage, wie dieses Land eigentlich heißen soll.

Die Israelis meinen, wenn sie von Israel sprechen, das ganze Gebiet vom Mittelmeer bis zum Jordan, auch Gaza, Ramallah und Nablus werden wie selbstverständlich dazu gezählt. Ebenso selbstverständlich nennen die Palästinenser genau das gleiche Gebiet Falestin, auch Tel Aviv mit seinem Rothschildboulevard. Während in Israel jedes Jahr im Mai die Unabhängigkeit gefeiert wird, ist dies für Palästinenser ein Trauertag, er erinnert sie in die Nakba – die Katastrophe. Und wenn Israel als Staat gemeint ist, spricht man auf palästinensischer Seite nur vom zionistischen Gebilde.

Ausländer, die nicht in Fettnäpfchen treten wollen, sind gut beraten, vom Heiligen Land zu sprechen, das hören beide Seiten gern, und jeder weiß, was gemeint ist. Deutlich schwieriger wird die Sache, wenn es um die im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebiete westlich des Jordans geht – Yehúda ve Schomrón, also Judäa und Samaria ist das für die jüdischen Siedler, um klar zu machen, dass es um das Kernland des historischen Israels geht. Wer behauptet, in die Westbank zu fahren, kann sich unbeliebt machen, diese eigentlich neutrale Bezeichnung steht unter Verdacht, die biblische Vergangenheit des Landes unter den Teppich kehren zu wollen.

Aber auch die meisten Israelis, die durchaus bereit wären, einen palästinensischen Staat in Gaza und im Westjordanland zu akzeptieren, würden nie von besetztem Gebiet sprechen, wenn die Rede von Ostjerusalem ist – oder von den Golan-Höhen – obwohl diese völkerrechtlich recht eindeutig zu Syrien gehören. Im Westjordanland wird es noch komplizierter: Die Meinungen unter Israelis gehen sehr weit auseinander, ob es besetzt ist, umstritten oder befreit. Um Streit aus dem Weg zu gehen, wird zunehmend nur noch von Gebieten gesprochen –  Schtachim.

Die Sperranlagen, die im Westjordanland Juden und Araber trennen, werden auf hebräisch umgangssprachlich Zaun genannt – Gadér. Das Wort Mauer dagegen wird vermieden. Die offizielle israelische Sprachregelung lautet Sicherheitszaun. Die Palästinenser dagegen nennen das selbe Bauwerk Apartheidsmauer – denn es wird unterstellt, dass sie nur gebaut wurde, um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Die Israelis dagegen bestehen darauf, sie nur gebaut  zu haben, um sich vor Selbstmordattentätern zu schützen. Journalisten von der BBC  – stets um Mäßigung bemüht – wird daher dringend empfohlen, nur von einer Barriere oder bestenfalls von einer Trennbarriere zu berichten. Obwohl – vergleichbar mit der früheren innerdeutschen Grenze – an manchen Abschnitten ein Zaun, an anderen eine Mauer gebaut wurde, wäre es Parteinahme, einen dieser beiden Begriffe zu benutzen.

Der Streit um Worte findet auch im Alltag statt.

Die Israelis nennen die im Land lebenden Palästinenser Araber, um auszudrücken, dass Palästina keine eigene Nation ist, schon gar nicht eine mit eigenem Selbstbestimmungsrecht. Es handelt sich quasi nur um verstreute Araber, die ebenso in Jordanien oder Agypten leben könnten.

Im Gegenzug wird beispielsweise ein Mitglied der im Gazastreifen regierenden Hamas niemals die Worte Israeli oder  Israel in den Mund nehmen – es geht immer nur um Juden oder um Zionisten. Jüdische Siedlungen werden als eroberte bewohnte Gebiete bezeichnet – und die im Gaza-Streifen geräumten Siedlungen dementsprechend als befreite Gebiete.

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