Dubrovnik: Ivo und die Kriege


Ivo sagt, dass er insgesamt 45 Jahre lang in Deutschland gelebt hat. Heute sitzt er auf der Steintreppe vor seinem Haus in der Kovacka, der Schmiedegasse, raucht Pfeife und beobachtet die Ströme von Menschen unten auf der Stradun. Abends hustet er, so laut, dass die Katzen davon laufen und die Nachbarn wach werden. Ivo hat meist als Fahrer gearbeitet, meistens in Stuttgart, einige wenige Male aber auch in Ostberlin. Ich habe alles gefahren, sagt er, Mercedes, Opel, DKW. Sogar Trabi. Weil Jugoslawien damals ein sozialistisches Land war, bestellte die DDR, wenn sie schon Arbeitsbrigaden aus dem Westen anfordern musste, mit Vorliebe solche an, die aus Jugoslawen bestanden.

Einmal stand Ivo auf dem Hochhaus am Leninplatz, im obersten Stockwerk, in dem seine Kollegen Wartungsarbeiten vornehmen mussten, für die es im Osten keine Fachkräfte gab. Bis zum Horizont nur Stadt! – sagt Ivo, bis heute beeindruckt. Und: Die Menschen locker und offen, ganz anders als in Stuttgart, sagt er, wo alles so eng und alle so ängstlich sind.

Als 1991 der Krieg begann, ist er zurück gekehrt. Der Flughafen in Split war schon kaputt, deswegen ging es über Ancona und Mostar, dann mit Bussen, in letzter Minute, nach Dubrovnik rein. Ivo kam, um sein Haus zu beschützen. Das Haus, in dem er geboren wurde, und das seine Familie seit mehr als 200 Jahren bewohnt. Er kam aber auch, um seine Frau zu beschützen. Denn Ivos Frau ist Serbin – Ivo ist Kroate. Oben am Steilhang stand die serbisch-montenegrinische Artillerie und beschoss die Stadt – wer als Serbe in Dubrovnik blieb, brauchte einen Bürgen: Es war eine schwere Zeit, sagt Ivo. Bis heute, wenn wir nach Serbien fahren oder nach Bosnien, sagt alle Welt zu uns: Setzt euch, kommt herein. Aber ihre Blicke sind kalt und voller Angst. Erst nach dem dritten Traubenschnaps, mitgebracht aus Montenegro, spricht er über das Bombardement – wir konnten die Stadt nicht verteidigen! Sie sind mit Schiffen in die Bucht gefahren und haben ihre Granaten von oben auf die Dächer geworfen. Monatelang. Jahrelang. Wir hatten Geld genug, aber es gab nichts zu kaufen. Kein Mehl, keine Kartoffeln, nicht einmal Wasser. Weil Ivo in seinem vierstöckigen Haus die Holzdecken durch Betonböden hat auswechseln lassen, kamen während der Bombardements Dutzende von Nachbarn, um sich zu schützen. Wenn die Bomben fielen, saßen alle im unteren Geschoss – einen Keller gibt es nicht – und sprachen sich Mut zu: Eine Betondecke mag so eine Granate durchschlagen, vielleicht auch zwei, aber doch nicht drei! Ivos Haus ist nicht getroffen worden.

Gut, sag ich zu meiner Frau, dass meine Mutter das nicht hat erleben müssen – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, dann diesen, das hätte sie nicht überstanden. Wir können Gott danken, dass sie tot ist.

Von 1991 bis 1995 wurde Dubrovnik belagert. Als man danach den weißen Marmor auf der Stradun, der Prachtstraße, ausbessern wollte, gab es den Vorschlag, ihn doch dort, wo Granatentreffer waren, mit rotem Marmor aufzufüllen– man hat das wieder verworfen, weil dann die ganze Hauptstraße rot gewesen wäre.

Wir können vergessen, sagt Ivo, aber niemals verzeihen. Verzeihen – niemals.

Heute wohnt Ivo mit seiner Frau während der Winter, in denen in Dubrovnik nicht geheizt wird und die Nässe in die Gemäuer zieht, wieder in Stuttgart.

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Eine Antwort to “Dubrovnik: Ivo und die Kriege”

  1. Segelfilmer Says:

    Der Bericht geht unter die Haut. Es scheint kein Wort zuviel, keines zu wenig.

    Ich wünsche den Menschen in Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Serbien das Beste und alles Liebe für deren jetziges und künftiges Zusammenleben.

    Liebe Grüße – Thomas

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