Bauhaus Bat Shit


Die allermeisten Touristengruppen werden unter Auslassung der Nebenstraßen nur den Rothschildboulevard hoch und runter geschleust, hier stehen die auffälligsten, weil größten Bauhaus-Bauten, die gesamte Innenstadt ist wegen des Bauhaus-Ensembles zum als Unesco-Weltkulturerbe gemacht worden – dieser Titel ist allerdings nicht mit Zuwendungen der Weltorganisationen verbunden, weshalb, um die über 70 Jahre alten mit der Seeluft bröckelig gewordenen Häuser zu erhalten, Investoren gefunden werden müssen, die einen Weg finden, mit den weißen Kästen Geld zu verdienen. Die Stadtverwaltung von Tel Aviv hat eingesehen, dass das heute nicht mehr so leicht ist wie früher – im Originalzustand hatten die Wohnungen keine Klimaanlagen, sondern kleine Fenster und Spalten in den offenen Balkons, die für Durchzug sorgten – wer gibt sich damit heute noch zufrieden. Also sind die Denkmalschutzauflagen gelockert worden: Fenster groß, Balkons geschlossen, Klimaanlagen an den Fassaden – und es ist erlaubt, zwei Stockwerke auf die Dächer zu setzen, sofern der Gesamteindruck nicht beeinträchtigt wird – . Am Boulevard selbst haben sich genügend Medienkonzerne, Pharmariesen, Autohäuser und Werbeagenturen gefunden, die sich von einem Originalbauhaushaus einen Prestigezugewinn versprechen, und die deshalb das ursprüngliche Design erhalten. In den Seitenstraßen dagegen, wo die Mieten etwas niedriger sind, gibt es recht freizügige Interpretationen der Bauvorschriften. Trotz aller Kulturerberei: Viele dieser Bauten werden abgerissen werden müssen, da sind sich alle einig, die Frage ist nur, wann. Als die weiße Stadt geplant und nach und nach erbaut wurde, machte sich keiner der Gründer klar, wer der größte Feind der Bauhausfassade sein würde: Die Fledermaus. In den Palmen und Laubbäumen vermehren sie sich und vertilgen täglich das doppelte ihres Körpergewichts an Insekten und Früchten, die in Bäumen hängen. Logisch, dass die Fledermäuse, wenn sie defäkieren, dies im Fluge tun. Und ebenso logisch ist, dass ihr Kot dann an den weißen Wänden der Bauhaushäuser kleben bleibt, wie dunkle Sprenkel, wer will, kann das für Gestaltung halten. Die Tel Aviver halten es für das, was es ist. Gegen den Bauhaus Bat Shit bislang noch kein Mittel gefunden worden. In den Mägen der Tiere verbinden sich die Reste der Früchte und Insektenpanzer zu einer sauren, leicht ätzenden, schwarzen Flüssigkeit, die sich nicht von den Fassaden entfernen lässt. Überstreichen wäre zu teuer, weil alle sechs Monate ein neuer Anstrich nötig wäre, um den Eindruck der weißen Stadt zu erhalten. Vor einigen Jahren hat man begonnen, die Bäume zu fällen, um den Fledermäusen ihre Rückzugsgebiete und Kinderstuben zu rauben – ein Versuch, der von Erwägungen des Naturschutzes nicht getrübt war und der bald aufgegeben werden musste, weil die Menge der Insekten plagenhaft zunahm, Skeptiker warnten gar vor einer Rückkehr der Malaria. Also ließ man den Tieren ihr Leben und lebt selbst, mehr oder weniger gefasst, hinter mit Fledermauskot gesprenkelten Bauhausfassaden, und versucht, die Situation mit Würde durchzustehen.

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